Illustration: Ahu Dural

BerlinEs war einmal ein Kind eigensinnig und tat nicht, was seine Mutter haben wollte. Darum hatte der liebe Gott kein Wohlgefallen an ihm und ließ es krank werden.

Tja, bevor die Geschichte des eigensinnigen Kindes so schrecklich endet wie bei den Gebrüdern Grimm, landet es erst einmal bei uns in der Tagesgruppe des Deutschen Roten Kreuzes in Marzahn. Elf verhaltensauffällige Knalltüten, vier stressresistente Inklusionsexperten und icke, die Köchin, sind hier gestrandet. Normalerweise kommen die Flitzpiepen nach dem Unterricht zu uns, machen Hausaufgaben, schaufeln Mittagessen, lernen gewaltfrei zu kommunizieren und ihre „Macken“ zu kontrollieren.

Momentan is nix los mit Unterricht oder nur eingeschränkt. Und bevor Marzahn in die Luft gesprengt wird, weil die einfallsreichen acht- bis elfjährigen Chaosexperten wegen zu viel Freizeit die Strukturschnur in Brennstoff tränken, arbeiten wir wie Bombenentschärfungsspezialisten. Die eigentliche Feuerwache von Marzahn sind nämlich wir! Marzahnbrandstufe zwei! Alles im grünen Bereich also. Wegen uns! Alles klar? Und irgendeiner muss ja den Live-Ticker füttern, also ab in die Küche.

Ich paniere Schnitzel. Am Tisch sitzt Timo und paniert mich. Verdammt, quatscht der heute viel. Was ist denn mit dem los? „Er nimmt seine Tabletten nicht, die ihn lahmlegen“, flüstert mir Nadine – die Chefin – zu, als sie meinen irritiert ratsuchenden Blick registriert. Also das ist der echte Timo, okay.

Bisher fiel er mir auf, weil er still und zurückgezogen auf dem Sofa im Spielzimmer Erich Kästner las. Ein Kind, das liest, wow! Einmal hatte er sich auf dem Flur mit Keyboard und Kopfhörer in Klausur begeben. Eine Stunde bearbeitete er die Tasten, dann nahm er die Kopfhörer ab und spielte plötzlich zweihändig „Ode an die Freude“ von Beethoven.

„... das ist wie bei den DDR-Märchen“, höre ich zwischen dem elften und zwölften Schnitzel. „Was meinst du mit DDR-Märchen?“, frage ich mit der Ei-Mehl-Brösel-Mischung an den Pfoten. „Na, Schneewittchen oder Froschkönig“, antwortet er aufklärerisch. Wir sehen uns an. „Und wie kommst du darauf, dass das DDR-Märchen sind?“, frage ich. Timo ist verunsichert. Weil ich mich konkret ihm zuwende, weil er selbst anders ist als sonst, wegen der Pillen, die er nicht eingenommen hat.

Und er liefert den Beweis für seine Behauptung: „Na, wegen der Filme. Kennen Sie die nicht.“ Ich setze mich neben ihn, die Hände hochhaltend wie ein Arzt vor dem OP-Saal. „Timo, du liest doch so viel! Denkst du, dass die ganzen Märchen aus der DDR kommen?“ Ja, ist seine Antwort. Wegen der Filme. Und jetzt quatsche ich plötzlich los, wie eine, die ihre Pillen nicht genommen hat. Ich erkläre ihm, dass die Märchen von den Gebrüdern Grimm, von Hauff, von Anderson aufgeschrieben wurden. Dass die Grimms allerdings durch die Lande gefahren sind, um sich Geschichten aus der Bevölkerung erzählen zu lassen. Dass die Zwerge adaptiert Kinder darstellen, die im Bergwerk  arbeiten mussten, weil sie klein und wendig waren.

Timo sieht mich entsetzt an. Seine Stirn wölbt sich gewitterdunkel. Was fällt mir eigentlich ein, seine Illusion kombiniert mit konkret selbst angeeignetem Wissen infrage zu stellen! Erwachsenensprech eben. Klugscheißerei. Aber ich bin auch die Hexe, die zum Ofen schaut hinein. Ich kriege euch schon. Also los, wer ist der nächste?