Sie sind authentisch, machen Mut und beschreiben die moderne Familie in ihrer ganzen Vielfalt: Die Berliner Elternblogs.
Foto: imago images/Helene  Friren

BerlinViele moderne Eltern erleiden nach der Geburt ihres ersten Kindes einen Kulturschock. Alles ist neu und radikal anders als in ihrem früheren Leben. Reingeworfen in die Welt der durchwachten Nächte, die ein Säugling mit sich bringt, bieten Blogs Orientierung. Denn durch die hohe Mobilität sind junge Familien heute oft auf sich allein gestellt. Großeltern, Geschwister und Freunde leben weit weg und können ihnen in der verletzlichen Phase der Familiengründung nicht mit Rat und Tat zur Seite stehen. Deshalb kann und muss hier die Online-Community einspringen. 

Ehrlich berichten die bloggenden Mütter und Väter aus ihrem Alltag. Sie sprechen aus der persönlichen Erfahrung, geben brauchbaren Rat, beschreiben aber auch die eigene Rat- und Hilfslosigkeit, lachen über Erziehungsversuche, die so richtig schief gegangen sind. So entlasten sie junge Eltern, die sonst in Zeitschriften und Prospekten nur glänzende Bilder des Gelingens finden.

Viele Blogposts sind witzige Abbilder der eigenen Unzulänglichkeiten und helfen, Abstand zu gewinnen zu den Strapazen des Familienlebens. Sie machen Mut –  und zwar auch jenen Eltern, die soziale Ausgrenzung erfahren, weil ihr Kind anders ist, eine andere Hautfarbe hat, in einem anderen Familienmodell aufwächst. Betroffene Mütter und Väter spüren so, dass sie mit ihren Sorgen und Nöten nicht alleine dastehen.

Einmal im Jahr gibt es eine große Elternblogger-Konferenz, die „Blogfamilia“: Hier trifft sich die Szene, vernetzt sich, bildet sich weiter und lobt Preise für die originellsten Autorenstimmen aus.  An die 2000 Blogs gibt es mittlerweile im deutschsprachigen Netz. Manche haben  nur wenige Leser und dienen den bloggenden Eltern im Grunde als Tagebuch, andere haben eine große Leserschaft.

Es gibt Blogger, die berühmt werden, Bücher schreiben und Expertenstatus gewinnen. Patricia Cammarata, die seit 1997 unter dem Pseudonym dasnuf bloggt, ist Pionierin für die Themen Medienerziehung und Mental Load. Ihr neues Buch ist gerade in aller Munde und sie eine gefragte Gesprächspartnerin. Aus manchen Blogs entwickelt sich ein florierendes Geschäftsmodell, Ratgeber und Podcasts ergänzen die Marke: - wie beim Blog „Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn“. 

Viele Blogger widmen sich relevanten Themen aus den Bereichen Erziehung, Ernährung und Familienleben, die sie selbst erst im Laufe ihrer Entwicklung als Eltern entdeckt und für wichtig befunden haben. Es geht um Hebammenmangel und Patchworkfamilien, um Karrieremütter, alleinerziehende Väter und Co-Parenting.

Ich wünsche mir, dass im öffentlichen Diskurs nicht nur bestimmte Familien- und Geschlechterbilder berücksichtigt werden, sondern vielfältige Perspektiven zu Wort kommen. Dafür würde ich gerne einen Beitrag leisten.

Jochen König

Ein kontroverses Blog-Thema ist zum Beispiel das Stillen von Babys. Hier streiten sich Bloggerinnen, die das Langzeitstillen propagieren, mit denen, die für die Flasche sind. Hitzige Debatten entfachen sich auch an folgenden Fragen: Sollen Kinder im Familienbett schlafen? Soll man den Medienkonsum der Jugendlichen begrenzen? Und lohnt es sich, um ein plastikfreies Kinderzimmer zu kämpfen? 

Manche Blogger schreiben über gesellschaftliche Schieflagen. Sie machen beispielsweise sichtbar, wie schwierig das Leben mit einem behinderten Kind sein kann. Dabei geht es um Erfahrungen von Ausgrenzung und sozialer Kälte auf Spielplätzen. Sie wollen nicht „heile Welt“ spielen, um mehr Werbe-Einnahmen zu generieren, sondern schauen dort hin, wo es weh tut. 

Wahrscheinlich ist es sinnvoll, zwischen Blogger/innen und Influencer/innen zu unterscheiden. Beide geben sehr Privates preis und haben den Anspruch, authentisch zu sein. Doch kann man vielleicht sagen, dass Blogger/innen sich stärker für eine bessere Welt engagieren und eine klare Trennlinie ziehen zwischen Kunst und Kommerz. Bei Influencer/Innen wird diese Grenze oft verwischt.

Da kann es schon mal vorkommen, dass mitten in der intimsten Wochenbettbeschreibung plötzlich ein "product placement" für eine Windelmarke stattfindet. Lifestyle und Konsum spielen auf diesen Webseiten eine überragende Rolle; und nicht selten entsteht der Eindruck, dass die Aura des Authentischen missbraucht wird, um irgendein mittelmäßiges Familienhotel oder eine überteuerte Kleidermarke anzupreisen.