Das fermentierte Getränk Kombucha selber zu machen ist ein guter Zeitvertreib.
Foto: Imago Images

BerlinAn die Ruhe könnte ich mich gewöhnen. Unsere sonst relativ laute, weil von Restaurants und Kneipen gesäumte Straße schläft. Keine betrunkenen Touristen, die um vier Uhr morgens unmelodische Lieder grölen. Ein Traum.

Die Krise scheint etwas absehbarer geworden zu sein. Das Wort Lockerung ist in aller Munde. Viele hatten in den vergangenen Lockdown-Wochen Zeit, Dinge zu tun, die sonst zu kurz kommen. Ich war eine von ihnen, und ich habe es genossen.

Ich mache im Moment viel mehr mit meinen Händen als sonst. Auf einmal ist es interessant geworden, mit Fermentation zu experimentieren. Kombucha herzustellen, den eigenen Kimchi anzusetzen. In den Wald zu gehen und Bärlauch zu ernten, aufwendigere Kuchen zu backen. Ich habe begonnen, mich wieder mehr für Prozesse zu interessieren, als für das fertige Endziel. Die Schönheit des Do-it-yourself. Es klingt nach einem Klischee, aber DIY bringt einem tatsächlich mehr Freude.

Was wollen wir beibehalten?

Vielleicht kann man nun, da ein Ende der Maßnahmen näher rückt, reflektieren, was wir als Gesellschaft aus dieser Zeit beibehalten wollen. Wahrscheinlich bin ich eine hoffnungslose Idealistin, aber ich glaube immer noch daran, dass aus dieser Krise auch Gutes erwachsen wird – trotz Pleiten und genereller Unsicherheit. Ich lerne irgendwie nicht aus Enttäuschungen. Das Leben zeigt mir zwar regelmäßig, dass es eben doch anders kommt, als gehofft – Trump, Brexit, Naturzerstörung –, aber die kleine Flamme der Hoffnung brennt weiter.

Die Hoffnung speist sich auch aus dem Glauben, dass wir Menschen nicht durch solch eine Krise gehen können, ohne dass ein anderes Bewusstsein daraus entsteht. Vielleicht bekommen wir gerade mehr Gefühl dafür, wie stark wir mit der Natur und miteinander verbunden sind. Vielleicht erwacht auch bei dem größten Einzelkämpfer ein stärkeres Wir-Gefühl, mehr Solidarität.

Die Konsumgesellschaft war nun mehrere Wochen auf stumm geschaltet. Nun sollen viele Geschäfte wieder öffnen, in den vergangenen Wochen konnten Shopping-Freudige sich nur online austoben. Doch das ewige Rumgescrolle dürfte auch dem größten Einkauf-Enthusiasten nach einer Weile auf die Nerven gehen. Ich weiß, Amazon kommt mit seinen Lieferungen kaum hinterher. Aber die Menschen haben andere Dinge bestellt. Mehr Essen und Gartenmöbel. Mehr Do-it-yourself-Zeug. Vielleicht war endlich Zeit, die hintere Gartenecke zu verschönern. Oder neue Regale zu bauen.

Sie schmunzeln vielleicht. Natürlich werden jetzt nicht alle über Nacht zu Selbstversorgern. Aber Netflix-Schauen und Instagram werden jedem irgendwann langweilig. Und der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Da bleiben bestimmt auch einige Dinge hängen. Es kann gar nicht anders sein. Oder?