Im Grunde brauchen Kinder jetzt mehr Liebe und Zuspruch von ihren Eltern als in den ersten Wochen der Corona-Krise 
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Das Hochfahren des wirtschaftlichen Lebens geschieht viel schneller als die Öffnung der Schulen und Kitas. Das sorgt für eine große Betreuungslücke und dafür, dass die Zerrissenheit der Eltern weiter wächst: Einerseits fühlen sie sich in der Pflicht, ihre Kinder gesund an Körper und Seele durch diese schwierige Zeit zu bringen. Anderseits möchten sie für ihre Arbeitgeber die volle Arbeitsleistung erbringen – und spüren, dass auch in den Unternehmen die Nerven blank liegen, weil es gilt, nach den Einbußen des Lockdowns rasch wieder Gewinne zu erzielen.

Dass die Kitas und Schulen sich nun für alle wieder öffnen, ist gut. Unter Geschwistern und Nachbarn ist ja vor kurzem ein neues Phänomen entstanden, das man auch „Schulneid“ nennen könnte: Der darf schon wieder, und ich nicht!  Zugleich realisieren viele Eltern gerade mit Schrecken, dass ihre Kinder bis zu den Sommerferien nur bescheidene Zeiteinheiten in ihren vertrauten Einrichtungen verbringen können. Viele Schüler in der Mittelstufe werden bis Ende Juni nur zwei oder drei Mal ihr Klassenzimmer von innen sehen.

Seit Donnerstag dürfen Kinder, die im Sommer eingeschult werden, wieder in die Kita gehen, allerdings nur vier Stunden lang. Für Eltern, die ganztags arbeiten, ist das nicht wirklich die Lösung ihres Problems.

Auch psychologisch treten wir in eine neue Phase ein: Am Anfang der Corona-Zeit konnte man noch aus der Substanz schöpfen. Die Kinder hatten genug Glücksreserven. Und man dachte: Ach, die paar Wochen bis nach den Osterferien, die kriegt man doch rum. Aber seit Mitte April fehlt den Eltern eine klare Perspektive, was den Durchhaltewillen schwächt. Wie lange wird sich das noch hinziehen mit diesem intensiven Homeschooling neben ein paar kleinen Zeitfenstern Präsenzunterricht? Bis Ende Juni, August, September?

Wenn der normale Schulbetrieb für ein halbes Jahr ausgesetzt wird, dann müssen wir die Qualität des Fernunterrichts verbessern. Und wie? Durch eine größere gemeinsame Anstrengung von Lehrern und Eltern. Konnte man es sich anfangs noch leisten, relaxed zu sein, wenn die Kinder die Hausaufgaben mal „vergessen“ hatten, muss man jetzt wirklich hinterher sein und sich in die schulischen Inhalte vertiefen.  

Und nicht nur das: Mein Eindruck ist, dass es inzwischen mehr Tage gibt, an denen die Kinder niedergeschlagen sind, einen Lagerkoller haben, mit glitzernden Augen fragen: Warum kann nicht alles wieder normal sein? Und dann muss man sie trösten, rausgehen in die Frühlingssonne, etwas spielen. Im Grunde brauchen Kinder die Liebe und den Zuspruch ihrer Eltern jetzt noch mehr als zu Beginn des Lockdowns. Doch die Büros und Fabrikhallen füllen sich wieder, und die Arbeit ruft mit immer lauterer Stimme: Komm zurück, pack an, bau auf!

Was tun? Schon steigen die Großmütter wieder in die ICEs und reisen quer durch Deutschland, um ihre Enkel zu hüten und ihre Töchter zu stärken in ihrem leise verzweifelten Kampf an der Vereinbarkeitsfront. Aber ist das die richtige Bewegung, nachdem wir gerade so einen gewaltigen Aufwand getrieben haben, um die Risikogruppen zu schützen?

Nein, die richtige Bewegung ist eine politische. Wir müssen darauf drängen, dass die Schulen ihre personellen und räumlichen Engpässe überwinden. Für den Regelbetrieb mit Corona-Hygienemaßnahmen müssen die Klassen halbiert, die Räume und das Personal jedoch verdoppelt werden. Zwar kann man die Lehrer nicht dazu verdonnern, das doppelte Stundenkontingent zu unterrichten. Doch kann man vielleicht etliche motivieren, sich in dieser Notsituation stärker zu engagieren?

Niemand kann die Schulen größer zaubern als sie sind. Doch bei sommerlichem Wetter könnte man im Freien unterrichten, in Parks und auf Sportplätzen, in leerstehenden Konzerthallen oder Theatern. Arbeitslose Künstler und Arbeitnehmer in Kurzarbeit können unterrichten, Lehramtsstudenten eine aufregende Lehr-Erfahrung sammeln. Was wir brauchen, ist Phantasie, Platz und ein unkonventionelles Recruiting von neuen Lehrern.