Wir erinnern uns: Musik-Dad und seine Partnerin Stephi schlenderten vorüber und sagten ständig, sie seien total entspannt, waren es aber nicht! Das inspirierte den Kindermusiker dazu, ein Kinderlied namens „Ich bin da total entspannt“ aufzunehmen – daher heute im Studio mit dabei: die beiden anderen Kindermusikbandmitglieder Funkhauser (Beats) und Lord Kardamon (Presslufthammer) – sowie Robert, 6.

Mann, der aussieht, als wäre seine Dusche seit Wochen kaputt und sein Sohn Robert kommen zur Studiotür herein.

Funkhauser sitzt am Rechner und blickt nicht auf: Na?

Mann, der aussieht, als wäre seine Dusche seit Wochen kaputt: Alle Schnelltests negativ! Endlich mal wieder im „Stustustustudiolein“. Ich freu mich schon!

Robert: Waz bediutet das?

Funkhauser: Was hast du gesagt?

Robert: Das war Mittelhochdeutsch. Damit beschäftige ich mich gerade. Ich bin sechs, hochbegabt und gefühlsstark. Die historische Distanz zum Mittelhochdeutsch hilft mir, meine extremen Gefühlswallungen zu kontrollieren, während das Lernen von Wortschatz und Grammatik meinen Intellekt befriedigt. Früher war ich unausgeglichen und schmiss in der Kita mit Mülleimern um mich. Was bedeutet „Stustustusdiolein“?

Funkhauser: Das ist ein Wortspiel. Ich nenne mein kleines Studio hier „Stustustustudiolein“ in Anlehnung an eine Werbung.

Robert: Werbung? Du hast ein vrīwīp gevrien?

Funkhauser: Was?

Robert: Um eine Freifrau geworben! Wie schön, meine Gefühlstärke überkommt mich! Bricht in Tränen aus.

Funkhauser: Brauchst nicht weinen, Werbung ist etwas im Fernsehen.

Robert: Waz bediutet „Fernsehen“?

Funkhauser: So was wie iPad!

Robert: Ach so. Setzt sich in eine Ecke und öffnet auf seinem iPad die Mittelhochdeutsch-App.

Mann, der aussieht, als wäre seine Dusche seit Wochen kaputt: Wo ist Lord Kardamon?

Funkhauser: Nebenan, im Live-Raum, was mit dem Presslufthammer ausprobieren. Wir dachten, das kommt zu „Ich bin da total entspannt“ bestimmt gu...

Lautes PRRRRRRRRRRRRR von nebenan. Das Studio wackelt.

Mann, der aussieht, als wäre seine Dusche seit Wochen kaputt: Gut! Ich schlage aber vor, wir machen erst mal den Text.

PRRRRRRRRRRRRR von nebenan. Ein Stück Wand fällt in den Kontrollraum und Lord Kardamon steigt mit dem Presslufthammer durchs Loch.

Lord Kardamon: Hast du das aufgenommen? Das war von der Psychoakustik her richtig fett. Ich bin durch die Wand, damit gefühlsmäßig das Transgressive rüberkommt. Ich hab den Übergang von einem Space in den nächsten voll gefühlt. Das ist ja wichtig fürs Feeling der Aufnahme. Die Obertöne der Bohrfrequenz spiegeln die Kinderseele, die vorm iPad verdurstet und um Hilfe schreit.

Robert weint: Min sēle dehydriert?

Mann, der aussieht, als wäre seine Dusche seit Wochen kaputt: Damit bist nicht du gemeint! Die Mittelhochdeutsch-App hat dir doch in deiner persönlichen Entwicklung immens geholfen! Früher Mülleimer, heute Minnegesang! Zu den anderen: Ich bin dafür, wir stellen in dem Lied das tägliche stundenlange iPad-Kucken in Homeoffice-Lockdown-Zeiten als das dar, was es ist: Der Beitrag der Kinder zur Wirtschaftsleistung! Für die lassen wir unsere Kleinen doch gerne verblöden! Wie wär’s mit: „Von der Paw Patrol kenn ich jeden Stunt / Ich kuck es noch mal, ich bin da total entspannt / Das Kind, das täglich ganz viel kuckt / steigert das Bruttosozialprodukt“.

Funkhauser: Voll Punkrock! Aber mir fehlt da noch was Emotionales, sonst ist das zu viel ironische Brechung.

Robert beginnt zu singen: Lange swîgen des hât ich gedâht / Nû wil ich singen aber als ê / Hœret wunder, wie mir ist geschehen / von mîn selbes arebeit.

Lord Kardamon: Was?

Robert: Walther von der Vogelweide.

Mann, der aussieht, als wäre seine Dusche seit Wochen kaputt: Das ist der Refrain! Brechung und Emotion in einem! Das Kind erzählt von seiner Arbeit durch Rekontextualisierung eines Minnegesangs! Ausbeutung des Kindes zu Hause und im Studio! Das wird ein Hit!

Sie beginnen die Aufnahmen. Die Decke stürzt ein. Sie machen weiter.


Die Kolumne „Die Väter vom Weichselplatz“ erscheint alle zwei Wochen freitags auf der Familienseite und am Sonnabendmorgen online bei „Lernen & Arbeiten“.