Wir erinnern uns: Start-up-Dad  und PR-Agentur-Mum begleiteten ihren gewalttätigen Sohn August, 4, zu einem Musik-Tutorial mit dem Mann, der aussieht, als wäre seine Dusche seit Wochen kaputt. Das war für alle therapeutisch – selbst PR-Agentur-Mum wurde ungewohnt konziliant! Im Gegenzug hat Start-up-Dad nun beschlossen, Homeoffice zu machen und August zu betreuen. 

Start-up-Dad holt das iPad aus dem Schrank: Bravo, August! Heute nur dreimal mit Steinen nach Menschen geworfen! Als kleines Weiter-so gibt es heute mal die doppelte Menge iPad.

August: Voll nice! Eine ganze Stunde mit meinen virtuellen Freunden von „Paw Patrol“, deren vorbildliches Verhalten in pädagogisch derart ausgedünnter Form präsentiert wird, dass keinerlei Anreiz zu Transferleistungen in die Realität besteht!

Start-up-Dad: Mir schwebte eher die Sendung mit dem Elefanten vor – beneidenswert blau, schlau und elefantastisch! Da gab es doch die Folge mit diesem Astronauten, der auf der ISS seinen schwerelosen Frühstückstee im Raum herumblubbern lässt!

August schreit: Alexander Gerst! Schwerst retro-bundesrepublikanische „Wissensvermittlung“ mit „spielerischem“ Ambiente! Widerlich! Allein die Tiefe und Ruhe, die diese Sendung ausstrahlt! Ich brauche globalkompatiblen, zweidimensionalen, postmodernen Trash! Mit Chase, Marshall, Rubble, Rocky, Skye und Zuma! 

Start-up-Dad: Apropos Zuma, ich zoom mal jetzt ein bisschen, dann guck halt von mir aus „Paw Patrol“. Geht ins Nebenzimmer, klappt Laptop auf und loggt sich ein.

Zoom-Partner: Hey na, alles klar?

Start-up-Dad: Ja, alles gut, ich bin gerade ...

August von nebenan: Ein Fall für Chase! Wuff!

Zoom-Partner: Hab dich jetzt gerade nicht verstanden.

Start-up-Dad setzt falsches märtyrerhaftes Lächeln auf: Ich mache Homeoffice heute.

Zoom-Partner: Klar, cool. Also, wir haben hier ohne dich mal den Pitch fertig vorbereitet und ...

August: Wuff! Wärmebildbrille!

Start-up-Dad sst falsches märtyrerhaftes Lächeln in falsches gequältes Lächeln übergehen und ruft dann nach nebenan: August, ich sprech’ hier gerade, kannst du kurz ein bisschen leise sein? Zu sich selbst: Mein falsches märtyrerhaftes Lächeln sitzt! Der Kollege blickt verständnisvoll und sieht mich als Opfer des Corona-Alltags! Dabei ist diese Homeoffice-Schicht ja freiwillig. Doch wo kann ich mir sonst Mitleid holen? Im Alltag zu Hause sicher nicht! In der konstruierten Stresssituation bekomme ich den emotionalen Input, den ich brauche, um in Arbeit und Familie zu funktionieren! Alles Teil der Selbstoptimierung! Toll!

Zoom-Partner: ... projizieren wir eine Phase mit aggressivem scheduling, eher so top-down, weil uns sonst aufgrund der perzipierten Intangibilität der Issue Resolution Rate unsere Unique Selling Proposition zu intransparent geraten würde

SMS von PR-Agentur-Mum: Brainstorme spontan mit dem Mann, der aussieht, als wäre seine Dusche seit Wochen kaputt PR-Optionen für seine Kinderband. Wird ein bisschen später.

Start-up-Dad zu sich selbst: Warum spüre ich Angstschweiß? Missfällt mir, dass sie diesem Musiker PR-Optionen präsentiert? Präsentiert sich die von mir gespielte Stresssituation auf einmal als self-fulfilling prophecy? Lustig, dass ich gerade zweimal das Wort „präsentiert“ gedacht habe! Wo mir just im selben Moment einfällt, dass ich über Zoom dem Kunden eine Präsentation geben sollte! Die ich natürlich komplett vergessen habe!

Zoom-Partner: … also ich schalte jetzt mal den Kunden für deine Präsentation zu.

August wirft iPad aus dem Fenster: Aaargh! Akku alle! Kein Zuma mehr! Rennt ins Kinderzimmer.

Zoom-Partner: Sagtest du „Kein Zoom mehr“? Gibt es Probleme mit der Konnektivität? Deine Stimme klang so klirrend. Aber wir sehen dich noch! Hörst du mich?

Start-up-Dad friert sein falsches märtyrerhaftes Lächeln ein.

Zoom-Partner: Du bist eingefroren.

Kita-What’s-App-Gruppe: Ding! Ich bin es! Das Terrorforum für Eltern, die sich Mühe geben und dies gerne kommunizieren! Hättest du mal dein Handy abgeschaltet, bevor du dich künstlich einfrierst! Jetzt habe ich dich verraten! Ding!


Die Kolumne „Die Väter vom Weichselplatz“ erscheint alle zwei Wochen freitags auf der Familienseite und am Samstagmorgen online bei „Lernen & Arbeiten“.