Das Lachen wird ihnen schon noch vergehen! Zu große Kinder vor dem zu kleinen Sofa.
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BerlinWoche drei im Ausnahmezustand. Ich sitze auf der Kellertreppe und telefoniere. Mein Mann wirft im Vorbeigehen seine Daunenjacke über meinen Rücken. Auf der Kellertreppe ist es kalt. Mein Mann ist in mein Arbeitszimmer gezogen. Am Küchentisch machen die beiden Schulkinder ihre Hausaufgaben. Im Wohnzimmer residiert die Studentin. In unserem smarten Townhouse gibt es WLAN und Telefonnetz nur in den unteren beiden Etagen. Ein super Coup, dachten wir damals, kein WLAN in den Kinderzimmern! Das rächt sich nun - und zwar an mir. 

Alle tummeln sich auf den wenigen WLAN-Quadratmetern. Zum Telefonieren bleibt mir nur die Kellertreppe. Im Sitzen sammle ich die schmutzigen Geschirrhandtücher auf. Langsam sehe ich aus wie einer der Wäschehaufen, die überall im Haus anwachsen. Würde jemand darunter nach mir suchen?

Die Quarantäne-Zeit begann für uns wie die erste Schulwoche meiner Jüngsten. Am ersten Tag ein ordentlicher Motivationsschub, zweiter Tag okay, am dritten Tag die Frage: Muss ich da wieder hin? Und dann Weltuntergang.

Rollenspiele

Es beginnt mit einer harmlosen Frage im Familienchat. Mein Mann bittet um eine Tasse Kaffee. Eine halbe Stunde lang antwortet niemand. Ich mache also Kaffee und klopfe an der Tür zu meinem Arbeitszimmer. Ich höre, wie mein Mann zu irgendwem sagt, er würde nur mal schnell die Tür zu seinem ‚Büro‘ schließen. Dann öffnet er die Tür gerade so weit, dass er die Kaffeetasse greifen kann und zischt: „Bin in einem Rollenspiel“. Tür zu. Mein Mann ist Volkswirt, kein Schauspieler oder Familientherapeut. Warum flüchten Volkswirte nun in Rollenspiele, wo sie die Welt retten müssten?

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Ich krieche wieder unter meinen angewärmten Wäschehaufen. Jetzt könnte ich ein paar praktische Überlebenstipps gebrauchen. Das ist das Spezialgebiet meiner Freundin M. aus München. Sie kommt vom Land, kann Traktor fahren, Ferkel kastrieren, Brot backen und E-Gitarre spielen. Unter meinem Wäschehaufen ist es warm wie in einer Biogasanlage. Es sind noch ein paar klamme Handtücher, Unterhosen und Socken dazugekommen.

Absurde Hausaufgaben

Eigentlich müsste ich Mittagessen machen. Aber die Älteste hat gerade erst gefrühstückt. Die Mittlere kocht Porridge. Außerdem müsste die Spülmaschine noch ausgeräumt werden. Und meine Jüngste braucht Hilfe bei den Englisch-Aufgaben. Sie soll ihr schlimmstes „horoscope“ aufschreiben. Meiner mittleren Tochter soll ich helfen, die passende Werbung zum Film „Hotel Ruanda“ über den Massenmord auszuwählen. Die Schüler sollen eine Programmkonferenz nachstellen. Programmkonferenzen zu Massenmord? Da fällt mir als Werbung ‚Kijimea Reizdarm‘ ein. Ich mache mir Notizen für den nächsten Elternabend.

Dann rufe ich bei der Weltrettung an. M. geht gleich ran. Sie sitzt auch unter einem Wäschehaufen. Ihre Söhne und ihr Mann spielen von morgens bis abends Federball. In der Zwischenzeit hat M. über die Mutter eines nach China zurückgekehrten Freundes eine Lieferung von 20.000 Schutzmasken organisiert. Kein Schmarrn. Die liegen nun beim bayerischen Zoll. Der verlangt Gebühren. Dabei möchte M. die Schutzmasken verteilen, schnell und gratis. Jedem, der M. kennt, ist das sonnenklar. Aber wie soll der Zoll sie unter dem Wäschehaufen finden?

Meine anderen Freundinnen sammeln gerade ihre Teenies aus dem Gap-year wieder ein. Gap - wie zynisch das nun klingt. Es ist nichts gegen das hier. In meinem Haufen ist es dunkel geworden. Irgendjemand hat im Keller das Licht ausgemacht. Ich mache den letzten Anruf. Es ist Abend geworden. 

Zu große Kinder auf dem zu kleinen Sofa

Von oben dröhnen Maschinengewehrsalven und britische Jagdbomber-Geschwader. "Band of Brothers", Folge XY, Staffel XY. Mein Mann und die Studentin lieben das. In einer Feuerpause klettere ich aus meinem Haufen zur Familie auf das Sofa. Dort ist es eng. Die Kinder irgendwie zu groß oder das Sofa zu klein. Ich würde müffeln, sagt mein Mann. Das bin nicht ich, sage ich, es ist der Wäschehaufen.

Für mich gibt es nun "Pastewka", Folge XY, Staffel XY. Lustig und etwas abgehangen. Haha, wie der Wäsche ... nein, es gibt noch Abgehangeneres: Die Jogginghosen, in denen plötzlich alle rumlaufen. Nachbarn, die man sonst bei Tageslicht nicht zu Gesicht bekommt, trotten nun schon vormittags in Jogginghose und mit Kapuze über dem Kopf zum Müllraum. Sogar die eigenen Kinder tragen nichts anderes mehr. Überall ausgebeulte Knie und Pos, die tiefer hängen als Mastino-Schnauzen.

Der einzige Profi im Homeoffice weit und breit bin ich. Nach dem Vorbild von Isabel Allende sieht mein Schreibtisch mich nur geschminkt. Am ersten Tag zu Hause sagte mein Mann nach einer halben Stunde, er würde sich mal die Nägel schneiden gehen. Ein Kardinalfehler. Niemals während der Arbeitszeit Körperpflege betreiben. Sondern vorher! Ich ahne Schlimmes.