Berlin - Manche behaupten, dass die Schulen aus dem ersten Lockdown nichts gelernt hätten und im Falle einer erneuten Schulschließung an demselben Punkt stehen würden wie damals im März. Aber das stimmt nicht - wie ein zukunftsweisender Modellversuch am Ernst-Abbe-Gymnasiums zeigt. Das Gebäude liegt an der Sonnenallee in Neukölln, in einem aktuellen Hotspot, und musste vor den Herbstferien wegen eines starken - oder im Schülerjargon -  „krassen“ Infektionsgeschehens komplett seine Tore schließen.

Nun ist die Schule durch die kleine Traumatisierung klug geworden. Um die Ansteckungsgefahr zu reduzieren, wird dort probeweise im Wechselmodell unterrichtet: Diejenigen, die vergangene Woche in der Schule waren, sind jetzt zu Hause und umgekehrt. Das Besondere dabei ist, dass diejenigen Schüler, die mit dem Homeschooling Schwierigkeiten haben, weiterhin in die Schule gehen können. Sie bekommen sozusagen dauerhaft das Recht auf Präsenzunterricht.

Das gilt für alle, die in beengten Verhältnissen leben, sich mit vielen Geschwistern das Zimmer teilen und keinen ruhigen Arbeitsplatz haben. Für alle, die über kein digitales Gerät verfügen und trotz der emsigen Beschaffungsmaßnahmen der Senatsverwaltung für Bildung bisher mit leeren Händen dastehen. Das rettet vor allem diejenigen, die sich nicht motivieren können, morgens aufzustehen und ihre Aufgaben zu erledigen, wenn ihnen nicht täglich eine vertraute Lehrerpersönlichkeit in die Augen und über die Schulter schaut. Sie alle finden eine neue Heimat in dem ehemaligen Computerkabinett der Schule, das jetzt als weiterer Unterrichtsraum genutzt wird.

Gelingt der Modellversuch des Ernst-Abbe-Gymnasiums, wäre das eine wichtige Antwort auf die soziale Frage, wie man Wechselunterricht organisieren kann, ohne die schwachen Schüler noch weiter zu schwächen.