Berlin - „Und wir konzentrieren uns auf unseren rechten Fuß. Die Atmung fließt weiter. Wenn die Gedanken abschweifen, holen wir sie zurück.“ Vera Kaltwasser redet mit beruhigender Stimme in ihre Webcam und ist auf Hunderten Laptops von Schülerinnen und Schülern, Lehrkräften, Eltern und anderen Menschen aus dem Bildungssystem in ganz Deutschland zu hören. Sie leitet die Meditation an, die den #wirfürschule-Hackathon an vier von fünf Tagen eröffnet.

Der Hackathon, eine Konferenz und Projektarbeit zum Thema Schule der Zukunft, wurde letztes Jahr ins Leben gerufen. Die Corona-Pandemie offenbarte für die beiden Berliner Initiatoren Verena Pausder und Max Maendler die Rückständigkeit des deutschen Bildungssystem. Zugleich sahen sie die Chance für ein großes „Update“, wie Maendler es nennt. Der Hackathon 2020 sollte Ideen und Lösungsvorschläge für den Distanzunterricht und die schwierige Situation der Schüler bringen und hatte damit großen Erfolg: Es nahmen 6000 Menschen teil, das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) übernahm die Schirmherrschaft und so entstanden erfolgreiche Initiativen wie Naklar.io, die ehrenamtlich Online-Nachhilfe für Schüler organisiert. In dieser Woche findet nun der zweite #wirfürschule-Hackathon statt.

Die Corona-Krise als Katalysator

Was die Teilnehmenden eint, ist ein kritischer und unzufriedener Blick auf unser aktuelles Schulsystem. Sie teilen aber auch den Glauben an die Corona-Krise als großen Katalysator für einen Umbruch in der Schulkultur. Alle wollen ins Handeln kommen. Es geht dabei nicht um ein paar kleine Änderungen und Anpassungen des Schulsystems, sondern um eine veritable Revolution.

„Wir alle wünschen uns eine Schule, die von der Erkenntnis durchdrungen ist, dass man Kinder nicht mit den Methoden von gestern für eine Welt von morgen vorbereiten kann“, heißt es in dem 40-seitigen nationalen Curriculum, das im Laufe des Hackathons überarbeitet werden soll. Erstellt hat es der Zukunftsrat, eine Gruppe von hundert ausgewählten Bürgern, die sich über einen Monat hinweg immer wieder getroffen und diskutiert haben.

Das Curriculum will eine grundsätzlich andere Art von Schule, als wir sie bisher in Deutschland kennen. Die alte Schule, in der eine Lehrkraft eine Stunde lang in einem Raum ein Fach unterrichtet, habe ausgedient. Die „Schule von morgen“ soll individueller sein und legt weniger Wert auf Fachwissen. Stattdessen beschäftigt sie sich „mit den großen ungelösten Fragen des Lebens“, sagt Maendler. Dieses Curriculum wird im Laufe des Hackathons weiter ausgearbeitet und bekommt Feedback von den Teilnehmern.

Mehr Demokratie in der Schule

Jeden Morgen finden sich nach der Meditation die Teams, die an der Umsetzung der einzelnen Punkte des Papiers arbeiten. Erfahrene Lehrkräfte arbeiten dabei tatkräftig mit 13-jährigen Schülerinnen zusammen. Dabei ist auch der 16-jährige Sebastian aus Landsberg am Lech (Bayern), der auf Instagram auf den Hackathon gestoßen ist. Warum er mitmacht? „Ich möchte Schule aktiv mitgestalten. Auf demokratischem Wege sollen Schülerinnen und Schüler in engem Kontakt mit Lehrern in Entscheidungsprozesse über die Gestaltung der Schule eingebunden werden. Ich finde es wichtig, dass Schüler bereits im jungen Alter demokratische Partizipation erleben.“

In den Gruppen des Hackathons wird an Online-Tafeln gearbeitet, bunte Zettel mit Ideen und Feedback werden angeheftet. Hier wird es sehr konkret, junge Start-upper überlegen gemeinsam mit Lehrkräften, wie man niedrigschwellig Fortbildungen anbieten kann. Alle Teilnehmer stellen sich auf dem Tafelbild mit Foto und ein paar Angaben zur Person vor. Dazu gehört auch, dass jeder seine „Superkraft“ angibt, ein besonderes Talent oder besondere Kenntnisse zu einem bestimmten Bereich.

Nick Krichevsky ist Englisch- und Biologie-Lehrer an einer Integrierten Gesamtschule in Hildesheim. Er war schon 2020 begeisterter Teilnehmer des Hackathon und hat dieses Jahr praktisch seine halbe Schule mitgebracht, 15 Kollegen und viele Schülerinnen und Schüler sind dabei. Gemeinsam wollen sie überlegen, wie ihre Schule projektorientierter und nachhaltiger werden kann. Krichevsky stellt ein Projekt der Gesamtschule im Rahmen des Hackathon als Good-Practice-Beispiel vor: die sogenannte Sommerschule. Was sich nach einem zusätzlichen Kurs in der Zeit der Sommerferien anhört, hat es in sich. Die achten Klassen der Schule fahren mit einer Lehrkraft nach Finnland oder Dänemark, errichten dort ein Zeltlager und lernen dort gemeinsam zum Thema Nachhaltigkeit. Solche Good-Practice-Beispiele werden täglich vorgestellt und dienen beim Hackathon als Inspiration für die Entwicklung eigener Ideen.

KMK will sich ernsthaft mit den Ergebnissen beschäftigen

Diese geballte innovative Kraft spürt Max Maendler in diesem Jahr besonders. „Ich bin begeistert, dass so viele Menschen am Ende eines so anstrengenden Schuljahres noch die Energie aufbringen, gemeinsam an der Schule von morgen zu arbeiten. Letztes Jahr ging es um technische Lösungen für die geschlossenen Schulen. Dieses Jahr drehen sich die Diskussionen viel grundsätzlicher um unser Schulsystem. Das ist gut so, denn an diese Eckpfeiler müssen wir ran!“

Ob die Vorschläge des Curriculums aufgegriffen werden, entscheidet letztlich die Kultusministerkonferenz (KMK). An sie wird die Schlussfassung schließlich übergeben. Maendler ist optimistisch: „Britta Ernst, die KMK-Präsidentin, hat uns bei der Eröffnung versprochen, dass sich die KMK ernsthaft mit den Ergebnissen des Hackathons auseinandersetzen und uns Rückmeldung geben wird, was sich davon wie umsetzen lässt. Dieser Dialog, dieses Miteinander ist der beste Weg, um zu einer grundlegenden Erneuerung unseres Schulsystems zu kommen. Das spornt uns an!“