Die Berliner Schriftstellerin Kirsten Fuchs
Foto: Paul Bokowski

BerlinIch hatte einen Albtraum. Ich habe geträumt, dass jetzt nicht nur das große Kind Wochenpläne von der Schule bekommt, sondern auch das kleine Kind. Vom Kindergarten.

Entweder hat es zu oft „Will auch!“ gesagt, oder der Kindergarten in meinem Traum hatte Angst, dass die Kitakinder auch zu kurz kommen in dieser Zeit, und sie sind ja schon so kurz.

Die Kitakinder sollen nicht zurückbleiben hinter – keine Ahnung – Kitakindern aus anderen Ländern, obwohl die auch alle gerade lahmgelegt sind und alle für immer in ihrem Lebenslauf diese Lücke haben werden. Was hast du denn in diesem halben Jahr gemacht, wird man die Kitakinder fragen? Was hast du da gelernt? Hast du dich qualifiziert?

Der Wochenplan ist lang und hat viele Fächer. Zum Beispiel: Motorik. Da steht: Tanzen. In Klammern stehen Musikvorschläge, wo ich gleich weiß, das ist mit so einem Idiotentakt für Kinder unterlegt, weil die das so brauchen. Klatschklatschklatsch, die Eltern mit der Stirn gegen die Wand auf jeden Fall.

Außerdem steht unter Motorik: „Hinfallen. Und wieder aufstehen.“ Das Hinfallen sei besonders wichtig. Wir sollten für diese Übung rutschige Socken besorgen, also stricken. Das kleine Kind soll hinfallen, aber ohne sich zu stoßen. Wir sollen das unterstützen, aber nicht herbeiführen. Wir sollen trösten, aber nicht zu doll.

Nächstes Fach: Kreativität. „Nehmen Sie eine Chipsrolle und drei Klopapierrollen ...“ Ich lese nicht weiter. Klopapierrollen? Keine Pointe. Und ich kauf nicht extra bestimmte Chips, nur weil die in einer Rolle sind. Das haben die doch mit Absicht gemacht, damit ständig die Eltern diese Chips kaufen müssen, um dann den giftigen Inhalt wegzuwerfen, damit aus der Rolle was gebastelt wird. Ein Irgendwas, was dann bekleckst und mit Kreppapierfransen beklebt ewig irgendwo rumhängt.

Unter „Materialkunde“ steht: „Bestellen Sie bei Kleinkindbedarf.de gereinigten Modderpampenersatz und lassen Sie Ihr Kind damit experimentieren. Besorgen Sie einen TÜV-geprüften Spielstock. Damit kann das Kind den Modderpampenersatz erforschen. Versuchen Sie, so viele Anwendung wie möglich anzubieten: rühren, stippen, spritzen.“

Der letzte Punkt ist: „Alltag“. „Binden Sie Ihr Kind in alle alltäglichen Verrichtungen ein und erklären Sie dem Kind was Sie tun, sagen Sie: ‚Ich räume die Waschmaschine ein‘, wenn Sie die Waschmaschine einräumen.“ Es ist völlig hupe, was ich mache – das Kind beteiligt sich von alleine an allen Verrichtungen im Haushalt auf eine Art und Weise, dass ich einen Knall bekomme.

Haushaltszeug mit Zweijähriger erledigen ist, als ob hinter dir drei Affen rumspringen, die alles umwerfen, was du aufgestapelt hast, einfach weil’s Spaß macht. Auf deiner Schulter hängt ein Nashorn, an deinem Besen zerrt ein wilder Dachs. Wie zum Hohn wiederholt ein Papagei die ganze Zeit, was du sagst. „Ich räume die Waschmaschine ein. Ich räume die Waschmaschine ein. ICH räume die Waschmaschine ein. ICH räume die Waschmaschine ein.“

Ganz unten auf dem Wochenplan steht: „Vergessen Sie nicht auch mal was für sich zu machen, liebe Eltern, in dieser schweren Zeit.“ Ich atme ein, ich atme aus. So, was für mich gemacht.

Dann zerknülle ich das Blatt und sage zum Kind „Ich zerknülle gerade das Blatt.“ Und um das Kind einzubeziehen, sage ich: „Möchtest du auch?“ Das Kind sagt: Meins. Das Blatt zerreißt. Dann werfen wir es gemeinsam in den Mülleimer, üben Hinfallen und bleiben liegen. Das ist schön.