Berlin -  „Boah krass! Total ungewohnt, wieder in der Schule zu sein“, sagt ein Mädchen mit langen schwarzen Haaren und schaut sich auf dem Schulhof um – begierig alle Eindrücke einsaugend. Dann öffnet sie die Tür und eilt die Stufen hinauf.

Eine siebte Klasse in der Friedensburg-Oberschule in Charlottenburg. Seit vier Monaten sind sie nicht mehr zusammen gewesen und nun zum ersten Mal wieder. Marco Weeser, der junge Klassenlehrer, bittet alle, mal mit dem Daumen zu zeigen, wie es ihnen geht. Viele Daumen zeigen nach oben, manche zur Seite, einer steil nach unten. Danach gefragt, sagt Daniel: „Wir waren lange nicht in der Schule. Mir hat das gefehlt.“

Dann beginnt die Test-Zeremonie: Ziemlich andächtig schauen die Schüler das Schulungsvideo der Senatsverwaltung. Die beiden Lehrkräfte teilen die Testkits aus, zuvor hatten sie die Tische und Stühle dicht an die Wand geschoben, damit jeder sich beim Testen von den Mitschülern wegdrehen kann. Und nun geht es los: Alle stellen ihre Röhrchen mit der Pufferlösung in eine Wäscheklammer, ziehen den Deckel ab, packen das Teststäbchen aus und lassen das weiche Ende viermal langsam an der Nasenscheidewand entlangkreisen. Erst beim einen Nasenloch und dann beim andern.

Die Schüler sind konzentriert. Zwei Mädchen kichern: „Das kitzelt, ist aber okay.“ Valentino sagt: „Ich hätte erwartet, dass das viel unangenehmer ist.“

Dann tauchen sie das Stäbchenende in die Pufferlösung und rühren, ziehen das Stäbchen wieder heraus und legen es auf ein sauberes Taschentuch. Nachdem das Röhrchen mit einer Tropfkappe verschlossen ist, lassen sie behutsam vier Tropfen auf die Testkassette fallen. Dann heißt es fünfzehn Minuten warten – bei einem Strich im Anzeigenfeld ist das Ergebnis negativ, bei zwei Strichen positiv.

Die Schüler sind erleichtert, als sie den Test durchgeführt haben. Die Angst vor dem Unbekannten ist weg, und alle scheinen zu merken: Wenn man es einmal gemacht hat, ist es eigentlich ganz einfach. Während der 15 Minuten Wartezeit wird weiter Unterricht gemacht. Herr Weeser hat auf dem Handy seine Stoppuhr gestellt, dann prüfen alle ihr Ergebnis. Zum Glück: Keiner der Tests ist positiv. Herr Weeser und seine Kollegin Sandrine Yougoueth gehen mit kleinen Müllbeuteln durch die Klasse, in die die Schüler brav die verschiedenen Teile ihres Testkits entsorgen.

In der Pause erzählen die Schülerinnen und Schüler, wie es ihnen in den letzten vier Monaten ergangen ist. Alya sagt: „Gerade ist Ramadan, und meine Mutter fand es eigentlich ganz gut, dass ich nicht in die Schule musste. Weil das Fasten dann leichter für mich war.“ Levent hat gefallen, dass „die Unterrichtsstörungen wegfielen. So kam ich schneller voran mit dem Lernen und war auch schneller fertig“.

Daniel ist da ganz anderer Meinung. Er brauche die Schule, die Möglichkeit, mal an einen anderen Ort zu gehen. „Ein bisschen Abstand zu meinen Geschwistern. Wir sind Drillinge und es gibt öfter Streit. Außerdem sind meine Eltern sehr streng mit Corona. Seit Oktober durfte ich keine Freunde mehr zu mir einladen oder irgendwo hingehen.“

Lehrer Weeser bedauert, dass die Klasse durch Corona wenig Gelegenheit hatte zusammenzuwachsen. Sie konnten keine Klassenfahrt machen, keine Ausflüge, keine Gruppenarbeiten, wo man mal die Köpfe zusammensteckt und albern ist zwischendurch. Viele der Schüler sagten deshalb auch, dass sie am Nachmittag Freunde getroffen haben, die nicht in dieselbe Klasse gehen wie sie. „Wahrscheinlich bleibt von diesem Social Distancing auch etwas zurück“, sagt Weeser.

Foto: Berliner Zeitung/ Benjamin Pritzkuleit
Sven Zimmerschied, Leiter der Friedensburg-Oberschule. 

Das Arbeitspensum des Kollegiums hat sich durch Corona deutlich gesteigert. Schulleiter Sven Zimmerschied erzählt beiläufig, dass er täglich 12 bis 13 Stunden arbeitet. „Es gibt fünf Eltern an unserer Schule, die Corona-Leugner sind. Und die haben mich am Wochenende ziemlich auf Trab gehalten. Weil sie die Tests unsinnig finden oder für gesundheitsschädigend halten.“ Eine Mutter hat den Schulleiter in einer E-Mail mit Hermann Göring verglichen. Eine andere kündigte an, die Testung ihrer Tochter persönlich zu verhindern, schlug dann aber doch nicht in der Schule auf. Der Schulleiter kann also kurz aufatmen.

Zum Glück ist das Kollegium sehr ruhig in die neue Testsituation gegangen. Wahrscheinlich, weil man schon vor den Osterferien in aller Ruhe eine Schulung absolviert und dabei gemerkt hat: „Das ist kein Hexenwerk.“

„An diesem Morgen ist ein einziges Testergebnis positiv gewesen“, sagt Sven Zimmerschied – bei einer Neuntklässlerin. Eine Erzieherin hat dann freundlich auf das Mädchen eingeredet und sie in die Nähwerkstatt begleitet, die der Schule momentan als Quarantäne-Raum dient. Dort hat das Mädchen dann auf seine Eltern gewartet.

Im Weggehen ein Blick auf den leuchtend grünen Kunstrasen in der Mitte des Schulhofs: Mädchen und Jungen, die lachen und miteinander Federball spielen. Leider dürfte die Rückkehr der Mittelstufenschüler in die Schule ein kurzes Vergnügen werden. Gestern kündigte der Regierende Bürgermeister an, dass die Berliner Schulen schon nächste Woche wieder geschlossen werden könnten.