Auf einem Spielplatz in Neukölln, die letzten Sonnenstrahlen fallen auf Schaukel und Sandkasten. Drei Väter, die gerade als Bodyguards ihrer Kinder unterwegs sind, sprechen über Liebe und Wahnsinn.

August (4) tut etwas, was Start-up-Dad nicht möchte.

Start-up-Dad: Ich möchte das nicht, August!

August: Stirb, Vater.

Start-up-Dad zu Musik-Dad: Und wie habt ihr das in der Zeit vor Corona gemacht, wenn du so oft auf Tour warst? Wie habt ihr da die Abläufe optimiert?

Musik-Dad: Es war total entspannt! Denn Stephi ist da ja total entspannt! Louise aber auch!

Start-up-Dad: Nice!

Musik-Dad: Ja, voll entspannt!

Start-up-Dad zu sich selbst: Ich werde von innerer Unruhe durchspült angesichts der Entspanntheit, mit der Musik-Dad und seine Partnerin Stephi laut eigener Aussage mit dem Elterndasein umgehen und die, sofern Musik-Dad nicht lügt, in empfindlichem Kontrast zu der Verkrampftheit steht, die seit Augusts Geburt wie ein Geschwür durch das sparsame Vintage-Ambiente der Wohnung zu wachsen scheint, die ich und PR-Agentur-Mum jüngst kauften: PR-Agentur-Mum hat, seit sie Mum ist, die Rolle des personifizierten Vorwurfs für sich entdeckt und spielt diese in inbrünstig sauertöpfischer Permanenz – regelmäßig fliegt mir Rohgemüse an den Kopf. Früher konnte ich mit PR-Agentur-Mum bei einem Glas Primitivo so richtig herrlich zusammen brainstormen, wohingegen heute schon die Erörterung der Frage, ob und wann ich mit August zum Spielplatz gehen soll, einen geradezu biblischen Shitstorm auszulösen pflegt.

August beißt ein anderes Kind.

Start-up-Dad:  Ich möchte das nicht, August!

August: Das andere Kind handelte meinen Anordnungen zuwider! Ich verlange totale Unterwerfung!

Start-up-Dad zu sich selbst: Den faschistoiden Tendenzen meines Kindes ist ja laut dem Elternratgeber „Das faschistoide Kind – Kriegspiel als Chance“ mit Empathie zu begegnen. Schließlich handelt es sich – so die revolutionäre Erkenntnis des Buchs – um ein kleines Kind! Man soll das Kind fragen, warum es so gehandelt hat, Verständnis zeigen und Handlungsalternativen vorschlagen! Zu August: Ey, was sollte denn das jetzt?

August: Wie bereits erwähnt handelte das andere Kind meinen Anordnungen zuwider! Ich verlange totale Unterwerfung!

Start-up-Dad: Ich kann verstehen, dass du beim Interactive Play den Ideen-Pool influencen magst. Aber dafür müsstest du das Gespräch mit den anderen Kindern suchen.

August: Ich bin nicht daran interessiert, mit Widerständigen zu reden! Ich will sie vielmehr zum Schweigen bringen!

Start-up-Dad: Vielleicht könnten Louise und du schweigend zusammen buddeln?

Louise (4): Ja!

August: Nein! Schlägt mit Schaufel auf Louise ein.

Louise geht achzelzuckend zu einer Freundin.

Musik-Dad: Sie ist total entspannt! Oh, da kommt ja Stephi vorbeigeschlendert!

Stephi kommt vorbeigeschlendert: Na? Ich dachte, ich komme mal vorbeigeschlendert. Alles entspannt bei euch?

Musik-Dad: Total!

Stephi: Möchte jemand ein Bier? Ich geh’ kurz zum Späti.

Musik-Dad: Gerne!

Start-up-Dad zu sich selbst: Es wäre gut für mein Image, entspannt ein Bier mitzutrinken! Doch ächtet PR-Agentur-Mum Bierkonsum, besonders auf dem Spielplatz. Meine Fahne würde Sanktionen mit sich bringen.

Kita-WhatsApp-Gruppe: Ding!

Start-up-Dad:  Zum Glück! Ein Bimmeln von WhatsApp! Ich kann mich mit einem Notfall herausreden und mit August gehen.

Kita-WhatsApp-Gruppe: Auf dies „Ding!“ werden noch viele „Ding!“ folgen! Es geht darum, ob es für das kommende Elterncafé im Kita-Garten eine Essensliste geben soll oder nicht! Einige sind dagegen und möchten locker und spontan rüberkommen! Andere sind dafür und möchten patent und anpackend rüberkommen! Alle sind unter Druck, sich einzubringen, außer die paar, die durch Abwesenheit cool rüberkommen wollen! Ich bin die Kita-WhatsApp-Gruppe, das Instrument des Terrors, das in gesundheitsschädigender Intensität Sofort-Ennui und geistige Lähmung hervorruft! Aber in diesem Moment bist du mir dankbar!

Start-up-Dad zur Kita-WhatsApp-Gruppe: Danke! Zu den anderen: Oh, ein Notfall zu Hause! August, wir gehen!

August: Stirb!


Die Kolumne "Die Väter vom Weichselplatz" erscheint jetzt alle zwei Wochen freitags auf der Familienseite und und am Samstagmorgen online bei "Lernen & Arbeiten", wo auch die anderen Familientexte ihr zu Hause finden.

Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter
Zur Person:

Johannes von Weizsäcker, geboren in Bonn, lebte 16 Jahre in London als Musiker und Soundtrackkomponist. Dort gründete er die von von der Fachpresse vielgelobte Experimental-Popgruppe "The Chap". Er schreibt als Popkritiker für die Berliner Zeitung, betreibt das deutschsprachige Popmusik-Projekt "Erfolg" und die Kindermusikband "Baked Beans". Er ist Vater eines Sohns und lebt mit seiner Familie in Neukölln.