Nachmittag zuhause in Neukölln bei Start-Up-Dad, seinem Sohn August (4) und seiner Partnerin PR-Agentur-Mum. Die Vintage-Möblierung ist so minimalistisch wie die Grundstimmung feindselig. Vater versucht Sohn seit geraumer Zeit dazu zu bewegen, auf den Spielplatz zu gehen.

Start-Up-Dad: Komm, gehen wir auf den Weichselspielplatz!

August: Stirb, Vater.

Start-Up-Dad: Ich möchte nicht, dass du so redest!

August: Da ich mir schon seit anderhalb Jahren meiner Indiviualität bewusst bin, werde ich nur so reden, wie ich es möchte. Was du möchtest, ist mir bestenfalls ein leises Störgeräusch im Hintergrund. Also geh und stirb!

PR-Agentur-Mum: schreit Du bist schuld! Du bist schuld! Du setzt keine Grenzen! Er braucht Grenzen! Regeln! Mauern! Zäune! Kerker! Konsequenzen! Du bist schuld!

August: Du bist schuld! Haha! Zerstört irgendetwas.

PR-Agentur-Mum: schreit Isolationshaft! Stacheldraht! Lichtschranke! Konsequenz! Lego konfiszieren!

Start-Up-Dad fleht August an: Gleich fängt Mama wieder an, mir Rohgemüse an den Kopf zu werfen, und dein Lego ist weg; lass uns doch mal brainstormen, wie du deinen Claim dahingehend modifizieren könntest, dass wir das jetzt hier deeskal...

August: Sterbt! Haha!

PR-Agentur-Mum schreit: Ich rackere mich den ganzen Tag ab, um in Strategie-Meetings mit sexistischen alten Männern zu bestehen, und kann mich dann zuhause auf einen vierjährigen Faschisten und einen metrosexuellen Waschlappen freuen. Und der ganze Vintage-Badvorleger ist voller Lego! Muss ich hier eigentlich alles selber machen? Rennt in die Küche.

Start-Up-Dad rennt hinterher und fleht: PR-Agentur-Mum an. Überdenk noch mal deine Strategie, vielleicht setzt du zu hohe moralische Targets; ich glaube, ein Kind lässt sich besser verhaltensoptimieren, indem man es auf dem infant emotional level abholt, das stand auch in dem Ratgeber “Das wattierte Kind – Flächendeckende Abschirmung als Chance”, den du mir neulich mit Bitte um Lektüre an den Kopf warfst, hast du dich da jetzt doch umkalibriert oder was?

Durch die Küchentür fliegt Start-Up-Dad ein Bund Bio-Möhren an den Kopf und die Tür knallt zu.

Start-Up-Dad: zu sich selbst: Was macht sie bloß so aggressiv? Egal, immerhin hat sie sich in der Küche eingeschlossen und versucht aktuell nicht, die Situation zu influencen. Ich muss August jetzt herausschleusen, sonst schaffen wir es nie bis zum Spielplatz, der Krieg eskaliert und wir rücken der Familientherapie einen Schritt näher – ein Szenario, das mir mein hinter der performten sozialen Progressivität versteckter Konservatismus verbietet.

PR-Agentur-Mum kommt aus der Küche und schreit: Hinter deiner performten sozialen Progressivität versteckt sich übrigens purer Konservatismus! Du performst Milde, weil du für die Konfrontation zu faul bist, da dir dein Kind, genau wie den Vätern früher, egal ist und du eigentlich nur fliehen willst!

Start-Up-Dad: Ganz richtig, ich fliehe! Vor dir!

PR-Agentur-Mum: Geht in die Küche, kehrt mit einer Gusseisenpfanne zurück und verfolgt Start-Up-Dad.

August: Stirb, Vater! Haha! Sehr gut!

Kita-What’sApp-Gruppe: Ding!

Start-Up-Dad und PR-Agentur-Mum halten inne und blicken zum Handy auf dem Teak-Wohnzimmertisch von Manufactum.

Kita-What’sApp-Gruppe: Ich bin’s! Das Instrument des Terrors! Ding! Jedes Ding! ein neuer Beitrag engagierter Eltern! Ding! „Wg. Essensliste für das Picknick im Kita-Garten: Wir bringen Quinoa-Salat mit Brombeeren mit.” Ding! „Toll, danke!“ Ding! „Danke, toll!“ Ding! „Super! Können wir uns einigen, dass das Picknick saftfrei ist? Wir haben ja ne No-Sugar-Policy“ Ding!„ Ich kann das voll gut verstehen, aber das können wir glaube ich nicht durchsetzen.“ Ding! „Das kann ich voll verstehen, dann kommen wir halt nicht, ist zwar schade, weil die Kinder sich ja auf einander gefreut haben, aber wenn ihr da nicht flexibler sein könnt.“ Undsoweiter! Ich bin die Kita-What’sApp-Gruppe und ihr hasst mich, doch euer Hass hat euch geeint: Seht, schon seid ihr ohne weiteres Gezeter mit August zum Spielplatz gegangen und habt das Handy zuhause liegen lassen! Ding!


Die Kolumne "Die Väter vom Weichselplatz" erscheint jetzt alle zwei Wochen freitags auf der Familienseite und und am Samstagmorgen online bei „Lernen & Arbeiten.“

Zur Person:

Johannes von Weizsäcker, geboren in Bonn, lebte 16 Jahre in London als Musiker und Soundtrackkomponist. Dort gründete er die von von der Fachpresse vielgelobte Experimental-Popgruppe „The Chap“. Er schreibt als Popkritiker für die Berliner Zeitung, betreibt das deutschsprachige Popmusik-Projekt „Erfolg“ und die Kindermusikband „Baked Beans“. Er ist Vater eines Sohns und lebt mit seiner Familie in Neukölln.