Reinhard Genzel, Astrophysiker am Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik, wurde mit dem Physik-Nobelpreis ausgezeichnet.
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Berlin„Der Wissenschaftsstandort Deutschland ist einzigartig.“ Dieser Satz kommt nicht von irgendwem, sondern vom just gekürten Nobelpreisträger Reinhard Genzel, der den wichtigsten Wissenschaftspreis für seine bahnbrechenden physikalischen Forschungen erhalten hat.

Am Dienstagabend lobte er im „heute-Journal“ des ZDF die Arbeit der Max-Planck-Gesellschaft, die Möglichkeiten, die ihm als Wissenschaftler in Deutschland zur Verfügung stünden, und zuletzt die fantastische Zusammenarbeit zwischen den deutschen und europäischen Universitäten. Es war einer dieser rührenden Momente, da man froh war, Europäer zu sein. Seine Studienergebnisse, so Genzel, habe er nur erzielen können dank internationaler Kooperation. „Die Amerikaner“, sagte der frisch gebackene Nobelpreisträger, „haben da durchaus nachgelassen.“

Was in Trumps Weltbild nicht passt, wird abgeschafft

Natürlich richtete sich die Kritik gegen US-Präsident Donald Trump, der seit Beginn seiner Amtszeit keine Gelegenheit auslässt, um Fakten, Wahrheiten und die Ergebnisse mühsamer Forschungsarbeit als reine Ideologie und Fake News zu bezeichnen. Der Physiker Reinhard Genzel sagte es ganz deutlich: „Wenn ich mit meinen amerikanischen Kollegen spreche ... Sie werden nicht glauben, wie pessimistisch die sind. Das Land ist am Zerbröseln.“

Der Untergang der USA als Weltmacht liegt auch an Trumps Wissenschaftshass. Gerade nach Ausbruch der Corona-Pandemie zeigte sich diese Abneigung auf erschreckende Weise. Noch deutlicher wird sie jetzt während Trumps eigener Infektion, die er medial dafür nutzt, um die Corona-Gefahr herunterzuspielen, während er Menschenleben aufs Spiel setzt. Wahrheit, Erkenntnis, Faktentreue – all diese Bausteine wissenschaftlichen Arbeitens sind Trump egal, insbesondere wenn es darum geht, einen Wahlkampf zu gewinnen und sich selbst ins Rampenlicht zu drängen. Fast noch schlimmer ist aber die Tatsache, dass die amerikanische Gesellschaft in weiten Teilen seine Kapriolen akzeptiert.

Man kann sich hierzulande ja freuen, dass Deutschland seit Trump als Refugium der Erkenntnis gilt, insbesondere in Hinblick auf den wachsenden Konkurrenzdruck im Kampf um kluge Köpfe in Europa und China. Doch die Schadenfreude sollte sich in Grenzen halten. Schließlich verliert die ganze westliche Welt, wenn sich die Studienbedingungen in den USA verschlechtern und der Austausch mit den besten Universitäten durch Visabeschränkungen und andere Stolpersteine erschwert oder sogar gänzlich verhindert wird. 

Man müsste meinen, dass die großen Universitäten der USA privat finanziert werden und von Trumps Polemiken, Fake-News-Tiraden und finanziellen Shutdowns nicht betroffen sind. Das stimmt aber nicht ganz. Abgesehen davon, dass der rhetorische Kampf gegen die Wahrheit und die Wissenschaften einen immensen Imageschaden und Glaubwürdigkeitsverlust bedeutet, geht es ganz konkret um Forschungsprojekte, die, wenn sie in Trumps Weltbild nicht passen, ihre finanzielle Rückendeckung durch die US-Regierung verlieren. Die „New York Times“ hat ganz genau aufgeschrieben, wo Trump den Rotstift angesetzt hat: etwa bei einem Projekt an der Berkeley University, das den Einfluss von Chemikalien auf Schwangere untersucht; oder bei einem Projekt an der Columbia University in New York, das den Klimawandel beleuchtet. 

Die Statistiken der USA sprechen eine fatale Sprache

Wichtige Institutionen wie die obersten Gesundheitsämter und die Behörden für Ernährung sind zum politischen Spielball und Propagandamittel in Trumps Kulturkampf geworden und müssen auf den offiziellen Websites und Behördenbriefen Fake News verbreiten. Klimabehörden müssen die gesundheitliche Unbedenklichkeit von Kohlekraft behaupten, obwohl deren Mitarbeiter das Gegenteil wissen. Auch bei der Covid-Pandemie widerspricht Trump den Fakten seiner Mitarbeiter wie etwa dem Immunologen Anthony Fauci. „Das ist nicht nur Unbeholfenheit, das ist Sabotage“, sagt Jeffrey Shaman, ein Epidemiologe an der Columbia University in New York. Der Wissenschaftler wählt scharfe Worte, wenn es darum geht, Trumps Haltung gegenüber Corona zu bewerten: „Trump hat alles dafür getan, um Maßnahmen zu sabotieren, die Menschenleben retten sollen.“

Die Statistiken sprechen für sich: Die USA haben über 7 Millionen Fälle von Covid-19 zu verzeichnen, mehr als 200.000 Menschen sind am Virus verstorben, kein anderes Land hat so viele Tote wie die USA. Auch wenn andere Länder wie Großbritannien ähnlich schlecht dastehen, darf das Trumps Corona-Strategie nicht entschuldigen. Sie ist ein Spiegelbild seines kaputten Wissenschaftsbildes, das der Präsident weiterhin vermitteln wird, sollte er die nächste Wahl gewinnen. Deutschland als Wissenschaftsstandort wäre mit Trump als Präsidenten nochmals ein Quäntchen attraktiver. Das kann aber niemand ernsthaft wollen.