Berlin - Eine Klage zweier Grundschüler machte es möglich: An diesem Mittwoch kehren die Berliner Schulen für die letzten zwei Wochen vor den Sommerferien noch einmal zum Regelbetrieb zurück. Das Verwaltungsgericht hatte entschieden, dass die aktuellen Inzidenzen keine hinreichende Begründung für den Wechselunterricht sind. 

Alexander Bürge, Lehrer für Deutsch, Mathematik und Sport an der Grunewald-Grundschule, freut sich, dass die Kinder nun noch einmal in voller Klassenstärke zurückkehren. Er ist Klassenlehrer einer sechsten Klasse, die sich ohne die Entscheidung des Verwaltungsgerichts nicht mehr wiedergesehen hätte, bevor alle auf die weiterführenden Schulen wechseln.

Herr Bürge, wie blicken Sie auf die verbleibenden Tage dieses verrückten Schuljahres?

Mir hat die Vorstellung Bauchschmerzen bereitet, dass sich die Kinder nicht mehr wiedersehen, deswegen freue ich mich auf die nächsten zwei Wochen. Einer meiner Schüler hat einen Wahnsinns-Wachstumsschub gehabt, davon hat die Hälfte der Klasse auf Grund des Wechselunterrichts überhaupt nichts mitgekriegt. Da ist mir klar geworden, wie lange wir nun schon nicht mehr alle gemeinsam waren, die Kinder haben sich viele Monate nicht gesehen. Da freut man sich schon sehr für die Schüler.

Es landen bestimmt auch gute Freunde in unterschiedlichen Wechselunterrichtsgruppen und sehen sich dann lange nicht.

Wir haben versucht, darauf zu achten und bei der Einteilung auf enge Freundschaften Rücksicht zu nehmen, aber das gelingt natürlich nicht in allen Fällen und daher stimmt es schon, dass sich gute Freunde jetzt lange nicht gesehen haben.

Sind Sie eigentlich geimpft?

Ja! Ich habe am Freitag durch einen Zufall meine Zweitimpfung bekommen – eigentlich wäre ich erst in ein paar Wochen dran gewesen. Ein bekannter Arzt hatte Impfstoff übrig und hat mich angerufen, weil er wusste, dass ich nun wieder mit annähernd 30 Leuten in einem Raum sein werde.

Wiedersehen nach vielen Monaten

Was haben Sie vor am Tag des Wiedersehens?

Wir wollen uns als Klasse gemeinsam beschäftigen und eine Art Abschlusszeitung erarbeiten, jeder wird seine Eindrücke aus den letzten Wochen und Monaten beitragen, die wollen wir uns auch alle anhören und ins Gespräch kommen. Es wird auch Gruppenarbeiten geben, in denen ich die Kinder aus den verschiedenen Wechselunterrichtshälften gemeinsam einteilen werde. In den Gruppen wird gebastelt, anschließend machen wir gemeinsam Abschluss-Fotos mit einer Graduierten-Kappe!

Das klingt nach viel Spaß!

Ja – Sie merken, es wird jetzt nicht in erster Linie um Fachinhalte gehen, sondern darum, dass sich alle wieder sehen und gemeinsam eine gute Zeit haben.

Gilt das nur für morgen oder wird es auch in der restlichen Zeit wenig ums Stoffaufholen gehen?

Vor allen Dingen sollen die Kinder noch einmal als Klasse zusammenwachsen. Wir werden ganz viel draußen unternehmen. Donnerstag zum Beispiel gehen wir einfach gemeinsam zu einem Spielplatz. Dort werden wir ein paar angeleitete Spiele spielen und den Tag gemeinsam verbringen. Das werden wir bis zum Schuljahresende viel machen, einfach mal für eine Doppelstunde rausgehen. Was die Unterrichtsinhalte angeht, werden wir ein paar Dinge wiederholen und punktuell in bestimmte Themen reingehen, die in der siebten Klasse eine Rolle spielen werden. Im Vordergrund steht der soziale Umgang miteinander und das Wiedersehen.

Ändern sich die Hygieneregeln?

Wie haben Sie denn die Kinder in der Pandemie erlebt?

In der Zeit der Schulschließung habe ich sehr unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Da waren bedrückte Kinder, die von zu Hause berichtet haben, dass ihre Eltern sehr gereizt sind und unter Druck stehen. Dieser Stress wirkt sich natürlich auch auf die Kinder aus und das haben sie dann auch mit in die Schule gebracht. Andere Kinder sind richtig aufgeblüht, haben durch die Wochenpläne im Wechselunterricht an Selbstständigkeit gewonnen. Sie haben zu Hause tolle Arbeit geleistet haben und sind generell selbstsicherer geworden sind. Oft waren das interessanterweise Kinder, bei denen ich das nicht unbedingt erwartet hätte.

Wie blicken denn die Kinder auf die kommenden Tage im Regelbetrieb?

Eigentlich freuen sie sich – aber sie äußern auch Bedenken. Das ist auch für sie jetzt eine Situation, mit der sie umgehen müssen. Ich meine, sie habe jetzt über ein Jahr lang wieder und wieder gesagt bekommen, wie wichtig der Abstand sei und jetzt sitzen sie auf einmal wieder mit der ganzen Klasse in einem Raum direkt nebeneinander.

Haben sich die Hygienemaßnahmen für die Zeit im Regelbetrieb geändert?

Nein, wir testen die Kinder zweimal die Woche durch, drinnen tragen sie eine Maske. Das einzige, was sich ändert, ist der wegfallende Mindestabstand. Allerdings muss man ja auch sehen, dass die Kinder zu beinahe der gesamten Klasse Abstand halten können, nur nicht zu den unmittelbaren Sitznachbarn.