Wir erinnern uns: Es gab mal wieder Streit zu Hause in Neukölln bei Start-up-Dad, seinem Sohn August, 4, und seiner Partnerin PR-Agentur-Mum. Doch nun genießt die Familie, frisch geeint von ihrem Hass auf die Kita-WhatsApp-Gruppe, einen gemeinsamen Nachmittag auf dem novemberkalten Weichselspielplatz. Doch was ist das? Ein neuer Papa auf dem Platz!

Kita-WhatsApp-Gruppe: Ding! Ich bin es, die Kita-WhatsApp-Gruppe! Tag und Nacht Terror durch Eltern, die sich einbringen! Ding! „Schon mitbekommen? Unter Corona-Regeln werden den Kindern NICHT MEHR DIE ZÄHNE GEPUTZT!!!!“ Ding! „Ich weiß, KATASTROPHE! Also ich würde einfach jeden Mittag an den Zaun am Kitagarten gehen und meinem Kind durch die Maschen schnell die Zähne putzen. Ist doch überhaupt kein Aufwand!“ Ding! „Nice‚ ich komme auch!“ Ding! „Ich auch, außer Donnerstags, da bin ich bei der Yoga-Evaluation!“ Ding! „Yoga-Evaluation?“ Ding! „Kennst du das nicht? Das hat unter StudentInnen in Kalifornien, die einerseits hart chillen, andererseits immer powergechillt abliefern wollen, das Psylocybin-Mikrodosieren längst abgelöst!“

Start-Up-Dad zu PR-Agentur-Mum: Wäre ich doch nicht umgedreht, um das Liegengebliebene zu kommunizieren?

PR-Agentur-Mum: Um mein Bedürfnis nach dauerndem Ehekrieg und Opferrollenwettbewerb zu stillen, würde ich diese Bemerkung normalerweise als Angriff auf mich werten – schließlich besteht meine Arbeit im PR-Sektor aus nichts als Kommunikation! Doch seit uns vorhin zu Hause der Hass auf die Kita-WhatsApp-Gruppe geeint hat, wurde ein neues Kapitel aufgeschlagen. Ich fühlte mich einfach allein im Hass! Jetzt bist du auch da drin! Mitten im Hass! Mit mir! Toll! Vielleicht brainstormen wir bald mal wie früher zusammen bei einem Glas Primitivo auf dem Vintage-Sofa über Kommunikationsstrategien. Du darfst aber sogar auch ein Bier trinken.

Start-Up-Dad: Wie schön! Und selbst August versucht heute nicht, andere Kinder zu ermorden! Ich glaube, diese neue, echte Harmonie zeigt bereits Wirkung! Vielleicht helfe ich dir heute Abend sogar bei diesen mordgelüsteerzeugenden Papiergeknitter-Adventdekorationen, deren überkomplizierte Herstellung eigentlich eine Ausbildung zum Basteltherapeuten erfordert!

PR-Agentur-Mum: Fröbelsterne!

Start-Up-Dad: Ja! Ich gähne, wenn ich nur dran denke! Aber dem Frieden mit dir zuliebe knittere ich sogar davon einen mit!

PR-Agentur-Mum: Wie süß von dir! Aber als metrosexueller Neandertaler würdest du die Fröbelsterne dabei ja doch nur kaputtmachen!

Start-Up-Dad: Apropos kaputt: Da kommt Musik-Dad. In seinem Schlepptau ein Mann, der aussieht, als wäre seine Dusche seit Wochen kaputt. Wer mag das sein? Zu Musik-Dad: Hallo, wie geht’s?

Musik-Dad: Voll entspannt. Darf ich vorstellen, das hier ist ...

Mann, der aussieht, als wäre seine Dusche seit Wochen kaputt röchelt etwas Unverständliches und strömt Verwesung aus.

Start-Up-Dad weicht unwillkürlich zurück.

Musik-Dad: Er ist auch Musiker. Er macht Musik für Kinder!

Mann, der aussieht, als wäre seine Dusche seit Wochen kaputt: Klar, ey, früher habe ich mit den Jungs auf Tour immer röchel hust murmel, aber ey, die Punkschiene einfach auf ne neue Meta-Ebene gehoben röchel röchel, die Kinder sind echt ’ne krass andere Target Group eh in ’ner total anderen Bubble und schon voll metaverseucht, also röchel hust, wir kuratieren eher so Sounds und Texte, die davon handeln, dass Musiker Musik für Kinder machen.

Start-Up-Dad: Und wie kommt das bei den Kids an?

Mann, der aussieht, als wäre seine Dusche seit Wochen kaputt: Beim letzten Konzert vor dem Lockdown haben sich einige übergeben. Habe ich nicht verstanden röchel. Aber darum geht es ja gar nicht. Wir wollen von denen ja nicht verstanden werden. Die wollen niemanden, der von ihnen verstanden werden will. Verstehst du?

Start-Up-Dad: Nicht ganz.

PR-Agentur-Mum strahlt: Vollkommen! Ich mach PR, lass uns doch mal treffen und zusammen für euch brainstormen!

Start-Up-Dad sieht PR-Agentur-Mum entsetzt von der Seite an.

Kita-WhatsApp-Gruppe: Ding!


Die Kolumne „Die Väter vom Weichselplatz“ erscheint alle zwei Wochen freitags auf der Familienseite und am Samstagmorgen online bei „Lernen & Arbeiten“.

Zur Person

Johannes von Weizsäcker, geboren in Bonn, lebte 16 Jahre in London als Musiker und Soundtrackkomponist. Dort gründete er die von der Fachpresse vielgelobte Experimental-Popgruppe „The Chap“. Er schreibt als Popkritiker für die Berliner Zeitung, betreibt das deutschsprachige Popmusik-Projekt „Erfolg“ und die Kindermusikband „Baked Beans“. Er ist Vater eines Sohns und lebt mit seiner Familie in Neukölln.