Es gibt diese Momente, in denen es unglaublich schwierig ist, nicht mit den Augen zu rollen. Stattdessen einatmen, ausatmen, ein deutlich hörbares Seufzen. Das erste Mal, als ich im Gemeinderat der Verabschiedung eines langjährigen Gemeinderats beiwohnte, war so ein Moment. Nach den üblichen Dankesreden des Oberbürgermeisters richtete dieser selbst das Wort ans Publikum und die Öffentlichkeit: Er bedankte sich bei seiner Frau, die ihm all die Jahre „den Rücken freigehalten habe“ für die Gremienarbeit, die ohne sie nicht möglich gewesen wäre, denn schließlich habe er auch Kinder.

Für diese Wertschätzung seiner Ehefrau erntete der Redner warmen Applaus, während ich irritiert im altehrwürdigen Ratssaal saß und überlegte, warum mir diese Situation so sauer aufstieß. Die naheliegendste Antwort darauf ist: Ich war neidisch. Als alleinerziehende Mutter mit drei Kindern, die seit den Gemeinderatswahlen 2014 im Stadtrat von Konstanz sitzt, habe ich nämlich weder einen Ehemann, der mir den Rücken freihält, noch sonstige Familie vor Ort, die mich bei der Kinderbetreuung unterstützen könnte.

Mama fehlt, wenn sie bis spätabends Politik macht

Bei jeder einzelnen Sitzung im Rahmen meines politischen Ehrenamts fehle ich zu Hause. Meine Kinder, die fünf, acht und 13 Jahre alt waren, als ich ins Amt gewählt wurde, waren überhaupt nicht begeistert davon, dass Mama oft bis abends weg war, um Politik zu machen. Jedes Mal, wenn ich mit meinem Stapel an Vorlagen das Haus verließ, bekam ich deutlich ihre Missbilligung zu spüren. Vor allem meine jüngste Tochter, die Asperger-Autistin ist, protestierte oft lautstark.

Trotzdem gehe ich meinem Wunsch nach politischer Teilhabe nach, denn er speist sich aus der tiefen Überzeugung, dass so jemand wie ich, die eigentlich in Gremien mangels Zeit für Politik gar nicht vorgesehen ist, einen wertvollen Beitrag zur Demokratie leisten kann. Politische Gremien sind, egal ob auf kommunaler, auf Landes- oder auf Bundesebene, voll Männern – meist den berühmten alten weißen, und wenn es doch mal eine Frau hineinschafft, dann hat sie erwachsene oder (noch) keine Kinder. Mütter, gar alleinerziehende Mütter von kleinen Kindern, sind rar gesät in der Politik.

Eltern brauchen Zeit und Geld, um sich ehrenamtlich zu engagieren

Ebenfalls politisch wenig vertreten in Gremien sind Menschen, die in Armut leben – was wiederum besonders häufig auf Alleinerziehende zutrifft. Auch auf meinem Konto sah es überhaupt nicht rosig aus, als ich frisch im Amt war. Wir Stadträte erhielten zwar eine Aufwandsentschädigung von 370 Euro im Monat für unser Ehrenamt, aber die hätten nicht einmal ausgereicht, um einen Kindersitter mit Mindestlohn für die Zeiten meiner Abwesenheit zu beschäftigen.

Gemeinderatssitzungen beginnen häufig um 16 Uhr und dauern meist bis 22 Uhr – teilweise wird bis nach Mitternacht diskutiert. Ausschusssitzungen nehmen regelmäßig drei bis fünf Stunden in Anspruch. In den Sitzungswochen ist außerdem ein Abend pro Woche für eine ausgiebige Fraktionssitzung verplant.

Für Menschen mit genügend Zeit und Geld ist das kein Problem, da kann Politik ein schönes, erfüllendes Hobby sein – für andere wie mich jedoch eine ziemliche Herausforderung. Zu Beginn meiner politischen Tätigkeit hatte ich mich gerade selbstständig gemacht. Meinen Haushalt hielt ich gerade so in Schach, und mein Kontostand bereitete mir jeweils ab dem 20. des Monats ernsthafte Sorgen.

Foto: privat
Die Person

Christine Finke ist Autorin und Bloggerin (Mama arbeitet). Bekannt wurde sie mit ihrem Buch „Allein, alleiner, alleinerziehend. Wie die Gesellschaft uns verrät und unsere Kinder im Stich lässt“. 2014 wurde die Mutter von drei Kindern in den Gemeinderat von Konstanz gewählt. Seither ist sie dort ehrenamtliche Gemeinderätin der Wählergemeinschaft Junges Forum Konstanz. 2020 erhielt sie für ihr kommunalpolitisches Engagement den Helene-Weber-Preis.

So kam es mir sehr zupass, dass im Juli 2014 der Punkt „Satzung zur Änderung der Satzung über die Entschädigung ehrenamtlich tätiger EinwohnerInnen“ auf der Tagesordnung stand. Stadträtinnen und Stadträte sollten demnach künftig die durch Sitzungen entstehenden Kosten für Kinderbetreuung erstattet bekommen.

Die Idee war nicht neu, wie mir eine Stadträtin erzählte, die schon vor über 30 Jahren als Alleinerziehende im Stadtrat saß. Damals war sie mit Gelächter und Kommentaren wie „Wo kämen wir denn da hin!?“ abgelehnt worden. 2013 ergriff die Freie Grüne Liste erneut die Initiative und die Verwaltung erhielt den Auftrag, einen Vorschlag zu erarbeiten.

Er besagte, dass die Kinderbetreuungskosten künftig auf Antrag „bis max. 10 Euro/Stunde für die Betreuung von Kindern unter 14 Jahren während der Sitzungen des Gemeinderates und seiner Ausschüsse und Beiräte“ erstattet werden sollten. Zu meiner großen Erleichterung fand der Vorschlag in unserem Stadtrat eine Mehrheit.

Im Vorfeld hatte es kritische Stimmen gegeben: Es war die Rede davon, dass man so ein Amt nur antreten solle, wenn man es auch „einrichten“ könne. Kinderbetreuung sei Privatsache, und wer das nicht geregelt bekomme, könne eben kein Amt ausüben. Die politische Teilhabe von Frauen, die Vereinbarkeit von Familie und Mandat zu fördern, hielten nicht alle für wünschenswert.

Das Buch

Dieser Essay ist der Auftakt des aufregenden Buchs „Demokratieverstärker. 12 Monate, 21 Ideen“. Denn Demokratie braucht Offenheit, Konfrontation und klare Spielregeln – mühsam und eine Art Stresstest in Krisenzeiten. Hier kommen 21 kluge und erfahrene Persönlichkeiten mit ganz konkreten Ideen zu Wort. Einzige Bedingung: Sie müssen innerhalb eines Jahres umsetzbar sein.

Ohne den Beschluss, die Kinderbetreuungskosten zu erstatten, wäre ich in echte Geldnot geraten. So aber konnte ich zwei Minijobberinnen einstellen, die sich die Termine aufteilten, was ganz wunderbar funktionierte. Zwar lagen die Kinder fast nie im Bett, wenn ich spätabends nach Hause kam, einfach, weil es so aufregend war, dass eine fremde Person zum Aufpassen da war und Mama für den Gute-Nacht-Kuss fehlte, aber ich wusste sie bestens versorgt.

Auch moderne Väter profitieren

Rein praktisch sah es so aus, dass ich für jeden Kindersitter-Einsatz ein Formular ausfüllte, auf dem die genauen Uhrzeiten, das Gremium, der Stundenlohn und Unterschriften einzutragen waren. Dieses Formular reichte ich mit der Bitte um Erstattung ein. Seit dem Beschluss haben genau drei Stadträtinnen und zwei Stadträte diese Möglichkeit in Anspruch genommen.

Die beiden Männer, junge Väter, kenne ich gut – beide sagten mir, sie hätten die Erstattung der Kinderbetreuung „einige Male“ genutzt, weil die Partnerin noch studierte. Auch müssen ja junge Familien generell eher aufs Geld achten.

Junge Väter sind ebenfalls ein echter Gewinn für politische Gremien. Auch sie leiden unter Zeitnot und bereichern die Gremien sehr, nicht nur inhaltlich, sondern auch durch ihre Haltung und Arbeitsweise. Weil sie nicht zu endlosen, selbstverliebten Monologen neigen und ihnen feministische Ansätze nicht fremd sind. Sätze wie „Willst du dich nicht lieber um deine Kinder kümmern, anstatt hier herumzusitzen?“ bekommt man von ihnen nicht zu hören.

Auch das Land Berlin sollte Kinderbetreuungskosten ersetzen

Es kostet also nicht die Welt, die Kinderbetreuungskosten zu erstatten. Dass es bundesweit noch nicht überall Standard ist, die Vereinbarkeit von Familie und Mandat auf diese Art zu fördern, liegt selbstverständlich am Föderalismus – aber die Recherche in den 16 Bundesländern bringt Interessantes zutage: Rein theoretisch ist nämlich schon in den Gemeindeordnungen von mindestens acht der 16 Länder ausdrücklich die Möglichkeit verankert, diese Kosten zu erstatten. Ob das in Berlin der Fall ist, konnte ich bisher nicht klären. Denn die Pressestelle des Berliner Senats war die einzige von 16, die mir auf meine Anfrage nicht geantwortet hat. 

Ist die Bezahlung der Kinderbetreuung geregelt, gibt es weniger Gründe, neidisch auf Männer zu sein, die sich bei der Ehefrau fürs „Rückenfreihalten“ bedanken.

Mittlerweile habe ich mich bei Verabschiedungen von langjährigen Ratsmitgliedern besser im Griff. Ich kriege das hin, ohne laut zu seufzen. Werden Frauen verabschiedet, hört man nie, sie hätten das ohne ihren Ehemann unmöglich machen können. Aber immerhin können ausscheidende Rätinnen und Räte neuerdings wählen, ob sie lieber Wein oder Blumen als Abschiedspräsent überreicht bekommen wollen. Bis vor kurzem bekamen Frauen automatisch Blumen und Männer ein Weinpaket. Eines weiß ich jetzt schon: Ich nehme dann den Wein.


Demokratieverstärker, 12 Monate, 21 Ideen: Hg. von Elisabeth Niejahr und Grzegorz Nocko, Campus Verlag, 245 S., 22,95