BerlinAngesichts stabil hoher Corona-Infektionszahlen bereiten sich immer mehr Schulleitungen in Berlin darauf vor, den Schulbetrieb auf hybrides Lernen umzustellen. Schulsenatorin Sandra Scheeres hatte sie am Mittwoch bereits dazu ermutigt, an ein bis drei Tagen pro Woche Mischformen zwischen Präsenzunterricht und digitalem Lernen zu erproben.

Das wirft wichtige Fragen auf, die in den vergleichsweise heiteren Schulwochen nach den Sommerferien etwas in den Hintergrund geraten waren: Wie steht es um die Umsetzung des Digitalpakts? Haben Bund und Länder wegen der Corona-Krise ihr Engagement verstärkt? Und was ist inzwischen in den Klassenzimmern, bei den Schülern und Lehrkräften wirklich angekommen?

Zwei Antworten gleich vorweg: Bisher ist in den Klassenzimmern noch wenig angekommen. Und das, obwohl Bund und Länder seit Anfang März viel Geld und Zeit investiert haben, um die Digitalisierung der Schulen voranzubringen. Da jedoch viele Akteure zusammenkommen und komplizierte politische Prozesse ineinandergreifen müssen, sind die Resultate bislang kaum sichtbar.

Gibt es eine berechtigte Hoffnung, dass sich das bald ändert? Zunächst eine kurze Erinnerung, was bisher geschah: Im März 2019 wurde der Digitalpakt im Bundestag beschlossen, zwei Monate später wurde von den Kultusministern und der Bundesbildungsministerin die entsprechende Verwaltungsvereinbarung unterschrieben. Der Bund verpflichtete sich damals, fünf Milliarden Euro zu investieren, die Länder wollten aus eigenen Mitteln noch einmal zehn Prozent dieser Summe hinzugeben.

Wegen der Corona-Krise einigte man sich auf drei weitere große Investitionen: 500 Millionen Euro für digitale Endgeräte von sozial benachteiligten Schülern, 500 Millionen Euro für IT-Administratoren und 500 Millionen Euro für die Dienstlaptops von Lehrern. Die Verwaltungsvereinbarungen für die beiden ersten Tranchen wurden bereits unterzeichnet, diejenige für die dritte Tranche ist noch in Arbeit. Und das bedeutet wahrscheinlich, dass die Lehrer ihre Laptops vor Weihnachten nicht mehr bekommen und bei einem erneuten Homeschooling wieder improvisieren müssten. Immerhin: Um die Bundesgelder für die IT-Administratoren zu bekommen, haben sich die Länder im Gegenzug verpflichtet, ihre Anstrengungen bei der digitalen Lehrerfortbildung zu erhöhen.

Zählt man die 6,5 Milliarden Euro des Bundes und die Eigenbeteiligung der Länder zusammen, stehen nun insgesamt 7,15 Milliarden Euro für die Digitalisierung der Schulen zur Verfügung. Das ist eine stattliche Summe. Als die Bundesregierung mitteilte, dass bis zum Stichtag am 30. Juni 2020 nur 15,7 Millionen der Mittel abgeflossen waren und nur 2565 von rund 40.000 Schulen bundesweit Geld erhalten hatten, gab es bestürzte Reaktionen.

Dieter Dohmen vom Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie kritisierte damals, der Digitalpakt kranke an einem zu voraussetzungsreichen und bürokratischen Beantragungsprozess. Das beschrieb das Problem sehr gut. Alle Länder mussten nun erst einmal Förderrichtlinien erarbeiten und die Schulen ein jeweils eigenes Medienkonzept einreichen, um in den Genuss der Mittel kommen zu können. Schon das war für viele Kollegien eine gewaltige Überforderung. Deshalb erlauben Bund und Länder seit kurzem auch, dass die Schulen ihren Bedarf an technischer Ausstattung anmelden und ihr Medienkonzept bis Ende 2021 nachreichen.

Durch die Corona-Krise hätten, so sagt es eine Sprecherin des Bundesbildungsministeriums, zwar alle schulischen Akteure ein neues Gefühl der Dringlichkeit, was die Verabschiedung der Konzepte angehe. Zugleich seien aber alle durch ihre täglichen „Feuerwehreinsätze“ so in Beschlag genommen, dass sie keine Gelegenheit fänden, die Konzepte in der Schulkonferenz zu beraten und zu beschließen.

In Berlin wurden die Förderrichtlinien für die öffentlichen Schulen im November 2019 erlassen und diejenigen für freie Schulen erst im Frühsommer 2020. Von 693 allgemeinbildenden und beruflichen Schulen haben inzwischen 644 ihre Anträge eingereicht. 501 Konzepte sind als korrekt bewertet worden, die anderen müssen noch von der Senatsverwaltung kontrolliert beziehungsweise von den Schulen überarbeitet werden. Schließlich sollen die Konzepte ja belastbar und zukunftsweisend sein.

Die Übersetzung der Anträge in konkrete Bestellungen ist Aufgabe der Schulträger in den Bezirken. Dass diese – oft aufgrund fehlenden Know-hows – sehr langsam zu Werke gehen, sorgt für Unruhe.

Die strukturierte Verkabelung der Berliner Schulen soll aus Landesmitteln bestritten werden. „Die Kostenermittlung mithilfe eines externen Dienstleisters befindet sich in der Abstimmung“, schrieb Staatssekretärin Beate Stoffers auf die Anfrage des CDU-Abgeordneten Mario Czaja vom 19. Oktober hin. Im Klartext heißt das: Noch wurde nichts verkabelt, noch haben die allermeisten Schulen kein schnelles Internet. Aber bald können hoffentlich die ersten Aufträge vergeben werden.

Bei der Beschaffung der Geräte für sozial benachteiligte Schüler ist Berlin auf einem guten Weg: Zunächst wurde ein Bedarf von 41.500 Laptops ermittelt. Bei der Vergabe sind drei verschiedene Geräte-Anbieter zum Zug gekommen (iOS, Android, Windows). Das jeweils wirtschaftlichste Angebot erhält den Zuschlag. In den Anforderungskatalogen wird die pädagogische Einsatzbeschreibung der Geräte hinterlegt.

Zudem soll ein Mobile-Device-Management (MDM) beschafft werden, das für alle drei Betriebssysteme  zentral nutzbar ist und der Datenschutzgrundverordnung entspricht. Der Anbieter ist auch für das Hosting der Geräte verantwortlich und konfiguriert sie nach den Vorgaben der Senatsverwaltung. Nach der Verteilung der Geräte sollen die Schulen dann bei Problemen einen zentralen Ansprechpartner haben.

Stephan Bayer, Gründer des E-Learning-Start-ups Sofatutor, sagt dazu: „Das wird eine große logistische Herausforderung. Ich weiß ja aus eigener Erfahrung, wie viel Aufwand es bedeutet, knapp 120 Mitarbeiter mit Geräten auszustatten und diese adäquat remote zu warten.“

Was die IT-Administratoren angeht, ist Berlin schon einen kleinen Schritt weiter als andere Bundesländer. Im Projekt „IT-Unterstützung für den edukativen Bereich der allgemeinbildenden Schulen durch IT-Experten“ hat jede Schule bereits Anspruch darauf, dass einmal die Woche für acht Stunden ein Techniker vorbeikommt und sich um die Wartung der schuleigenen Infrastruktur kümmert. Bei den Technikern handelt es sich um externe Dienstleister, die vom Land Berlin bezahlt werden. Die zusätzlichen Bundesmittel sollen das Projekt ergänzen und dafür sorgen, dass die IT-Verantwortlichen an den Schulen sich stärker mit den pädagogischen Fragen des digitalen Lernens beschäftigen können.

Bei der Lehrer-Fortbildung will Berlin den Empfehlungen der Köller-Kommission folgen und die bestehenden Einrichtungen in einer gemeinsamen Einrichtung zusammenführen. Der Bildungsforscher Olaf Köller wurde von Sandra Scheeres 2019 beauftragt, Reformvorschläge für die Berliner Bildungslandschaft zu erarbeiten.  Eine Art „Dachverband“ für die Berliner Fortbildungsinstitute zu schaffen, wird aber sicher keine schnelle Veränderung bringen. EdTech-Unternehmer Stephan Bayer schlägt deshalb vor, dass Bund und Länder gemeinsam eine Lernplattform für die Lehrerfortbildung bauen. „Wir müssen die Lehrerfortbildung dringend modernisieren. Da gibt es fast nichts online. Aber wenn wir alle 800.000 Lehrer offline fortbilden wollen, sind wir in zehn Jahren noch nicht fertig.“