BerlinWackelig ist so ein Halbrund, wenn man es auf die gewölbte Seite legt und darauf zu balancieren versucht. Das Kleinkind, das bei der Vorstellung von „Les Sols“ den Versuch unternimmt, entscheidet sich für Beistand: Besser eine Elternhand ergreifen, die beim Balanceakt stützt. Denn ausprobiert werden muss, was es mit diesen gelben Gummidingern auf sich hat, die den zwei Großen in weißer Kleidung doch vorhin sicheren Tritt ermöglichten.

Kleinkinder sind entdeckungsfreudig: Im Familienzentrum Adalbertstraße in Kreuzberg wird das, was die zehn Kinder vom Baby- bis zum Kleinkindalter eben bei den Performerinnen Malgven Gerbes und Margot Dorléans auf der Spielfläche beobachtet haben, munter nachgeahmt, sobald sie die Requisiten nicht mehr nur sehen, sondern selbst erkunden dürfen. Gelbe Plastikringe, die gerade noch an einem zum Ast verwandelten Zollstock baumelten, verschwinden in einem Babymund. Mit einer roten Kanne wird die giggelige Teeparty der beiden Performerinnen nachgespielt. Und ein Paar Gummistiefel wandert an Kinderhänden durch die zum Theatersaal umfunktionierte Bewegungshalle.

„Les Sols“ ist das erste Kinderstück von Malgven Gerbes und der Berliner Choreographin Hyong-Min Kim. Beide sind kürzlich Mutter geworden und haben mit ihren Kindern im Tanzstudio ausprobiert, wofür sich sehr junge Menschen begeistern lassen. Tanz allein ist es nicht, erzählt Gerbes bei einer Podiumsdiskussion des Fratz Festivals: „Sie interessierten sich für den Spiegel, die Vorhänge, was wir aßen – aber sie schauten uns nicht beim Tanzen zu.“ Erst als die Musikerin Saiko Ryusui ihre Instrumente anstimmte, war die Aufmerksamkeit der Babys gewonnen.

Sie interessierten sich für den Spiegel, die Vorhänge, was wir aßen – aber sie schauten uns nicht beim Tanzen zu. Also sagten wir uns: Fangen wir mit der Musik an.

Malgven Gerbes, Choreographin von „Les Sols“

„Also sagten wir uns: Fangen wir mit der Musik an“, erzählt Gerbes vom Probenprozess. „Es war wie ein Neu-Lernen: Wo finden wir gemeinsame Punkte? Wir testeten verschiedene Tempi, Blicke, brachten Alltagsbewegungen ein, Objekte.“ Das Ergebnis ist, wenngleich Corona-konform auf Abstand gebracht, eine zauberhafte Bilderfolge – mit einem Zelt, das sich wie ein Flugwesen ausfaltet, einem Spaziergang über gelbe Stolpersteine und aus Alltagsdingen errichteten Miniaturlandschaften.

Ruhig ist die Atmosphäre und kurz sind die Szenen, um die Aufmerksamkeit des jungen Publikums nicht zu überfordern. Wer müde ist, kuschelt sich kurz bei den Eltern ein, und wenn das Interesse wieder geweckt ist, hat niemand etwas verpasst. Schlagwerk, Glockenspiel und Synthesizer rhythmisieren die Szenenfolge, und die Kinder können den Blick schweifen lassen, eigene Interessenpunkte fokussieren.

Freiraum innerhalb der Eltern-Kind-Beziehung wollten die beiden Choreographinnen von shifts – art in movement schaffen. Auch wenn pandemiebedingt der Körperkontakt minimiert ist, entsteht in „Les Sols“ Nähe und Gemeinschaft: Wie in einer Krabbelgruppe stimmen alle gemeinsam ein Lied an, das jedes Kind einzeln begrüßt. Mauseohr-Socken reckt Gerbes den kleinen Besuchern entgegen, immer wieder nimmt sie Blickkontakt auf.

Wenn gelbe Gummistiefel zum Leben erwachen: Ausschnitt aus der Inszenierung "Les Sols". 

Video: Fratz Festival

Hohe Sensibilität und rückhaltlose Offenheit fordert das Theater für die Kleinsten: „Jedes Mal ist es anders“, so Gerbes. „Man muss sich auf die Meteorologie des Kindes einlassen. Wir stellen uns zur Verfügung.“ An diesem Sonntagnachmittag gelingt die Kontaktaufnahme: „Heute habe ich etwas Neues entdeckt“, erzählt die Choreographin nach der Vorstellung im Garten des Familienzentrums. „Sie mögen es, wenn ich sie spiegele, und greifen meine Bewegungen auf.“

Eigenständig entdecken Malgven Gerbes, Hyoung-Min Kim und Margot Dorléans im Studio ein Genre, das hierzulande vergleichsweise jung ist: Theater für die Allerkleinsten. Pioniere wie die Berliner Objekttheatergruppe florschütz & döhnert gibt es seit den späten 90ern, umfassend exploriert wurde Theater für Kinder unter vier Jahren in Deutschland erst nach der Jahrtausendwende. Um 2008 gab es einen regelrechten Boom, wie Gabi dan Droste erzählt.

Die Künstlerische Leiterin des Schöneberger Feld-Theaters hat damals einen Sammelband herausgegeben, „Theater von Anfang an“, um die neue Bewegung mit fundiertem Wissen über Bildung, Kunst und frühe Kindheit zu unterstützen. Selbst skeptisch, überzeugten dan Droste Theaterarbeiten für Kinder ab neun Monaten, die sie in Dänemark sah: „Ein Baby streckte ständig seinen Bauch nach vorne, das hat sich die ganze Zeit gefreut“, ist sie noch immer begeistert. Und auch Malgven Gerbes ist überwältigt, wie komplex bereits Babys auf ihre Umgebung reagieren.

Andernorts ist Theater für die Kleinsten etabliert. In Frankreich spezialisieren sich Theatertruppen darauf, in Belgien sind an alle Altersstufen adressierte Inszenierungen üblich, und in Schweden ist ein kulturelles Angebot für die Allerkleinsten auch entstanden, weil Forscher in den 90er-Jahren herausfanden, dass Kinder und Eltern kulturell isoliert waren. „Theater für die Kleinsten hat mit der Öffnung von Gesellschaft zu tun“, sagt denn auch Gabi dan Droste. „Wer nimmt woran teil? Wen schließe ich aus?“ Gesellschaftliche Teilhabe ist ein Argument der Pioniere in dem Bereich.

Aber: Macht das Sinn, ist es nicht viel zu früh, die Kinder mit ästhetischen Eindrücken zu belangen? Diese Frage wird den Veranstalterinnen des Fratz Festivals – dem dreiköpfigen Leitungsteam des Theater o.N., Dagmar Domrös, Doreen Markert und Vera Strobel – immer wieder gestellt. „Aus unserer Sicht kann man nicht früh genug anfangen“, antwortet Doreen Markert. „Kinder nehmen wahr, wie wir die Welt einteilen, was zu Diskriminierungen führt. Wir haben die Möglichkeit, andere Geschichten zu erzählen und andere Bilder zu zeichnen.“

Kinder nehmen wahr, wie wir die Welt einteilen, was zu Diskriminierungen führt. Wir haben die Möglichkeit, andere Geschichten zu erzählen und andere Bilder zu zeichnen.

Doreen Markert, Leiterin am Theater o.N. 

Anschaulich beantwortet die Sinnfrage „Les Sols“, wenn man die zehn Kleinstkinder beobachtet, wie sie den Klängen lauschen, ihren schmalen Wortschatz bemühen, um das Bühnengeschehen zu kommentieren, oder sich ihren Eltern zuwenden, um sich über das Gesehene auszutauschen. In diesem künstlerischen Raum findet eine intensive Erfahrung statt.

Um das Genre zu fördern, organisiert das Theater o.N. seit 2017 das Fratz International. Künstlerische Impulse setzen Ateliers, in denen Künstler mit Kitagruppen in den Austausch gehen, beim Symposium tauschen sich Choreographinnen aus, die kürzlich erstmals für die Altersgruppe gearbeitet haben. Zusammengetan hat sich das Theater o.N. nun mit drei anderen Berliner Akteuren, dem Tanzfestival Purple, den Tanzkomplizen und dem Theater Strahl. Ihre „Offensive Tanz für junges Publikum“ wird bis 2022 auch aus Bundesmitteln gefördert. „fragil“ des Theater o.N. ist so entstanden, ein träumerisches Tanzduett mit Sofas auf Rollen.

Eigens für Fratz hat die renommierte Berliner Choreographin Isabelle Schad „Der Bau“ für Kinder ab 3 Jahren adaptiert – und macht deutlich, dass Kitakinder nicht nur auf clowneske Kissenschlachten reagieren, sondern auch auf abstrakte Setzungen. „Sonne“, ruft ein erstes Kind, als das Licht gelblich wird, „Sonne!“, stimmen andere in den Verständigungsprozess ein. Auch bei „Verwandelt!“, einer Produktion des Grips Theaters für Kinder ab drei Jahren, weckt die Verkleidungsparty auf der Bühne die Mitmachlust der jungen Zuschauer. Fratz beweist: Theater wirkt, von Anfang an.


Zur Information: 

Vermutlich fallen sie jetzt den neuen Corona-Maßnahmen zum Opfer: Die Fortsetzung des Fachsymposiums am ersten Novemberwochenende sowie die begehbare Klanginstallation „Tröpfchen“ am Theater o.N. – für Menschen jeden Alters.

Fratz Festival, „Tröpfchen“ (0+), 7.–8. November 2020, Theater o.N., 11–15 Uhr, www.fratz-festival.de