Illustration: Ahu Dural

Da erschrak sie, ward irre, ob sie auch wirklich die kluge Else wäre, und sprach: „Bin ich’s oder bin ich’s nicht?“

Seit ’nem halben Jahr ist Lise bei uns. Seitdem kommt sie täglich mindestens elfmal zu mir in die Küche ruft „Hallo!“, und sieht mich erwartungsvoll an. Am Anfang grüßte ich jeweils zurück. Jedes Mal. Zehnmal. Immer wieder. Dann war ich versucht, wie der Hans zu reagieren. Ich behauptete, dass sie schon da wäre. Denn schließlich hatten sich eine ganze Menge Hallos angesammelt, die mir den Platz neben dem Herd raubten und mich beim Zwiebelschneiden bedrängten. „Lise“, reagierte ich schroff, „du bist schon da! Wie oft willst du noch Hallo sagen?“ Lise spürte meine Aggression. Aber anstatt sich zu verziehen, lehnte sie sich mit dem Ellenbogen gegen das Schneidebrett, schob ihr sommersprossiges Gesicht zwischen meine Zwiebel-Tränen-Konversation und funkelte mich an. „Ich bin nur freundlich“, sagte sie, „warum sind Sie es nicht?“

Diese Antwort versöhnte mich nicht. Erst jetzt beim Schreiben bemerke ich wie viel Wagemut und Charakter dahinter steckt. Ich hielt ihr heulend vor, dass es total nervig mit ihr ist. „Mensch, wenn du ständig Hallo sagst, aber dann kommt nichts weiter, dann nervt das nur. Wie viele Hallos von mir brauchst du zurück? Denk dir doch mal was aus. Überrasche mich mal mit ner Frage“. Das war gemein!

Lise verzog sich und kam ne Weile nur noch mit drei Hallos in die Küche. Dann machten die Kinder ihre Sommerfahrt an die Ostsee. Und Nadine schickte mir ne SMS: Lise hat nach einer Auseinandersetzung zwischen Stefan und Joker plötzlich und unerwartet am Essentisch in die Ruhe hinein gesagt: „Ich wünsche mir, dass mal die Erwachsenen mehr Respekt vor den Kindern haben“. Tja, kluge Else, was soll man da sagen. Recht haste!

Vorgestern kam Lise in die Küche und fragte: „Frau Fellien, finden Sie es heute kalt draußen?“ Und endlich rastete bei mir was ein. Endlich sah ich Lise an und konnte die eingesperrten Gedanken hinter ihrer Stirn ausmachen. Wie sie dagegen trommelten. Gefangen! Sie weiß, dass es für das Gehämmer hinter ihrer Stirn eine Lösung gibt: Worte und Formulierungen und Fragen. Aber sie hat die Worte nicht. Und wären sie da, was könnte sie damit anfangen? Sie will es lernen. Deshalb steht neben jedem Hallo auch eine Erwartung: „BRING MIR DAS SPRECHEN BEI!“ Verdammt und nachgefragt! Redet mit mir, damit ich lerne, mich auszudrücken!

Wir Vollidioten, wir arroganten, respektlosen Erwachsenen. Seit zehn Jahren scheren wir uns einen Dreck drum, ob Lise (mit)reden und sich ausdrücken kann oder nicht.

Aber der Ausdruck bricht sich immer eine Bahn. Bei ihr ist es das Zeichnen! Mangas! „Charaktere“, sagt Nadine, die mal wieder gelauscht hat, sich einen Käsewürfel in den Mund schiebt und – „klaro“ – alles schon weiß.

Wenn Lise fragt: „Bin ich schon da?“, dann klopft sie nicht bei Hans oder bei mir, sondern bei sich selbst an die Tür. Und zum Glück lautet die Antwort: „Ja, bist du!“ Und weil ich zu blöd war, das zu erkennen, muss ich mich jetzt zur Strafe mit ihren Zeichnungen auseinandersetzen. Fällt mir nicht schwer, denn das, was ich sehe, erzeugt ein: Aber Hallo!

„Ach, die sieht den Wind auf der Gasse laufen und hört die Fliegen husten.“