Frau mit Maske in Paris.
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BerlinÜberall beklagen sich Frauen, wie sehr sie die Krise zurückwirft. Da ist die Hamburger Verlagsmanagerin Julia Jäkel, die beschreibt, wie Frauen in ihrer Branche seit Beginn der Krise unsichtbar geworden sind, weil sie zu Hause mit der Kinderbetreuung befasst sind. Bei einer großen Telefonkonferenz mit Verlagsvertretern sei sie die einzige Frau gewesen. Das sei bitter, sagt Julia Jäkel, weil im Moment neue Karrieren gemacht würden. Da ist die Autorin der Süddeutschen Zeitung, Barbara Vorsamer, die beklagt: „Für Firmen und Arbeitnehmer hat die Bundesregierung binnen weniger Tage die Subventions-Bazooka ausgepackt. Berufstätige Eltern warten nach sieben Wochen mit geschlossenen Schulen und Kitas wenigstens auf eine Wasserpistole.“ Die renommierte Soziologin Jutta Allmendinger prognostiziert sogar: „Die Frauen werden eine entsetzliche Re-Traditionalisierung erfahren. Ich glaube nicht, dass man das so einfach wieder aufholen kann, und dass wir von daher bestimmt drei Jahrzehnte verlieren.“ Drei Jahrzehnte.

Warum sind die Frauen so wütend? Die Krise hat deutlich gemacht, wie schnell die Gesellschaft bereit ist, das Ideal der Gleichberechtigung aufzugeben und Frauen in traditionelle Rollenmuster zu drängen.

In den vergangenen Jahren ist die Erwerbstätigkeit von Frauen in der gesamten Bundesrepublik stetig gestiegen. Die meisten Frauen in Ost und West wollen berufstätig sein. Weil sie, das zeigen Studien, im Job Anerkennung bekommen und soziale Kontakte pflegen können. Und weil sie unabhängig sein möchten. 66 Prozent der Mütter mit minderjährigen Kindern arbeiten in Teilzeit und tragen ein Viertel zum Haushaltseinkommen bei.

Zu Hause ist die Arbeitsverteilung umgekehrt: Den größten Anteil an Kinderbetreuung und Haushalt, 62 Prozent, übernehmen Mütter. Das ist alles bekannt. Schon vor Corona kämpften viele Mütter mit dem Alltagswahnsinn. Der Beitrag der Politik zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf sah so aus, dass man Elterngeld zahlte und einen Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz einführte. Das war der Deal.

Der Deal wurde mit Corona aufgekündigt, und zwar offenbar ohne großes Bedauern oder Nachdenken. Bei den ersten Diskussionen über Lockerungen der Maßnahmen spielten Kitas und Schulen keine Rolle. Kitas sollten bis August geschlossen bleiben, hieß es in einem Nebensatz. Viele Mütter fielen in eine Schockstarre. Wie man das alles über Wochen und Monate hinkriegen soll, welche sozialen Folgen das hat: Privatsache. Die Entscheidungsträger, Minister und Wissenschaftler, waren überwiegend männlich, über sechzig. So sehen halt in Deutschland 2020 die Eliten aus. Am regelmäßig tagenden Corona-Kabinett der Bundesregierung gab es für die Familienministerin keinen festen Platz. Die Männer, die da saßen, hatten wohl das Modell im Kopf, das sie von früher aus Westdeutschland kannten. Mutti muss machen.

Auf einmal finden sich viele in der Rolle wieder, die sie hinter sich gelassen glaubten, die des Heim-Mütterchens. Entweder gilt ihr Einkommen gleich als verzichtbar, weil geringer, oder sie haben einen Job, den sie zwischen 4 und 7 Uhr morgens erledigen müssen. Und es gibt nicht mal eine Kita, wo man Gleichgesinnte trifft, bei denen man Dampf ablassen kann. Zurückgeworfen auf die eigenen vier Wände, ohne Ablenkung durch das Büro, ohne räumliche Trennung, rutscht man in das Muster, das von Generation zu Generation weitergegeben wurde: Das Heim, das ist der Arbeitsplatz der Mutter und der Erholungsort des Mannes. Und wenn jetzt noch ein Recht auf Homeoffice kommt, das Arbeitsminister Hubertus Heil plant, dann wird das die Rollenverteilung weiter verschärfen, dann bleibt Mutti ganz zu Hause.

Wenn Väter überfordert sind, dann gibt es eine große Diskussion über den Sinn des Lockdowns. Wenn Mütter klagen, dann heißt es, diese „Geschlechterfragen“ müsse man zurückstellen. Oder es wird ihnen gesagt, sie hätten keine Kinder kriegen sollen, wenn sie die Last nicht aushalten.  Junge, ehrgeizige Frauen werden sich genau angucken, ob sie unter diesen Umständen noch Kinder wollen. Nach dem Ende der DDR, einem anderen Umbruch, sank Zahl der Geburten auf ein Rekordtief. Das war vor drei Jahrzehnten.