Berlin - Auf diese Erfindung hat die Welt gewartet. Zumindest alle Eltern von Kindern, die kleinteilige Steckbausteine lieben: eine Lego-Sortiermaschine, die das alltägliche Chaos in den Griff kriegt und die Steinchen nach Farben in ihre Kästen sortiert. Getüftelt wird daran im Makerspace der Klax-Gemeinschaftsschule in Pankow. Der Plan steht, jetzt muss noch gelötet und geschweißt werden. „Die Vorschüler haben sich sowas von uns gewünscht“, erzählt Sean Polzin begeistert. Er besucht die elfte Klasse der Privatschule, die mit ihrem Digitalkonzept als einzige Berliner Schule für den Deutschen Schulpreis nominiert ist. Es ist die wichtigste Auszeichnung für Schulen hierzulande, so eine Art Bildungs-Oscar, um den sich in diesem Jahr 366 Schulen beworben haben.

Sean ist Klassensprecher, geht seit der siebten Klasse auf die Klax und kommt extra aus dem Brandenburger Umland angereist. Für ihn lohnt sich der weite Schulweg. Was ist hier anders, was ist so besonders toll? „Die Lehrer gehen individuell auf einen ein und nehmen sich für dich Zeit, das hat mir an meiner alten Schule gefehlt“, sagt er. Zusammen mit dem Schulleiter Stephen Kelly führt er mich durch seine Schule. Sie beherbergt 420 Kinder von der ersten bis zur 13. Klasse und kostet die Eltern 480 Euro im Monat. Was vor über 30 Jahren als Malschule für Kinder in Prenzlauer Berg begann, ist mittlerweile ein ausdifferenziertes Unternehmen inklusive Kindergärten, Vorschule, Berufsakademie für Erzieherinnen und Kita-Ablegern in Schweden und Dänemark.

Der Makerspace ist das Herzstück der Klax. Die Schüler können an 3-D-Druckern und mit den verschiedensten Materialien aus ihren Ideen Anfassbares machen. Im Eingangsbereich der offenen Werkstatt stehen sich zwei Sofas gegenüber. Dahinter öffnet sich ein großzügiges Bastel-Labor, das nach dem Ansatz des “Design Thinking” in verschiedene Zonen eingeteilt ist: zum Ideen-Finden, Konzipieren, Realisieren, Präsentieren. Gerade ist der Raum umgezogen, noch wird umgebaut. Alle haben hier regelmäßig Unterricht und auch in der Freizeit sollen Experimente möglich sein. Wenn Kelly in dieser Kreativwerkstatt, von der die meisten Schulen nur träumen können, mit englischem Akzent von “Problem-based Learning” und “Design Thinking” spricht, weht ein Hauch von Silicon Valley durch den Raum. Eine Schule mit Start-up-Spirit.

Berliner Zeitung/Isabella Galanty
Klassenzimmer, flieg! 

Wir zeigen Beispiele von guten Schulen, die Zukunft ins Klassenzimmer holen. Und wir fragen, wie man die Erfahrungen der Corona-Zeit nutzen kann, um die Lernkultur wirklich voranzubringen. Eine Serie der Berliner Zeitung

Nicht erst seit Corona setzt die Klax auf digitale Arbeitsweisen und Tools im Unterricht. Wo sich andere Schulen im vergangenen Jahr erst mühsam auf den Weg machten, war der Boden hier schon bereitet. Kunst und Digitales sind die Schwerpunkte im Curriculum, schon 2017 wurde für alle das Fach Programmieren eingeführt. „Wir sehen Kunst nicht nur als Bildende Kunst. Auch Coding kann Kunst sein”, erklärt Schulleiter Kelly, über dessen grünem T-Shirt das Klax-Schlüsselband baumelt. Er schnappt sich einen handtellergroßen Bienen-Roboter vom Tisch im Grundschulflur: „Damit lernen schon unsere Erstklässler das Programmieren.” Über simple Pfeiltasten kann man Laufrichtung und Schrittzahl steuern – ssst, ssst, ssst, zweimal vor, eins nach rechts.

André Timm, Lehrer für „Maker und Design“, wirkt hinter seiner Maske so jung, dass ich ihn beinahe für einen Abiturienten halte. Er hat in der Lockdown-Zeit von den Schülern erdachte Projekte – wie einen Headset-Halter – am 3-D-Drucker ausgedruckt und diesen Vorgang per Handykamera zu den Jugendlichen nach Hause übertragen.

In den hellen, fast minimalistisch anmutenden Klassenräumen ist jeweils eine komplette Wand mit Whiteboard-Folie beklebt. Sean macht eine ausladende Handbewegung: „Das alles ist unsere Tafel, wir können auf der ganzen Fläche kreativ sein.” Digitale Projektion und Handskizziertes lassen sich auf dem Whiteboard kombinieren. Auch Schüler können ihre Arbeitsergebnisse von ihren Tablets aus an die Wand werfen. Überall hängt der WLAN-Code aus. Smartphones sind wie andernorts tabu.

„Digitale Geräte sind Werkzeuge, um Probleme zu lösen und etwas zu erschaffen”, unterstreicht Kelly. „Sie sollen nichts ersetzen und Kinder schon gar nicht bloß beschäftigen, sondern sie beim Lernen und Forschen unterstützen. Unsere Schüler sollen nicht sagen: Ich möchte eine Eins haben, sondern: Ich möchte mein Problem lösen”, erläutert Kelly. „Wenn wir sie ihre eigenen Lernwege gehen lassen, entwickeln sie Fähigkeiten, die weit über den Lehrplan hinausgehen.”

Sabine Gudath
Der in Irland geborene Schulleiter Stephen Kelly (43) in einem der Klassenräume

Zu lösende Probleme bietet die Corona-Zeit genug – ideale Lernvoraussetzungen also? „Am Anfang des Lockdowns herrschte bei uns eine regelrechte Goldgräberstimmung”, sagt David Oppermann, Fachbereichsleiter für Kunst. Die Pandemie wurde an der Klax zum Projekt der gesamten Schule, das alle zusammenschweißte und in das sich die Schüler mit Feuereifer stürzten: Im Makerspace findet sich noch ein Exemplar des Händewasch-Timers, der genau 20 Sekunden Musik spielt, aus bemalter Pappe und einem Sensor besteht. Sie erfanden auch ein Zählgerät, das Alarm schlug, wenn sich zu viele Kinder in der Schultoilette tummelten. „Lernende entwickeln als Zukunftsmaker selbst digitale Lösungen“ – so war die Bewerbung der Klax für den Schulpreis überschrieben.

Der Plan, als Schule mit der Plattform Teams von Microsoft zu arbeiten, stand schon vor dem Lockdown. Doch musste, was über sechs Monate implementiert werden sollte, in zwei Tagen realisiert werden. Das Kollegium hatte sich schnell das Ziel gesetzt, keinen Unterricht ausfallen zu lassen; selbst das Hort- und das Ferien-Programm versuchte man mit Online-Kochkursen und virtuellen Schulbandproben in den digitalen Raum zu übertragen.

Sean und sein Freund Connor haben fix die Schüler-IT-AG gegründet, in der sie Tutorials für ihre Mitschüler bereitstellten und bei technischen Problemen halfen. „Wir sind als Support quasi rund um die Uhr für alle da”, grinst Sean unter seinem Oberlippenflaum, ohne Maske beim Mittagessen in der Cafeteria. Mit 16 schon 24/7 erreichbar? Für die beiden IT-AGler kein Stress, sondern Spaß. Sie sind stolz auf sich: „Wir haben auch den Lehrern viel geholfen, die oft nicht Bescheid wussten.” Aus Lehrern wurden plötzlich Schüler – und umgekehrt. Vor mir sitzen keine zurückgezogenen Nerds, sondern wache, selbstbewusste Jugendliche, die ungezwungen und auf Augenhöhe mit ihrem Schulleiter sprechen, während der den ungeliebten Blumenkohl von seinem Teller sortiert.

Stephen Kelly hat als Grundschullehrer in London gearbeitet. Als dort das politische Klima umschlug und immer weniger Geld für Bildung da war, ging er nach Deutschland und ist seit vier Jahren Leiter der Klax. Kelly spricht schnell und lüpft, wenn er sich in Rage redet – über die Menschenfeindlichkeit von Schulnoten zum Beispiel – immer mal wieder die FFP2-Maske über dem graugesprenkelten Bart: ein Macher, der gern „provokante Fragen in den Senat reinschießt”. Zupackend und unerschrocken. So hat er zum Beispiel in der Corona-Zeit schnell erreicht, dass Prüfungen digital abgenommen werden konnten, obwohl es vonseiten der Behörden anfangs hieß: auf keinen Fall!

Deutsche Schulakademie
Der Deutsche Schulpreis ...

ist in eine Art Oscar für Schulen. Gesucht waren in diesem Jahr Schul-Konzepte, die besonders innovativ mit der Corona-Krise umgehen. 366 Schulen haben sich für den von der Robert-Bosch- und der Heidehof-Stiftung vergebenen Preis beworben. Die Klax-Gemeinschaftsschule hat es als einzige Berliner Schule unter die 18 Finalisten geschafft. Es werden sieben Preise in sieben Themenfeldern vergeben: z. B. Beziehungen wirksam gestalten, Bildungsgerechtigkeit fördern oder digitale Lösungen umsetzen. Schirmherr Frank-Walter Steinmeier wird am 10. Mai je einen Preis in Höhe von 10.000 Euro vergeben. Alle nominierten Schulen erhalten einen Anerkennungspreis von 5000 Euro.

„Da ich nicht von hier komme, fühle ich mich vom deutschen Schulsystem nicht so begrenzt wie meine Kollegen. Diese Hierarchien und bürokratischen Hürden sind mir eigentlich fremd. Ich habe keine Angst davor, ich kann frecher sein. Bisher bin ich ganz gut damit gefahren, dass ich ab und zu den dummen Ausländer spiele”, lacht er. Außerdem sitze er „sehr bequem in dieser grauen Zone der Privatschulen”, in der man nicht alle Regeln beachten muss, die für staatliche Schulen gelten. So konnte er sich für die Lernplattform Teams entscheiden, die für viele Schulen tabu ist. „Ich finde es absolut zum Lachen”, ereifert sich Kelly, „wenn Eltern sich da um Datenschutz sorgen und gleichzeitig ihren Kindern unter 16 erlauben, eigene Accounts auf Instagram zu haben. Das Digitale steht in unserer Welt. Wir können es als Schule nicht ignorieren.”

Auf den Fluren der Klax-Schule spürt man, was digitales Lernen bedeutet und dass es nur bedingt mit technischer Ausstattung oder Geld zu tun hat. Das Entscheidende ist die Lernkultur – eine Kopfsache.