Brandenburg - Im ersten Lockdown ist Susanne Mierau in ein 600-Seelen-Dorf in Brandenburg gezogen. Dort klappt sie den Laptop auf und wir skypen, während der Vater die drei Kinder hütet. Die Berliner Familienbegleiterin ist eine der erfolgreichsten Ratgeber-Autorinnen in Deutschland, ihr neues Buch handelt von einer Erziehung, die ohne Gewalt und psychischen Druck auskommt. Mierau hat eine leise  Stimme, aber Vorschläge, die das Leben vieler Familien von Grund auf umkrempeln können.

Berliner Zeitung: Frau Mierau, Sie gehören zu einer neuen weiblichen Generation von Ratgeberinnen, die stark vom Attachment Parenting inspiriert ist. Empfinden Sie Nora Imlau und Nicola Schmidt als Konkurrentinnen oder als Ihre Peer Group?

Susanne Mierau: Als Peer Group. Wir kennen uns schon lange und treffen uns auch. Wir kommen aus verschiedenen Ecken, doch haben wir vor zehn Jahren etwa zeitgleich angefangen, über dieselben Fragen zu schreiben.

Jede Elterngeneration erwählt sich ja durch Buchkäufe ihre Gurus. In früheren Generation waren die Gurus oft männliche Kinderärzte. Ich denke zum Beispiel an William Sears in den USA oder Remo Largo in der Schweiz. Bei Ihnen ist das anders: Sie kommen aus der Wissenschaft, Imlau und Schmidt aus dem Wissenschaftsjournalismus – Sie verarbeiten aktuelle Studien und schöpfen zugleich aus den persönlichen Erfahrungen, die Sie als Mütter von mehreren Kindern gesammelt haben.

Ja, früher haben Männer den Müttern ständig Ratschläge gegeben, obwohl sie selbst gar nicht in der Care-Arbeit tätig waren. Heute ist es selbstverständlich, dass auch Frauen Zugang haben zu wissenschaftlichen Erkenntnissen – und dass diejenigen, die selbst Care-Arbeit leisten, auch mehr darüber sagen können.

Sie haben Kleinkindpädagogik und Psychologie an der FU Berlin studiert – und in Forschung und Lehre gearbeitet. Nach der Geburt Ihres ersten Kindes haben Sie sich dann als Familienbegleiterin selbstständig gemacht.

Ja, ich habe Kurse gegeben für junge Eltern. Irgendwann sagte mein Mann, schreib doch mal auf, was du den Eltern rätst! Und so ist im Jahr 2012 mein Blog „Geborgen wachsen“ entstanden.

Heute ist „Geborgen wachsen“ ein lebhaftes Onlinemagazin mit einer halben Million Seitenaufrufen pro Monat. Eltern finden dort Informationen und Inspirationen rund um das Thema „bedürfnisorientierte Erziehung“ – und zwar von A wie Abstillen bis Z wie Zahnen. Auf dem Forum der Webseite teilen über 8000 Mütter und Väter ihre Erfahrungen. 2014 haben Sie den Begriff vom Eltern-Online-Clan geprägt – warum?

Immer mehr Eltern leben nicht mehr an dem Ort, an dem sie aufgewachsen sind – haben keine gewachsenen Freundschaften, keine Großeltern, keinen Clan in der Nähe, der sie beim Aufziehen der Kinder unterstützen kann. Und einen Teil dieser Unterstützung suchen junge Familien heute im Netz.

Auch ändern sich ja gerade die Erziehungsansätze sehr stark.

Genau, und deshalb möchten viele gar nicht auf das zurückgreifen, was in der eigenen Familien so an Tipps angeboten wird. Auch dann ist es gut, wenn man im Netz etwas anderes finden kann.

Kann man sagen, dass Sie Sears’ Theorie des Attachment Parenting für die deutschen Eltern übersetzt und ausbuchstabiert haben?

Ja und nein. Durch seinen evangelikalen Hintergrund hat Sears ein anderes Frauen- und Mutterbild, das wir heute nicht mehr als zeitgemäß empfinden. Seine Erziehungsmethode war sehr auf die Mütter zugeschnitten und sozusagen auf das Kind als heiligen Gral. Nora, Nicola und ich betrachten das mehr aus einer feministischen Perspektive: Wir sind überzeugt, dass nicht nur die Mütter eine tiefe Bindung zu den Kindern aufbauen können, sondern auch die Väter oder andere Bezugspersonen. Gute außerfamiliäre Betreuung schadet den Kindern nicht, sondern kann ihr Leben bereichern.

Wollte man Ihre Ratgeber mit drei Schlagworten charakterisieren, dann mit diesen: bedürfnisorientiert, achtsam und nachhaltig. Würden Sie sich gegen dieses Branding wehren?

Also ich glaube, das Wort „achtsam“ kann inzwischen keiner mehr hören. Das ist zu abgenutzt und esoterisch.

Also sollen wir – auf besonderen Wunsch - „feinfühlig“ sagen?

Das gefällt mir schon besser.

Früher haben Sie mehr von Bindungsorientierung gesprochen, heute von Bedürfnisorientierung. Wie kommt es zu dieser Akzentverschiebung?

Spricht man von Bindung, liegt der Fokus auf den Eltern, die eine sichere Bindung herstellen können zu ihren Kindern. Aber Bindung ist nur eines der menschlichen Grundbedürfnisse  – das Wort „bedürfnisorientiert“ fasst das Ganze also noch weiter. Außerdem nimmt es die Bedürfnisse von sämtlichen Familienmitgliedern in den Blick, schaut auf das System Familie.

Mich erstaunt, dass der Siegeszug der bedürfnisorientierten Erziehung stattfindet in einer Zeit, die vor lauter Arbeit und Stress eigentlich keinen Nerv hat für Feinfühligkeit.

Also es stimmt, dass Stress sich negativ auf Feinfühligkeit auswirkt. Je gestresster wir sind, desto weniger feinfühlig im Umgang mit den anderen. Aber tatsächlich ist es ja entspannter, die Bedürfnisse der Kinder wahrzunehmen als sie wegzudrücken. Morgens zum Beispiel, wenn das Kind sich selbst anziehen will, aber dabei trödelt …  Dann kann man versuchen, das Kind in seinen Schneeanzug hineinzustopfen, aber das führt wahrscheinlich zu einem großen Drama, das dann viel länger dauert als wenn man dem Kind den Schneeanzug gleich so hinlegt, dass es selbst hineinschlüpfen kann.

Hatte die oft belächelte westdeutsche Hausfrauengeneration nicht mehr Gelegenheit, auf die Bedürfnisse ihrer Kinder zu achten als wir, die wir total zwischen den Ansprüchen von Familie und Beruf zerrieben werden?

Ja, unsere Zeit ist vollgepackt mit Aufgaben, zwei Karrieren, Kindererziehung, Partnerschaft, toll aussehen, Sport, Kultur, Freundschaften. Oh, Gott, wie soll das alles gehen? Kein Wunder, dass immer mehr Mütter und Väter eine Kur brauchen.

Aber eine Kur ist natürlich keine Lösung des Problems.

Nein, wir dürfen unser Leben nicht so vollpacken – und müssen die Rahmenbedingungen für Familien verbessern.

Wie lösen Sie persönlich dieses Problem?

Mein Mann und ich sind beide selbstständig, teilen uns die Care-Arbeit zu gleichen Teilen. Im Beruf kommen wir fast an die Vollzeit ran, aber dafür machen wir andere Abstriche und haben keinen 1950er-Jahre-Haushalt, der nach Pril duftet.

Foto: Ronja Jung
Zur Person: 

Susanne Mierau, 1980 in Berlin geboren, studierte Kleinkindpädagogik und Psychologie an der FU Berlin. Sie arbeitete in Forschung und Lehre, bevor sie sich als Familienbegleiterin selbstständig machte und Kurse für junge Eltern gab. 2011 entstand ihr Blog „Geborgen wachsen“. Mierau gehört zu den erfolgreichsten Ratgeber-Autorinnen ihrer Generation, gerade ist ihr neues Buch im Beltz-Verlag erschienen: „Frei und unverbogen. Kinder ohne Druck begleiten und bedingungslos annehmen.“ Seit dem ersten Lockdown lebt Susanne Mierau mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Brandenburg.

In Ihrem Buch fragen Sie, wo in der Erziehung überall Gewalt versteckt ist –  jenseits von Schlägen und Kopfnüssen. 

Viele Eltern, die selbst mit Gewalt aufgewachsen sind, wollen das mit ihren Kindern anders machen. Doch weil sie ihre eigene Vergangenheit nicht genug reflektieren, ersetzen sie die sichtbare Gewalt durch nicht so sichtbare.

Nämlich wie?

Durch Bevorzugung, Vernachlässigung, Beschämung wird das Kind in seiner Würde verletzt. Aber auch in einer gezielten Belohnung kann Gewalt stecken, wenn Eltern Kinder mit Geschenken manipulieren, um ein gewünschtes Verhalten zu erzeugen und ein unerwünschtes wegzudrücken. Aber so beschädigt man das Selbstwertgefühl von Kindern, weil sie dann denken: So wie ich bin, bin ich falsch, aber wenn ich mich anpasse, werde ich belohnt für mein Angepasstsein.

Meinen Sie so etwas: Dass man kleinen Kindern Gummibärchen schenkt für jeden erfolgreichen Töpfchengang?

Ja, bei der Sauberkeitserziehung ist das leider fast schon klassisch, aber auch in Bezug aufs Anziehen oder auf das Erledigen von Schulaufgaben. Das Kind freut sich dann über die Geschenke und nicht mehr darüber, dass es die Aufgaben selbstständig bewältigen kann.

Welche Erziehungsmethoden sind noch problematisch?

Der Liebesentzug ist leider sehr verbreitet, also wenn Eltern drohen: „Wenn du das und das nicht machst, dann hab ich dich nicht mehr lieb.“ – Aber auch das Gegenteil ist schädlich, wenn Eltern ihre Kinder mit Liebe überschütten und versuchen, ihnen alle Steine aus dem Weg räumen.

Können auch Eltern, die von ihrem Kind sagen „Du bist besonders!“ ihm Gewalt antun?

In den Kursen erlebe ich oft, dass Mütter auf mich zukommen und sagen: Ich glaube, mein Kind ist hochbegabt oder hochsensibel. Und oft spüre ich, dass dieses Label im Vordergrund steht und nicht mehr das Kind.

Früher hatte man die Idee einer „tabula rasa“, das Kind als leere Tafel, die die Erwachsenen nach Gutdünken beschreiben konnten. Heute dominiert die Idee, dass die Persönlichkeit des Kindes von Anfang existiert und die Eltern nur helfen können, sie zu entfalten.

Ich erlebe, dass viele moderne Eltern sich bemühen, ihr Kind bedingungslos zu lieben und sein Wesen anzuerkennen.

Im Feminismus gibt es die Debatte um den Essentialismus. Und darum, wie gefährlich es ist, das Wesen der Frau festzuschreiben. Tappen Sie jetzt nicht in die gleiche Falle – indem Sie sagen, ich kenne das Wesen eines Kindes?

Ein wichtiger Punkt: Eltern sollten nicht anfangen zu labeln und festzuschreiben, dass ihr Kind so und so ist. Sie müssen beobachten und flexibel bleiben.

Ein staunender Flug über die Menschheitsgeschichte: Es gab die Sklavenbefreiung, es gab die Frauenbefreiung und hoffentlich gibt es bald die Kinderbefreiung. Seltsam, aus der Perspektive des aktuellen Kampfes fühlt es sich unendlich kompliziert an – und im Rückblick ganz einfach. Im Rückblick sagen wir: Ist doch sonnenklar, dass Schwarze und Weiße die gleichen Rechte haben müssen. Im Rückblick schütteln wir den Kopf und fragen uns: Wie konnte man vor kurzer Zeit noch glauben, dass Frauen bestimmte Berufe nicht ausüben können, nicht studieren, nicht wählen?

Ja, wir müssen die Kinderrechte im Grundgesetz verankern. Und ich hoffe, dass wir dann irgendwann zurückblicken können und fragen: Warum war das so schwierig, den Belangen von Kindern in allen politischen Bereichen Gehör zu verschaffen? Warum werden keine von Kindern geleiteten Gremien gefragt, wenn es um Themen wie Stadtbebauung und Umweltschutz geht? Oder um Chancengleichheit in der Bildung?

Sie versuchen, Klimawandel und Familienleben zusammenzudenken. In Ihrem Buch argumentieren Sie, dass wir die Kinder früh in ihrer Selbstständigkeit fördern müssen, weil sie die Antworten finden müssen, die wir Eltern bisher nicht gefunden haben.

Ja, die Kinder von heute stehen vor großen Herausforderungen, die wir heraufbeschworen haben durch unser Handeln und die Weigerung, von unserem Lebensstil abzuweichen. Wir haben es verbockt. Und deshalb möchte ich nicht, dass unsere Kinder in demselben Konsumrausch aufwachsen wie wir – und für erledigte Hausaufgaben mit Gummibärchen belohnt werden.


Susanne Mirau ist unsere Bloggerin des Monats: Die Berliner Zeitung lädt kreative Netz-Persönlichkeiten ein, ihre Arbeit in Interviews und ausgewählten Texten vorzustellen.