Der Übermut von Ikarus führte schließlich dazu, dass er zu nah an die Sonne flog und nach einem Absturz ins Meer starb.
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Mütter, die ihren Kindern abends Geschichten zum Einschlafen vorlesen, haben ungefähr so viele Augen wie das griechische Monster Argos. Hera, die ewig unzufriedene Gattin des Zeus, hatte es darauf abgerichtet, eine Prinzessin zu bewachen, auf die Zeus ein Auge geworfen hatte. Argos’ viele Augen ruhten nie. Ebenso wie meine. Zwei waren zum Vorlesen da, und die übrigen, um zu sehen, was in den Kinderbetten vor sich ging. Wenn wir kein anderes Buch lasen, griff ich gern zu den griechischen Sagen, erzählt vom Übersetzer Dimiter Inkiow, der ein ebenso guter Erzähler ist.

In wenigen Worten konnte er die kompliziertesten Götter vorstellen. Wie zum Beispiel Nyx, die Göttin der Nacht. Die Geschichte beginnt ganz einfach: „Tagsüber schlief sie. Aber nachts, wenn alle anderen Götter schliefen, wurde sie wach.“ So etwa ist es mit kleinen Kindern. Das Jüngste war noch recht ausgeruht vom Mittagsschlaf, die Schulkinder aber mussten ins Bett. Wir hatten nur ein Kinderzimmer. Also begann ich zu lesen. Listenreich wie König Sisyphos. Erst eine lange Geschichte, dann zwei kurze, damit es nicht auffällt, wenn ich nach der zweiten kurzen Geschichte Gute Nacht sage.

Aber an diesem Abend funktionierte es nicht. In der Geschichte über Achilles' Reise nach Troja lachten sie jedes Mal, wenn die Namen der Könige „Agamemnon“ oder „Menelaos“ fielen. Sie lachten sogar über die traurige Geschichte von „Orpheus und Eurydike“. Der Grund war Tante Bärbel. Manchmal war sie abends die Vorleserin. Die Kinder liebten ihre monotone und tief beruhigende Art, vorzulesen. Doch Tante Bärbel kam bei den griechischen Sagen jedes Mal ins Stottern, wenn ihr einer dieser komplizierten Namen unterkam. Und die Kinder kringelten sich vor Lachen in ihren Betten. Und beim nächsten Mal schoben sie ihr wieder die griechischen Sagen unter. Bis Tante Bärbel dann streikte und sagte, diesen ollen Kram wolle sie nicht mehr lesen. Davon erzählten mir also die Kinder hellwach, nachdem ich schon einen ganz trockenen Mund vom Vorlesen hatte. Gut, sagte ich, noch eine Geschichte. Der Dank: Rebellion. Meine Töchter begannen zu skandieren: Vor-le-sen, Vor-le-sen!

Manchmal hilft dann das Schicksal. Wir wohnten in einem Mietshaus und die Wand zum Nachbarzimmer war aus Rigips. Dort wohnte Fredi, neun Jahre. Wir konnten sein Meerschweinchen abends rascheln hören, er hörte die Rebellion. Es klingelte. Fredi stand vor der Tür. „Ich kann ja vorlesen“, sagte er. Mit einem Mal war es still im Kinderzimmer. Die Älteste, die eben noch gesessen hatte, ließ sich nach hinten fallen: Fredi war eine Klasse unter ihr. Die beiden Kleinen waren verstummt. Ich übergab Fredi den Vorlesestuhl und verließ das Zimmer. Tapfer kämpfte der kleine Held sich durch die griechische Götterwelt. Nach einer Geschichte erlöste ich ihn mit einem scheinheiligen Lob. Mensch, Fredi, sagte ich, du hast ja so toll vorgelesen, dass die Mädels eingeschlafen sind.

Die spannendsten griechischen Sagen. Neu erzählt von Dimiter Inkiow. Ellermann, ab fünf Jahren, 128 S., 17 Euro.