Bei einem Auslandsschuljahr lernt man viel über sich selbst. (Symbolfoto)
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BerlinRosalie sitzt im Garten der Kreuzberger Kinderstiftung, direkt am Ufer des Landwehrkanals. Die 16-Jährige plant eine Reise, die für sie alles andere als eine Selbstverständlichkeit ist. Eine Reise, die sie ohne die Unterstützung der Kinderstiftung so wohl auch nicht antreten würde. Rosalie wird im September für ein Schuljahr nach Finnland aufbrechen. „Ich hoffe auf ein kleines Dorf ganz im Norden, weg von dem ganzen Luxus in Berlin“, sagt sie. Sie ist aufgeregt, das merkt auch die ebenfalls 16-jährige  Franka, die gleich neben Rosalie sitzt und ihr Auslandsjahr bereits hinter sich hat. Ihre Erfahrungen zusammenzufassen, ist keine leichte Aufgabe, sagt Franka. „Ich kann nicht sagen, dass es schön war. Ein ganzes Jahr passt nicht in ein Wort wie ‚schön‘.“

Die beiden Mädchen besuchen die Evangelische Schule Berlin Zentrum. Sie sind zwei von inzwischen mehr als 600 Jugendlichen, deren Auslandsaufenthalt die Kreuzberger Kinderstiftung mit im Schnitt 5000 Euro gefördert hat. Das Stipendienprogramm gibt es seit 2009, und es hat vor allem ein Ziel: Jugendlichen ein Auslandsschuljahr finanzieren, die sonst vielleicht nicht die Möglichkeit dazu hätten. „Wir vergeben keine Stipendien an Gymnasiasten oder an Kinder aus Familien, die das bequem selbst zahlen könnten“, erklärt Peter Rolf Ackermann. Der Stiftungsgründer ist Träger des Bundesverdienstkreuzes und ein eleganter Herr von 81 Jahren, dem der Schalk aus den Augen blitzt. Als Anwalt, Softwareunternehmer und Investor hat er in Millionen verdient – seiner Darstellung nach vor allem deshalb, weil er oft zur richtigen Zeit am richtigen Ort war.

Die Kreuzberger Kinderstiftung gründete er 2004, um der Gesellschaft etwas zurückzugeben. Vor allem denen, die nicht so viel Glück hatten wie er: „Partizipation von Jugendlichen und Bildungsgerechtigkeit sind unsere Raison d’Être“, sagt Ackermann. Er sitzt im kühlen Inneren des hübschen alten Backsteingebäudes der Stiftung, und ist ein wenig traurig, dass bis auf Franka und Rosalie gerade niemand da ist. Trommelkurse, Kanufahren, Kindergruppen – „normalerweise geht es hier zu wie im Bienenstock“, erklärt er. Aber auch er selbst ist zur Zeit seltener vor Ort, wegen Corona: „Meine Mitarbeiter sind deutlich weniger als halb so alt wie ich und wollen nicht schuld daran sein, dass sie den Alten ins Jenseits befördern.“

Die Kreuzberger Kinderstiftung hat viele Projekte, aber die Auslandsstipendien sind Ackermann eine Herzensangelegenheit. 1955 reiste der gebürtige Berliner mit der Austauschorganisation AFS für ein Schuljahr in die USA, nach San Francisco. Mit einem Vollstipendium des US-Außenministeriums, anders wäre es nicht gegangen. „Meine Familie hatte keinen Pfennig“, sagt Ackermann. Die Stipendien seiner Stiftung sind für ihn eine Frage der Bildungsgerechtigkeit: „Diese Austauschorganisationen sind zwar alle gemeinnützig, aber vom Inhalt her trotzdem eine Elitenveranstaltung“, sagt Ackermann. In der Tat sind es in Deutschland zu mehr als 80 Prozent Gymnasiasten, die in der zehnten oder elften Klasse ins Ausland gehen, meist aus besser verdienenden Familien – ein Schüleraustausch kostet von 8000 Euro aufwärts. An vielen Sekundarschulen kommt das Auslandsschuljahr nicht mal am Schwarzen Brett vor.

Ungerecht und schade, findet Ackermann. Für ihn bedeutete seine Zeit in den USA nicht nur, dass er aus dem zertrümmerten Berlin in die heile Welt San Franciscos wechseln konnte, sondern auch eine Investition in die Zukunft. Sein fließendes Englisch, so erzählt er, habe ihm im Leben viele Türen geöffnet. Doch bei seinen Stipendiaten geht es ihm darum gar nicht unbedingt: „Wenn die zurückkommen, haben sie vielleicht nicht fließend Italienisch, Portugiesisch oder Polnisch gelernt. Aber dass sie sich in Sachen Rückgrat, Selbstständigkeit und Selbstbewusstsein ungeheuer entwickeln, das würde ein Blinder erkennen.“ Davon, findet Ackermann, sollte jeder profitieren können – weshalb auch die Zeugnisnoten bei der Bewerbung um ein Stipendium keine Rolle spielen. Genauso wie die Herkunft: Die Kreuzberger Kinderstiftung fördert Jugendliche aus ganz Deutschland.

Die Aufgabe, die sich Ackermann und seine Kinderstiftung damit gestellt haben, ist keine einfache – dass viele der Stipendiaten von Gemeinschaftsschulen kommen, ist kein Zufall. Denn dass ein Auslandsschuljahr nicht nur gymnasiale Musterschülern machen können, ist ein so wenig verbreiteter Gedanke, dass Sekundar-, Mittel- und Realschüler auf die Idee oft verunsichert reagieren. „Es haben auch schon Lehrer zu uns gesagt, gehen Sie mal ans Gymnasium damit, für unsere ist das nichts“, erzählt Ackermann. „Und auch den Eltern von unserer Zielgruppe ist die Idee fremd. Die haben meistens selbst nie ein Auslandsschuljahr gemacht. Deshalb sind sie oft skeptisch, haben Angst um ihre Kinder. Mit denen müssen wir richtig arbeiten, das ist eine sehr betreuungsintensive Geschichte.“

Damit die Idee bei den Jugendlichen Fuß fasst, bietet die Stiftung seit einem Jahr Workshops für Schulen und Jugendgruppen an. Eine Quizrallye auf eine großen Weltkarte soll im wörtlichen Sinne dafür sorgen, dass Schülerinnen und Schüler sich selbst im Ausland „sehen“, neugierig werden. Die Trainer sind zum Großteil Alumni des Stipendienprogramms, können gleich von ihren eigenen Erfahrungen erzählen. Angelina, 17 Jahre alt, ist eine Ausnahme: Sie bricht erst im September nach Malaga in Spanien auf, war aber mit der Kreuzberger Kinderstiftung schon mal auf einer zehntägigen Reise nach Portugal. Die Workshops, die sie gegeben hat, haben sie begeistert: „Die Kinder sind so interessiert und stellen ganz viele Fragen. Und den Eltern können wir nahebringen, dass so ein Auslandsaufenthalt gar nicht so teuer sein muss. Und dass es Angebote gibt wie die Stiftung, wo sie Informationen bekommen und auch Fragen stellen können.“

Angelina hofft, dass dadurch bald noch mehr Jugendliche die Möglichkeit bekommen, aufzubrechen. So wie Rosalie, die jetzt noch im Garten sitzt und noch nicht genau weiß, wo nach Finnland es sie hinverschlagen wird. Sie ist auf der Suche nach Kontrasten, „und ich freu ich auf die Herausforderung, den Winter dort zu erleben, mit der Kälte und der Dunkelheit“, sagt sie mit glänzenden Augen. Wie ihre Gastfamilie „konstruiert“ ist, sei ihr eigentlich egal, sagt Rosalie: „Aber weil ich hier in Berlin einen kleinen Bruder hab – vielleicht dort mal eine große Schwester?“ Sie verreist mit der Austauschorganisation Youth For Understanding (YFU). Ohne die Förderung der Kreuzberger Kinderstiftung wäre es wohl auch gegangen, sagt sie, aber nicht ohne Sorgen.

Auch Franka, die neben ihr sitzt, war mit YFU im Ausland. Sie hat knapp neun Monate in Bellegarde-sur-Valserine verbracht, einer Kleinstadt in der französischen Alpenregion. Hier, im Garten in Kreuzberg, fühlt sie sich immer noch ein wenig seltsam: „Ich hatte achteinhalb Monate lang einen ganz anderen Alltag mit einer anderen Schule, Familie und Freunden – und jetzt bin ich plötzlich wieder hier und die Einzige, die das alles erlebt hat und davon erzählen kann.“ Sie hat sich in Frankreich wegen ihrer Schulnoten nicht unter Druck gesetzt. Stattdessen hat sie versucht, so viel wie möglich wahrzunehmen: „Die Körpersprache der Menschen zum Beispiel, oder wie meine Gastfamilie miteinander umgeht. Ich habe in der Zeit wahnsinnig viel aufgeschrieben und Collagen erstellt.“ Dann sagt Franka etwas, das Peter Ackermann besonders freuen würde: „Ich habe wahnsinnig viel über mich selbst gelernt. Gerade am Anfang, wenn man die Sprache noch kaum spricht, muss man total präsent sein. Andere Leute sind dann wie ein Spiegel: Wie reagiere ich, wenn ich nicht so kommunizieren kann wie sonst?“ Sie entschuldigt sie sich bei Rosalie, Erfahrungen beanspruchen mehr Erzählzeit als Vorfreude. Doch die wehrt ab: „Es ist sehr spannend, dir zuzuhören!“ Nächstes Jahr wird sie ihre eigenen Geschichten erzählen können.