Vor und nach den Prüfungen sollen alle Oberflächen in den Schulen gründlich gereinigt werden. Aber womit?
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BerlinDie Vorgaben der Senatsschulverwaltung zur Umsetzung der Abschlussprüfungen am 20. April sorgen weiter für Irritation: An den Prüfungstagen sollen die Schulen mit Desinfektionsmittel für Hände und Oberflächen sowie Einweghandschuhe für die Lehrkräfte ausgestattet sein. Zuständig dafür: die Schulträger, also in den meisten Fällen die Bezirke, die das entsprechende Schreiben erst am Montag erreichte.

Heike Schmitt-Schmelz (SPD), Schulstadträtin von Charlottenburg-Wilmersdorf, ist irritiert: „Das sind alles Sachen, die ich zur Zeit überhaupt nicht beschaffen kann“, sagte sie der Berliner Zeitung. Einzelne Schulen hätten ihr einen Bedarf von 1500 Einweghandschuhen vorgerechnet, weil sie nicht nur die Lehrkräfte, sondern auch ihre Prüflinge ausstatten wollten. Aus ihrer Sicht liegen beim Senat die Prioritäten falsch: „Wir versuchen überall zu erklären, dass Desinfektionsmittel und Handschuhe für medizinisches Personal vorgehalten werden, und jetzt soll das knappe Material für Prüfungen verwendet werden“, sagte Schmitt-Schmelz.

Auch Torsten Kühne (CDU), Schul- und Gesundheitsstadtrat von Pankow, sagte am Dienstag: „Der freie Markt ist leergefegt.“ Über die Senatsgesundheitsverwaltung versucht er gerade unter anderem, an 50 Liter Desinfektionsmittel zu kommen – dringender Bedarf für medizinische und pflegerische Einrichtungen in seinem Bezirk. „Bei aller Liebe für den Schulbereich, es ist doch klar, dass Krankenhäuser und Pflegeheime jetzt Vorrang haben“, sagte Kühne der Berliner Zeitung.

Die Bezirksämter arbeiten vielerorts mit einer Notmannschaft – und haben eigentlich anderes zu tun. „Der Fokus liegt natürlich immer noch auf der Pandemiebekämpfung“, so Kühne. Wenn aus Scheeres' Verwaltung immer mehr Aufgaben kämen, würde zumindest in Pankow Personal an anderen Stellen fehlen: „Kollegen aus dem Schulamt helfen zum Beispiel momentan bei der Kontaktverfolgung von infizierten Personen.“ Aus der Senatsbildungsverwaltung hieß es am Dienstag, man treffe Vorbereitungen, um die Schulen zumindest mit Einweghandschuhen zu versorgen.

Wer braucht ein Attest, wer braucht keins?

Doch auch an den Schulen selbst ist nach dem Rundschreiben aus der Senatsschulverwaltung noch einiges ungeklärt, besonders in Bezug auf die Prüfungsformalia: Es gibt zahlreiche Bedingungen, unter denen Schüler nicht teilnehmen dürfen. Dazu gehört nicht nur der Kontakt zu infizierten Personen oder mögliche Erkältungssymptome, sondern auch die Zugehörigkeit zu Risikogruppen, ein Auslandsaufenthalt weniger als zwei Wochen vor der Prüfung oder Kontakt zu einer anderen Person, die weniger als zwei Wochen vorher aus dem Ausland zurückgekehrt ist. Auch eine Körpertemperatur von mehr als 37 Grad ist laut Senatsschulverwaltung ein Grund, nicht zur Prüfung zu erscheinen.

Die Vereinigung der Berliner Oberstudiendirektoren (VOB) sieht durch das entsprechende Rundschreiben der Senatsschulverwaltung das „übliche Prüfungsrecht für 2020 de facto grundsätzlich außer Kraft gesetzt“. In einer Pressemitteilung der Gymnasialschulleiter hieß es: „Ist es normalerweise nötig, die Nichtteilnahme an einer Prüfung mit einem ärztlichen Attest auf der Grundlage eines Arztbesuches nachzuweisen, gilt für 2020 umgangssprachlich gesehen: ‚Wer kommt, der kommt und wer nicht kommt, kommt eben nicht.‘“

Ein Sprecher der Senatsschulverwaltung wies das zurück: Dass Atteste nötig seien, habe man als Selbstverständlichkeit betrachtet. Doch mit dem Inhalt des Rundschreibens passt das nicht vollständig zusammen: Den Kontakt zu einer Person, die vor weniger als zwei Wochen aus dem Ausland zurückgekehrt ist, kann man sich beispielsweise nicht ärztlich attestieren lassen.

Können bis zu den Sommerferien alle „durchgeprüft“ werden?

Einige Schulleiter rechnen mit vielen Abwesenheiten bei den Prüfungen: „Bei so vielen möglichen Ausnahmen wird das eine Abstimmung mit den Füßen“, sagte etwa Sven Zimmerschied, Schulleiter der Friedensburg-Oberschule. Er ist Vorstandsmitglied der Vereinigung der Berliner Sekundarschulleiter (BISSS), die genau wie die Gymnasialschulleiter eine Absage aller Abschlussprüfungen fordert. Stattdessen soll das Abitur auf der Grundlage der erbrachten Semesterleistungen zuerkannt werden.

Die Befürchtung, dass am Ende des Schuljahrs nicht alle Abiturientinnen und Abiturienten vollständig „durchgeprüft“ sein könnten, steht schon seit Wochen im Raum: Die Gymnasialleitervereinigung VOB forderte die Kultusministerkonferenz (KMK) am Montag dazu auf, eine Regelung zu finden, wie bei allen Kandidatinnen und Kandidaten das Abitur festgestellt werden könnte: „Der Auffassung der KMK, dass am Ende der Prüfungszeiträume im Jahr 2020, die sich von Bundesland zu Bundesland wegen des sehr unterschiedlichen Sommerferienbeginns sehr unterscheiden, alle Abiturientinnen und Abiturienten in allen Bundesländern alle Prüfungen werden absolviert haben werden, kann man nur entschieden und grundsätzlich widersprechen“, so die VOB.

Doch das ist ein Szenario, mit dem sich offiziell noch niemand beschäftigen will. Die KMK warnte am Dienstag vor Panikmache: „Wir gehen momentan davon aus, dass es genug Nachschreibetermine gibt“, sagte ein Sprecher. Auch aus der Senatsbildungsverwaltung hieß es, man rechne momentan nicht damit, dass es am Ende des Schuljahres eine hohe Zahl an nicht „durchgeprüften“ Schülerinnen und Schülern geben könnte. Weiterhin gilt die Devise trotz massiver Proteste: Berlin geht keinen Einzelweg und hält sich an den KMK-Beschluss vom 25. März, die Abschlussprüfungen nicht abzusagen.

Doch wie so häufig in diesen Zeiten ist unklar, wie lange es bei diesem Entschluss bleiben wird: Sollte die momentan bis 19. April geltende Kontaktsperre verlängert werden, müsse auch die Durchführung der Abschlussprüfungen neu betrachtet werden, hieß es aus der Bildungsverwaltung. Bund und Länder wollen sich am Dienstag nach Ostern neu beraten.