Die Tochter betreuen und gleichzeig konzentriert arbeiten? Viele Mitarbeiter klagen über die Doppelbelastung im Homeoffice.
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BerlinJeder dritte Beschäftigte ist laut einer Umfrage in der Corona-Krise ins Homeoffice gewechselt. 35 Prozent gaben in der ersten Aprilhälfte an, teilweise oder vollständig von zu Hause aus zu arbeiten. Die Zahlen hat das Deutsche Institut der Wirtschaftsforschung auf Basis des sozio-ökonomischen Panels ermittelt. Vor der Corona-Krise hatten nur zwölf Prozent zumindest gelegentlich den heimischen Schreibtisch genutzt. Vor allem Beschäftigte mit höheren Einkommen und höherer Bildung konnten demnach ins Homeoffice wechseln.

Aber sind die Menschen im Homeoffice auch produktiv?

Nur jeder Zehnte gab in der Umfrage an, dass er zu Hause mehr Arbeit erledigen könne als im Büro. 40 Prozent der Betroffenen machen die gegenteilige Erfahrung: Sie schaffen weniger. Die Forscher des DIW vermuten, dass dies daran liegt, dass Schulen und Kitas geschlossen wurden und Kinder zu Hause betreut werden mussten. Das sozio-ökonomischen Panel ist eine repräsentative jährliche Wiederholungsbefragung privater Haushalte.

Grafik: Berliner Zeitung/Sabine Hecher, SOEP-COV, DIW

Hat das Homeoffice trotzdem Zukunft?

Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) will per Gesetz ein Recht auf Arbeit von zu Hause schaffen. Jeder, der möchte, solle demnach auch nach der Corona-Pandemie im Homeoffice arbeiten können. Der Zukunftsforscher Matthias Horx geht davon aus, dass das Homeoffice nicht so schnell wieder verschwinden wird. „Es wird einen massiven Trend geben, dass sich das Homeoffice durchsetzt“, sagte Horx der Neuen Osnabrücker Zeitung und ergänzte, dass das schon jetzt klar absehbar sei. „Das heißt auch: Menschen werden mittags weniger in der Gastronomie und weniger in Kantinen essen. Kochen zu Hause erlebt hingegen einen massiven Boom.“

Und wie reagiert der Mittelstand?

„Die Digitalisierung kommt zwar immer mehr in der Breite des deutschen Mittelstands an – die Masse der mittelständischen Unternehmen vollzieht sie bisher allerdings in kleinen Schritten“, sagte Fritzi Köhler-Geib, Chefvolkswirtin der KfW-Bankengruppe. Die aktuelle Corona-Krise werde eine Zäsur setzen und als Beschleuniger der digitalen Transformation im Mittelstand wirken, vermutet sie. Und das liege daran, dass viele Unternehmen plötzlich zur Digitalisierung gezwungen seien: Sie probierten Homeoffice und virtuelle Zusammenarbeit aus, etablierten in Zeiten geschlossener Läden und Gaststätten einen digitalen Vertrieb oder ersetzten papierbehaftete Arbeitsprozesse durch digitale. Köhler-Geibs These: „Vieles davon wird nach der Krise bleiben – und sich verstärken.“

Wie wirkt sich die Arbeit zu Hause auf den Stromverbrauch aus?

Der größte deutsche Energieversorgen Eon geht von einem geringen Anstieg aus. Einen großen Strompreisschock bei der nächsten Rechnung müssten die Verbraucher nicht befürchten, sagte Eon-Vorstandschef Johannes Teyssen am vergangenen Dienstag. Aktuelle Zahlen für den privaten Stromverbrauch gebe es wegen der geringen Zahl der in Deutschland bislang installierten intelligenten Stromzähler zwar nicht, sagte Teyssen. Die Werte in Großbritannien, wo es bereits Millionen dieser Geräte in Privatwohnungen gebe, ließen auf einen Anstieg von vier bis fünf Prozent schließen.

Wer sind die großen Gewinner?

Weltweit profitiert vor allem der Videokonferenz-Anbieter Zoom. Das zeigten zuletzt auch die Zahlen der Downloads in Apples App-Store und bei Google-Play. Die App wurde allein im April 134 Millionen Mal heruntergeladen. In den Listen des Analyse-Anbieters SensorTower tauchen auch Google Meet und Microsoft Teams im Bereich der Top-Apps auf.

In Deutschland konnte Teamviewer (das Softwareunternehmen ist auf Homeoffice, Fernzugriff und Fernwartung spezialisiert) massiv zulegen. Der Wert des börsennotierten Unternehmens wird auf  acht Milliarden Euro geschätzt.

In Berlin meldet das Start-up Nexenio als Anbieter von Nexboard für den April 1 500 Prozent mehr Nutzer als in der Zeit vor der Ausgangsbeschränkung. Bei Nexboard können Teams und Einzelpersonen zusammenarbeiten, die Anmutung erinnert an Design-Thinking-Projekte. Den Nutzern sei auch wichtig, dass die Daten in Deutschland erhoben werden, teilte das Start-up mit.

Und wie geht es weiter?

Mitarbeiter von Twitter in Kalifornien dürfen immer im Homeoffice arbeiten, teilte das Unternehmen mit. Bei Google und Facebook gilt die Regelung bis zum Ende des Jahres. Das könnte auch damit zu tun haben, dass die Unternehmen viel tun müssen, damit sie den Beschäftigten einen unter gesundheitlichen Aspekten sicheren Arbeitsplatz anbieten können. Und sonst?

„Ein Rat, der in der Coronazeit noch länger gelten wird, heißt: Mehrmals am Tag die Hände gründlich waschen. Doch damit allein ist es nicht getan“, sagte  Karina Heidenreich, Produktmanagerin Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz der TÜV-Süd-Akademie. Sie hat ein Online-Training zum Thema „Hygiene- und Infektionsschutz für Büromitarbeiter“ erarbeitet. „Das Einhalten der Hust- und Nies-Etikette sowie der Verzicht auf Händeschütteln sollten in die Normalität übergehen.  Auch Meetings werden weiterhin vermehrt online stattfinden“, vermutet sie.