Berlin - Die Jüngsten zuerst: Nach zwei Monaten Pause kehren die Klassen 1 bis 3 am Montag in den Unterricht zurück. Obwohl die Schulpflicht weiter ausgesetzt ist, wird damit gerechnet, dass zahlreiche Kinder erscheinen. Schließlich leiden gerade die Jüngeren unter ihnen sehr unter den Einschränkungen der Pandemie und viele Eltern sind erleichtert, sie wieder in die Schule schicken zu können. Auch können die Kinder zu Hause nicht ohne Weiteres am Computer arbeiten, viele lernen gerade erst das Schreiben und brauchen den direkten Kontakt zur Lehrkraft wesentlich dringender als die Schüler in höheren Klassenstufen. Vielen Lehrerinnen und Lehrern ging es daher in den vergangenen Wochen eher darum, Kontakt zu den fünf- bis neunjährigen Kindern zu halten, als ihnen etwas Neues beizubringen. Nun kehren sie zurück. Risikofrei ist das nicht.

Lässt das Infektionsgeschehen die Öffnung zu?

Gerade die besonders ansteckende englische Corona-Mutante B1.1.7 macht allen Beteiligten Sorgen, verbreitet sie sich doch schneller als die herkömmliche Variante des Virus. Laut Jens Spahn (CDU) ist die Mutation bereits für über 20 Prozent der Neuinfektionen in Deutschland verantwortlich. Auch deswegen kritisierte die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) den Schritt der Schulöffnung als verfrüht. Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) und Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) hingegen halten die Öffnung für verantwortbar und pochen dabei auf strenge Hygieneregeln sowie ein breites Schnell- und Selbsttestkonzept.

Wie wird der Unterricht ablaufen und wie viel Unterricht werden die Kinder haben?

Die Schüler sollen pro Tag mindestens drei Unterrichtsstunden in der Schule bekommen. Eine beispielhafte Taktung könnte sein, dass eine Hälfte der Klasse vormittags Präsenzunterricht hat und die andere am Nachmittag. Problematisch ist hierbei das Wlan in den Schulen Berlins. In Charlottenburg-Wilmersdorf beispielsweise sind nur gut 20 Prozent der Schulen mit einem Breitbandanschluss angebunden, was es vier von fünf Schulen praktisch unmöglich macht, den Unterricht für die Kinder zu Hause zu streamen.

Wie sehen die Lehrkräfte die Schulöffnung?

Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) spricht von einer verfrühten Öffnung und fordert eine Änderung der Impfpriorisierung zugunsten der Lehrkräfte, die nun einem erheblichen Risiko ausgesetzt seien und Sorge vor der Rückkehr in den Präsenzunterricht haben. Viele Lehrerinnen und Lehrer freuen sich aber auch, dass es wieder losgeht. M. Asamoah, Grundschullehrerin in Lichterfelde, ist sehr erleichtert über die Öffnung der Schulen: „Ich freue mich sehr, dass die Kinder nun wiederkommen. Ich unterrichte eine dritte Klasse, in dem Alter ist der SalzH-Unterricht viel schwieriger.“ Am wichtigsten ist ihr aber, dass sich ihre Schüler gegenseitig wiedersehen: „Viele Kinder sind zu Hause sehr einsam und brauchen den Kontakt zu Gleichaltrigen dringend wieder.“ Sorge davor, wieder im Klassenraum zu unterrichten, hat Frau Asamoah nicht.

Werden die Lehrkräfte geimpft, wenn die Schule wieder öffnet?

Derzeit sind die Lehrkräfte im Impfplan nicht priorisiert. Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) hat jedoch eine Impfung der Lehrer durch mobile Impfteams vor Ort in den Schulen vorgeschlagen. Hierfür müsste eine Änderung der Impfverordnung vom Bund kommen und Impfstoff für die große Berufsgruppe bereitgestellt werden, was Zeit in Anspruch nehmen würde. Mit einer zügigen Impfung aller Lehrkräfte ist also kaum zu rechnen.

Was sagen Eltern und Kinder?

Norman Heise, Sprecher des Landeselternausschusses, spricht von einer großen Streuung der Meinungen: „Die Aussetzung der Präsenzpflicht kommt den Eltern entgegen, da viele sehr besorgt sind. Andererseits kann ja nun kein gleichwertiges saLzH mehr durchgeführt werden, da die Lehrer vor der Klasse stehen und aufgrund fehlender Breitbandanschlüsse oft nicht gestreamt werden kann. Aber es atmen auch viele auf und schicken ihre Kinder gerne in den Unterricht.“ So ist es auch bei Barbara Gronau, der Mutter von Myrthon, einem achtjährigen Drittklässler an der Nehring-Grundschule mitten in Charlottenburg. „Die Kinder fühlen sich inzwischen einfach nur noch eingesperrt und sind todunglücklich, wenn eine Verabredung mit Freunden ausfällt. Sie brauchen andere Kinder auch für eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung, um herauszufinden, wer sie selbst sind. Ich bin erleichtert, dass Myrthon wieder in die Schule gehen kann.“ Auch hat das zerfahrene Schuljahr zum wohl ersatzlosen Ausfall des Schwimmunterrichts geführt: „Ich glaube nicht, dass das nachgeholt wird, die Berliner Schwimmbäder waren auch ohne Nachholjahrgänge stets mit den Schulklassen überlastet.“ – Myrthon freut sich, endlich seine Freunde wiederzusehen: „Ich freu mich sehr auf die Schule. Mir ist es egal, welches Fach wir haben, ich freu mich auf alle! Nur nicht auf Sport, da streiten sich immer alle!“

Wann werden die anderen Jahrgänge wieder in die Schule kommen dürfen?

Abgesehen von den Abschlussjahrgängen, für die bereits die freiwillige Möglichkeit zum Wechselunterricht besteht, ist das noch unklar. Man will nun erst einmal abwarten, wie sich die Infektionszahlen entwickeln, so Astrid Busse von der IBS (Interessensverband Berliner Schulleitungen). In frühestens zwei Wochen könne man sehen, wie sich die Situation entwickelt und weiterplanen. Als naheliegend gilt, dass die Klassenstufen 4 bis 6 als Nächstes wieder zum Unterricht erscheinen dürfen.