In der Corona-Krise können viele Seminare nur online stattfinden.
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BerlinHochschulen sind Präsenz-Institutionen, deren besondere Atmosphäre ein Grundelement des Studiums ist. Die Diskussion im Seminar, das Gespräch am Rande der Lehrveranstaltung, die persönliche Beratung, ein gemeinsames Mittagessen, das Sport- und das Sprachkurs-Angebot gehören zu dem, was man früher „akademisches Milieu“ nannte. Man könnte auch von einem sozialen System sprechen, das ohne direkten intellektuellen Austausch und zwischenmenschliches Miteinander nicht perfekt funktioniert.

Unsere Hochschulen verzichten seit zwei Monaten auf viele dieser Elemente. Und es wird gewiss noch länger dauern, ehe sie wieder komplette Präsenz-Einrichtungen sind. Alle machen derzeit Kompromisse – man vermisst die persönliche Interaktion und muss sich auf neue Methoden des Online-Unterrichts einlassen. An manchen Standorten fehlt die finanzielle Ausstattung für die neue Lehr-Infrastruktur. Und eine größere Zahl rechtlicher Probleme ist noch nicht gelöst. Welche Art von Prüfung darf auch im Homeoffice stattfinden? Müssen Klausuren zwangsläufig an der Hochschule geschrieben werden? Sind die persönlichen Daten ausreichend gesichert, wenn man auf digitale Lehrprogramme nordamerikanischer Medienanbieter zurückgreift?

Trotz einer Vielzahl von Herausforderungen ist der Einstieg in das digitale Sommersemester bemerkenswert gut gelungen. Alle Beteiligten investieren dabei viel Zeit in den laufenden Betrieb. Ein Online-Kurs verlangt Lehrenden und Studierenden anderes ab als ein traditionelles Seminar. Er fordert die Anleitung zur selbstständigeren Arbeit, aber auch Experimente bei Beratung und Hilfe. Die Lehrenden müssen ihre Vorlesungen durch online bereitgestellte Erläuterungen ergänzen. Virtuelle Seminare erzwingen regelmäßig Pausen, damit die Erwartungen eindeutig geklärt werden können.

Die Hochschulen meistern die Umstellung sehr gelassen und pragmatisch. Umso ärgerlicher sind jene Stimmen, die das digitale Semester als Gefährdung demokratischer Machtbalance in den Hochschulen deuten. Die Präsidien, so heißt es vereinzelt, nutzten die Gunst der Stunde und etablierten ein neues Regime des Durchregierens. Die virtuelle Lehre werde zum Instrument, mit dessen Hilfe man die Lehrfreiheit preisgebe und eine Herrschaft digitaler Medien errichte. Etliche dieser Argumente sind nicht besser als die Verschwörungstheorien, die derzeit ein rationales Krisenmanagement zu denunzieren suchen. Keine Hochschulleitung ist glücklich über die Beschränkungen, unter denen der akademische Präsenzbetrieb leidet. Aber wir leben in einem Ausnahmezustand. Und das verlangt auch im Bereich der Lehre ungewöhnliche Maßnahmen, Offenheit, Experimentierfreude und intellektuelle Neugierde.

Nach der Krise werden die klassischen Präsenzformate und mit ihnen die traditionellen Seiten des akademischen Lebens an die Hochschulen zurückkehren. Aber die Lehre dürfte dann vielfältiger und bunter sein, als das zuvor der Fall war. Das „Blended Learning“ könnte zur gängigen Praxis werden. Das bedeutet, dass auch in Präsenzveranstaltungen Phasen des Online-Lernens zum Zuge kommen. Womöglich wandelt man die meisten Überblicksvorlesungen dauerhaft in digitale Veranstaltungen um. In der guten Balance zwischen traditioneller und virtueller Lehre liegt künftig das Geheimnis des Erfolgs. Das digitale Semester der Corona-Krise ermöglicht eine Vorbereitung auf neue Formen des hochschulischen Lehrens und Lernens.

Peter-André Alt ist Präsident der Hochschulrektorenkonferenz.