Steile Lernkurve: Redakteur Jens Blankennagel unterrichtet seinen Sohn zu Hause.
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

BerlinIn meiner ersten Stunde als Lehrer lerne ich sehr viel von meinem Schüler. Kein Wunder, ich bin neu in dem Beruf – und auch nicht ganz freiwillig dabei. Ich habe das Fach nicht studiert und kenne mich deshalb nicht aus mit Lehrmethoden, Didaktik, pädagogischen Kniffen. Mein Schüler ist viel erfahrener: Er ist ein stolzer Erstklässler und kennt als solcher die Schulpraxis bereits seit sieben Monaten.

In der Schule lief bislang alles super – für ihn und für uns, seine Eltern. Doch nun ist sie bis auf Weiteres geschlossen. Man spricht von „Corona-Ferien“. Dabei sind es keine Ferien. Es ist wohl eher davon auszugehen, dass diese Phase mit Dauerstress für alle Betroffenen verbunden sein wird.

Kinder sollen intellektuell nicht verwahrlosen

„Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen“, so lautet ein weiser Spruch über Kindererziehung. Doch nun gilt das genaue Gegenteil: Hunderttausende Eltern sind aufgefordert, mit ihren Kindern zu Hause zu bleiben, sie in möglichst strenger Isolation nicht nur gesund zu halten, sondern auch dafür zu sorgen, dass sie intellektuell nicht verwahrlosen.

In meiner ersten Stunde als Neulehrer lerne ich, was verliebte Zahlen sind. Es sind Partnerzahlen, Zahlen also, bei denen beim Addieren 10 herauskommt. Die 3 und die 7 sind genauso verliebt wie die 9 und die 1. Eine schöne Zahlenwelt. So etwas lernt man nicht im Leben, sondern nur in der Schule.

Die Schule soll – so jedenfalls bisher die Pläne – am 19. April wieder öffnen. Das wären 34 Tage für tausende Eltern als Neulehrer. Nebenbei ist für die Eltern auch noch Homeoffice angesagt. Es gilt, den übrigen Alltag zu bewältigen. Der erste Tag ist locker. Wir rechnen ein wenig verliebt, das Kind schreibt einen Brief an seine Oma, aber nicht als er selbst, sondern als „Mister Y“.

Eine neue Form von Fulltime-Job

Eigentlich hatten wir etwas anderes geplant. Der Junge will später einmal Erfinder werden, also soll er auf einem Blatt etwas entwerfen, das wir dann basteln. Das haben wir nicht geschafft. Aber wir streichen den ersten Tag trotzdem am Küchenkalender ab. Als der Junge im Bett ist, arbeiten wir noch eine Runde.

Cordula Lasner-Tietze, Bundesgeschäftsführerin des Kinderschutzbundes, wirbt dafür, dass die Gesellschaft die aktuelle Belastung der Eltern ernst nimmt. „Das, was die Eltern nun leisten müssen, ist eine neue Form von Fulltime-Job, denn neben den Kindern müssen sie ihre reguläre Arbeit oft auch noch erledigen. Das geht fast den ganzen Tag, sieben Tage die Woche, fünf Wochen lang“, sagt sie. „Die Eltern müssen ihre Kinder nun dauerhaft begleiten, beschulen, erziehen und natürlich bespaßen.“

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Erwachsene ohne Kinder haben es etwas leichter. Sie können nach der Arbeit in den Baumarkt fahren und anschließend die Küche streichen. Sie können Bücher lesen, Musik hören, einen Serienkanal abonnieren und die Krise auf dem Sofa verpassen. Eltern sollen das auf keinen Fall. Genau wie Arbeitslose sollen sie weiter früh aufstehen, sollen diszipliniert sein und dabei auch noch Spaß verbreiten.

Lernen, arbeiten, spielen

Hauptsache eine feste Struktur. An Tag null hatten wir einen Plan gemacht. Nicht mehr um 6 Uhr aufstehen, aber 7 Uhr. Frühsport, Frühstück, sich nebenbei um Arbeitsaufträge kümmern. Ein Elternteil wird zum Lehrer, der andere arbeitet im Homeoffice. Zwischendurch spielen, dann Mittag, das Kind darf faulenzen, wir arbeiten. Wieder ein Stündchen Schule mit dem anderen Elternteil, arbeiten, spielen, telefonieren, arbeiten, spazieren, Trickfilm, Abendessen, ab ins Bett. Noch ein wenig Arbeit, Feierabend.

Am zweiten Tag merke ich, dass unser Sohn einige Buchstaben, etwa das „E“, etwas anders schreibt als vorgesehen. Als ich ihn vorsichtig auf einen neuen Weg bringen will, blockt er ab. Vielleicht wird es doch keine reine Friede-Freude-Eierkuchen-Zeit. Wir bitten den Sohn um Hilfe beim Kochen. Er sagt: „Dann nennen wir das Kochunterricht.“ Am Nachmittag dann Fußball mit einem weichen Stoffball im Flur. Eigentlich ein Tabu, aber was soll’s? Hauptsache, er kann Druck ablassen. Wir schießen fast die schöne rote Vase vom Schuhschrank.

Unterschiedliche Rollen als Eltern und Lehrer

Die größeren Schüler haben von ihrer Schule Aufgaben und Projekte bekommen, können übers Internet mit den Lehrern und untereinander konferieren. Die Aufgaben für Grundschüler reichen nicht allzu lange. Jedenfalls nicht, wenn die fix sind. Einerseits gibt es im Internet endlos Material. Anderseits stehen dort Sätze wie: „Ob Karaoke-Singen, Öl-Farben-Experimente oder ein eigenes Theaterstück – Ihrer Kreativität sind keine Grenzen gesetzt.“ Doch, sind es. Die einen können nicht singen, die anderen nicht malen. Auch Lehrer im echten Leben holen sich für ein Bühnenstück meist ausgebildete Theaterpädagogen an die Schule.

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Am Anfang des dritten Tages starte ich mit meinem Schüler einen Wettbewerb. Es geht um das neue „E“ – wer schafft mehr in einer Minute. Er ist begeistert dabei und gewinnt, trotzdem überkrakelt er kurz danach seine Seite. Ich bitte ihn aufzuhören, er macht weiter. Ich bin genervt, bei ihm gibt es fast Tränen. Ich frage: „Was hättest du gemacht, wenn deine Lehrerin dich darum gebeten hätte?“ Er sagt: „Dann hätte ich es gemacht. Aber du bist nicht meine Lehrerin.“

Warum nimmt er mich als Lehrer nicht ernst? „Das sind eben zwei unterschiedliche Rollen – Vater und Lehrer“, sagt Cordula Lasner-Tietze vom Kinderschutzbund. Erziehung gilt als Sache der Eltern. Für die Bildung sind die Lehrer da. „Für die Erziehung benutze ich lieber den Begriff Begleiten. Es geht für die Kinder um die Frage: Was darf ich, was darf ich nicht. Eltern vermitteln Werte, und die Kinder erproben bei den Eltern – also in einem vertrauerten Rahmen –, wie weit sie gehen können und sammeln Erfahrungen.“

„Mein Mathelehrer war heute doof“

Dabei schützen die Eltern sie und fördern sie. Lehrer hingegen haben eine strengere Rolle: Lehrer sollen Wissen vermitteln und die Zusammenhänge erklären. Eltern hätten im Idealfall zwar die nötige Herzenswärme, aber nicht die didaktischen Fähigkeiten studierter Lehrer, sagt Cordula Lasner-Tietze.

Das klingt hart für alle Neulehrer, aber noch härter ist es für die Kinder. Sie sind nun oft Einzelschüler, der Herdentrieb und die Herdenwärme der Klasse fehlen. Ständig sind sie unter Beobachtung, können nicht aus dem Fenster schauen und in der Pause mit Freunden toben. Üblicherweise gehen Schüler zu den Eltern und meckern auch mal über Lehrer. Nun sind Lehrer und Eltern identisch. Zu wem sollen sie nun sagen „Mein Mathelehrer war heute doof“?

Zu Hause überkreuzt sich alles. Der dritte Tag ist der stressigste: Allgemeine Gereiztheit, jeder kennt nun die Grenze des anderen genau. Dann noch ein dienstlicher Auftrag aus der Redaktion. Kopfschmerzen. Und wir betreuen nur ein Kind. Was muss jemand leisten, der allein mit drei Kindern dasteht?

Wir trampeln herum – die Nachbarn sind uns egal

Am vierten Tag lassen wir eine neue Lockerheit einziehen, absolvieren den Internet-Sportkurs von Alba und jonglieren Bälle. Wieder eine Stunde geschafft. Am Nachmittag nimmt sich der Schüler freiwillig ein Arbeitsblatt und berechnet, wie viele Ecken ein Würfel hat, wie viele Kanten und Flächen.

Meine Frau ist die viel bessere Mathelehrerin und Bastlerin, ich der bessere Fußballer. Dafür ist Fußball bei mir nun auch ein wenig Mathe, denn wenn es 12 zu 8 steht, soll er errechnen, wie groß sein Vorsprung ist. Wir lachen viel, trampeln herum – die Nachbarn sind uns egal. Er spielt Luftgitarre mit dem Kinderbesen. Die Kissenschlacht ist Teil unseres Indoor-Fitnessprogramms. Manchmal läuft er lachend durch den Flur und rammt seinen Kopf gegen meinen Bauch.

„Das ist impulsorientiert“, sagt Cordula Lasner-Tietze. „Kinder haben einen natürlichen Bewegungsdrang. Erwachsene können den für eine gewisse Zeit eindämmen – mit Vernunft, mit Vorsätzen und mit Alternativen wie Kochen.“ Aber Kinder wollten spielen, rennen, toben, seien an einer Aktion orientiert. Eltern erzählen ihr nun, dass sich ihre Kinder ganz allein anziehen, zur Tür gehen und sagen: „Ich will auf den Spielplatz.“ Aber der ist geschlossen. „Diese Eingrenzung der Kinder ist für alle stressig.“ Und je länger die Eingrenzung nötig ist, desto größer wird die potenzielle Gefahr von häuslicher Gewalt.

Endlich Wochenende

Der vierte Tag ist der letzte Schultag der Woche und endet mit Heimkino. Wir löschen alle Lichter, essen Popcorn und schauen einen Trickfilm. Endlich Wochenende. Kein Unterricht. Das Kind sagt am Morgen: „Heute machen wir kein Frühsport.“ Wir nicken. Kurze Pause, dann springt er auf: „Doch, aber diesmal unterrichte ich euch, und wir machen meine Fantasie-Übungen.“ Er bleibt den ganzen Tag im Schlafanzug und lässt ihn auch bei der Radtour zum Treptower Park drunter an. Am Abend verkündet er: „Morgen beginnen wir aber endlich mit unserem Erfinderprojekt.“

Montag, siebter Tag. Wir stehen früh auf. Struktur sei wichtig, sagen die Fachleute. Eltern sollen ein Anker sein im Chaos. Endlich beginnen wir das Erfinderprojekt vom ersten Tag. Der Sohn zeichnet eine Rakete und schreibt daneben deren Namen – Güstlx rixl Lowres. „Das ist Fantasieländisch und heißt: Gott des Himmels.“ Er will die Rakete auch konstruieren. Aber Raketentriebwerke gibt es nicht im Baumarkt. Er schlägt vor: „Dann bauen wir einen coronafesten Teppich, der fliegen kann.“

Dienstag. Vormittags bleiben wir bei der verabredeten Struktur, nachmittags folgen wir dem Rhythmus des Kindes. Der Sohn räumt von allein sein Zimmer auf. Später darf er mit der Lern-App spielen. Das ist auch so eine Debatte in diesen Tagen: Dürfen Eltern die Kinder vor den mobilen Endgeräten parken? Oder sollen Eltern versuchen, die alltäglichste aller heutigen Süchte auch in der Krise möglichst lange hinauszuzögern?

Tränen verhindern, den Ball flach halten

Wie meist geht es nicht darum, alles richtig, sondern nicht zu viel falsch zu machen. Es gibt Grundschullehrer, die warnen, dass Eltern nicht Ersatzlehrer spielen sollten, weil sie es nicht können. Das Ziel soll sein, den Ehrgeiz der Eltern zu bremsen: Tränen verhindern, den Ball flach halten, den Stress runterfahren, in die Sonne schauen. Buchstaben üben, und natürlich verliebte Zahlen.

In diesen Tagen begreifen Neulehrer, wie gut es ist, sein Kind jeden Tag zur Schule bringen zu können – egal, wie überlastet die echten Lehrer sind, wie desolat so manches Schulgebäude und wie verworren der ewige Länderkleinkrieg im Bildungswesen.

Nicht die besseren Lehrer sein

„Die Eltern geben ihr Bestes“, sagt Cordula Lasner-Tietze. „Sie machen sicherlich vieles richtig, aber Lehrer machen es anders. Deshalb sollten Eltern nun nicht versuchen, die besseren Lehrer zu sein. Sie sollten die Zeit überbrücken und den Stoff verstärken, bei dem die Kinder nicht so sicher sind.“

Mittwoch, der neunte Tag. Das Buchstaben-Wettschreiben läuft wie von allein. Beim Kung-Fu im Kinderzimmer ist bislang kein Zahn ausgebrochen, beim Fußball keine Vase runtergefallen. Aber meine Frau hat mit unserem Sohn die letzten zwei Federbälle im Hof auf Balkone geschossen, hinter denen offenbar niemand wohnt. Als er beim Tischabräumen helfen soll, rennt er raus. Kurz darauf steht er vor uns mit einem Blatt Papier auf der Brust. Darauf hat er geschrieben: „Ich hasse Küchenarbeit.“ Wir lachen und schreiben: „Null Fehler. Prima.“ Der Junge sagt: „Ich möchte gern einen Wir-machen-Dessert-Unterricht.“ Wird natürlich notiert.

Die erste Woche war vielleicht die härteste und gleichzeitig auch die leichteste. Alles war neu und aufregend. Nun kommen die Mühen der Ebene. Spaß muss helfen, die Belastung auszuhalten. Der Junge läuft in der Wohnung rum und quiekt. Er erntet ein „Bitte aufhören!“ Er sagt: „Ich kann ein hohes C singen, dafür muss ich mir nur ein Nasenhaar ausreißen.“ Schon quiekt er weiter.

Neue Gesprächsbasis

„Die Krise kann einen positiven Nebenaspekt haben“, sagt die Fachfrau. „Die Kinder werden sagen: Ach, ist es schön, wieder in die Schule zu dürfen, da sind meine Freunde.“ Bei den Eltern wachse die Ehrfurcht vor Lehrern. Die Gesprächsbasis zwischen Eltern, Lehrern und Kindern werde danach eine andere sein. „Alle haben einen größeren Einblick in die Mühen, die Freuden, die Herausforderungen des jeweils anderen.“

Am Nachmittag streicht der Junge auf dem Kalender Tag neun ab. Danach ist er Lehrer und unterrichtet uns im Hausbau. Aus Stofftieren und Kissen baut er einen Berg. „Das ist mein Luxus-Kuscheltier-Paradies“, sagt er. „Probier mal.“ Ich setze mich neben den Berg und nicke. Er strahlt, kommt mit seinem Gesicht nah an meines und sagt mit extra tiefer Stimme: „Schau mir in die Augen, Kleiner.“ Das habe ich früher oft bei ihm gemacht.

Neun Tage sind geschafft. Ich gebe uns die Note zwei plus. Bleiben noch 25 Tage.