Der neue Bundesbericht zum wissenschaftlichen Nachwuchs, der letzte Woche vorgestellt wurde, bietet ein zwiespältiges Bild. Insgesamt beschäftigen die deutschen Hochschulen 168.000 Personen im wissenschaftlichen Bereich unterhalb einer Professur. Etliche von ihnen promovieren, die übrigen haben ihr Ziel schon erreicht und möchten sich als sogenannte Postdocs für eine Professur, zumindest für eine langfristige Tätigkeit in der Wissenschaft qualifizieren. 92 Prozent dieser Gruppe sind befristet beschäftigt – vor 15 Jahren lag der Anteil bei 86 Prozent. Obwohl seit langem, vor allem von Gewerkschaften und Interessenvertretungen, eine Erhöhung der Quote unbefristeter Stellen unterhalb der Professur gefordert wird, geht die Entwicklung in die entgegengesetzte Richtung. Ist das ein Versagen des Hochschulsystems? Oder handelt es sich um die Effekte unzureichender Finanzierung?

Wer diese Fragen beantworten möchte, muss genauer hinsehen. 2018 promovierten an deutschen Hochschulen 174.000 Menschen; die Zahl der Promotionsabschlüsse lag zuletzt bei rund 30.000 jährlich. Insgesamt gibt es in Deutschland derzeit 47.592 Hochschulprofessuren, von denen im Jahr durchschnittlich 1300 neu besetzt werden. Daraus ergibt sich eindeutig, dass für jeden Promovierenden nur eine verschwindend geringe Chance besteht, sich erfolgreich auf eine Professur zu bewerben. Wer derzeit nach dem Erwerb des Doktorgrades eine wissenschaftliche Karriere auf der Basis einer Dauerstelle anstrebt, hat also objektiv schlechte Aussichten, dieses Ziel auch zu erreichen.

Das Wissenschaftssystem unterhalb der Professur ist primär ein Qualifizierungssystem – dafür bleiben befristete Verträge sinnvoll und geboten. Dennoch können die aktuellen Zahlen nicht befriedigen, denn sie schaffen nur wenige Spielräume für langfristige Karriereoptionen. Gerade an großen Hochschulen benötigen wir mehr Dauerstellen jenseits der Professur, mit Schwerpunkt in der Lehre, unter Einbeziehung eigener Forschungsaufgaben. Das wiederum ist kaum kostenneutral zu realisieren, will man nicht gleichzeitig die Zahl der befristeten Einstiegspositionen drastisch reduzieren. Mehr Dauerbeschäftigung für Postdocs lässt sich nur umsetzen, wenn auch mehr Geld ins System kommt.

Ein wesentlicher Teil des Problems ist die Tatsache, dass wir uns zu viele Doktorandinnen und Doktoranden leisten. Bezogen auf seine Gesamtbevölkerung hat Deutschland eine weltweit überdurchschnittliche Promotionsquote; sogar forschungsstarke Länder wie die USA oder Großbritannien liegen deutlich darunter. Einzelne Fachkulturen argumentieren häufig, man brauche Promotionen für die forschungsbasiert arbeitende Industrie, etwa bei Ingenieuren und Chemikern. Die Frage ist jedoch, ob die durch eine Promotion erworbenen Fertigkeiten nicht auch schon in forschungsorientierten Masterstudiengängen erlangt werden können. Die extrem hohen Promotionszahlen sind durch den Bedarf an Führungskräften kaum gerechtfertigt, wenn man berücksichtigt, dass Länder mit tendenziell höherem Innovationsoutput deutlich weniger Doktortitel produzieren. Langfristig könnte sich der deutsche Spezialweg als Problem erweisen, weil man jungen Menschen im Wissenschaftssystem Hoffnungen macht, die sich durch die begrenzte Zahl an Dauerpositionen nicht erfüllen lassen.

Der Autor ist Präsident der Hochschulrektorenkonferenz.