Eine Junge posiert mit seiner riesigen und ziemlich eckigen (!) Schultüte. 
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Als ich vor 35 Jahren eingeschult wurde, begleiteten mich meine Eltern, meine Geschwister und meine beiden Omas und Opas zu meinem ersten Schultag. Bis März dachte ich, dass es ähnlich werden würde, wenn am Freitag unser ältester Sohn eingeschult wird. Dann kam Corona, und jetzt bin ich froh, dass unser wissbegieriges Kind überhaupt eingeschult wird, auch wenn die Großeltern dabei leider nur eine sehr untergeordnete Rolle spielen können.

Sommer 1985 in Niedersachsen: Damals war ich das einzige Kind mit einer eckigen Schultüte. Meine Eltern hatten sie von Freunden aus der DDR mitgebracht. Ich weiß nicht, ob sie damit ein Statement setzen wollten, und wenn ja, welches. Ich weiß nur, dass ich den eckigen Zylinder ziemlich uncool fand, aber nichts sagte, weil ich meine Eltern und unsere Freunde aus Dresden nicht kränken wollte.

Mein Sohn wird am Freitag jedenfalls eine runde Schultüte tragen. Meine Frau wird sie heute Abend bekleben und mit den Utensilien von der Materialliste befüllen. Die Schultasche haben wir schon, und ich habe einen Tisch in einer Pizzeria – natürlich im Freien! – für das Essen nach der Einschulung reserviert. Das ist eigentlich auch schon alles, was wir organisiert haben.

Wir wohnen in Prenzlauer Berg. Viele Prenzlberg-Eltern bereiten den „Ernst des Lebens“ mit einem viel größeren und heiligeren Ernst vor als wir und werden uns am Freitag vielleicht in den Schatten stellen. Mit einer größeren Schultüte, weißeren Kleidern und einem teureren Essen. Mit einer Tischrede und einem ausgeklügelten Programm für den Nachmittag …  Mir ist das egal – und ich hoffe und glaube, meinem Sohn auch.

Seine erste Einschulung war schließlich auch nicht besser. Im Gegenteil. Bis vor ein paar Monaten haben wir in New York gelebt. Die Schulpflicht beginnt dort ein Jahr früher als in Deutschland. Allerdings wird dort um den Beginn des neuen Lebensabschnitts wesentlich weniger Gewese gemacht als hier. Zumindest an der Schule, die mein Sohn besucht hat. Man geht einfach hin, und der Unterricht beginnt. Keine Zeremonie, keine feierlichen Worte, nix. In Deutschland hätte man die Schule in Brooklyn als „Brennpunktschule“ bezeichnet. Die wenigsten Schüler haben zu Hause Englisch gesprochen, die meisten Eltern hätten sich keine Schultüte, geschweige denn den teuren Inhalt von der Materialliste leisten können. Der Zustand und die Ausstattung des Schulgebäudes wären in Deutschland unvorstellbar. Der Ton im Klassenzimmer und auf dem Schulhof war manchmal rau, vom autoritären Schulleiter wurde sie eher wie ein Jugendknast als wie eine Grundschule geführt. Beim morgendlichen Eid auf die US-Flagge musste mein Sohn die Hand aufs Herz legen und auf Fragen des Schulleiters am besten mit „Yes, Sir“ antworten.

Er hat dort viele Kinder kennengelernt, die er in seiner Prenzlauer-Berg-Bubble nie kennengelernt hätte, und enge Freundschaften geschlossen. Er ist gerne zu seiner Problemschule gegangen.

Seitdem ich am Elternabend in einem modern und heimelig eingerichteten Klassenzimmer an seiner zukünftigen Schule teilgenommen und dort seine sehr sympathische Klassenlehrerin kennengelernt habe, bin ich mir sehr sicher, dass er in Berlin mindestens genauso gerne zur Schule gehen wird.

Natürlich haben wir mit ihm darüber gesprochen, dass er bald zur Schule kommen wird. Aber allzu großen Redebedarf scheint er nicht zu haben. „In der Schule lerne ich lesen, schreiben und rechnen, im Hort spiele ich mit meinen Freunden. Und ich bekomme einen Schülerausweis, mit dem ich umsonst Straßenbahn, U-Bahn und Bus fahren kann. Natürlich freue ich mich auf die Schule.“ So ungefähr fasst mein Sohn die bevorstehenden großen Veränderungen zusammen.

Nervös scheint ihn all das nicht zu machen. Vielleicht liegt es auch daran, dass er mit zwei seiner Kita-Freunden in eine Klasse kommt und dort im Rahmen des jahrgangsübergreifenden Lernens bereits von einer weiteren Kita-Freundin erwartet wird. Sie hat schon ein Jahr Unterricht hinter sich und sagt immer noch: „Schule ist gut.“ Ich wünsche mir, dass mein Sohn diesen Satz in einem Jahr auch sagen wird.