Die aktuelle Situation mit geschlossenen Kitas und Schulen könne sich auf das gesamte Berufsleben der Kinder auswirken, warnt Bildungsökonom Ludger Wößmann.
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Berlin - In den letzten Wochen hatte Ludger Wößmann, der angesehene Bildungsökonom des Münchner ifo Instituts, schon öfter in Interviews erklärt, wie sehr durch die Corona-Krise die soziale Ungleichheit geschürt werde. Aus zahlreichen Studien weiß er, was passiert, wenn man den Kita- und Schulbetrieb für Wochen und Monate unterbricht: Die soziale und emotionale Entwicklung der Kinder und Jugendlichen wird empfindlich gestört. Nicht nur wird weniger neues Wissen vermittelt, es kommt auch zu einem Abbau von bereits erworbenen Kompetenzen.

Zu den kurzfristigen Folgen zählen verringerte Schulreife bei Kita-Kindern und verstärkte Versetzungsgefährdung bei Schulkindern. Außerdem gibt es mehr Jugendliche, die die Schule abbrechen, keinen Abschluss erreichen und später in die Arbeitslosigkeit geraten.

Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass Beschäftigte, die zu einer unterbrochenen Schülergeneration gehören, pro verlorenem Schuljahr Gehaltseinbußen von etwa sieben bis zehn Prozent erleiden, und zwar über ihr gesamtes Berufsleben hinweg.

„Diese Zahl macht deutlich, dass viele Kinder und Jugendliche gerade einen drastischen Verlust an Lebenschancen erleiden, der sich mit Macht auf die einzelnen Biografien und auf die Volkswirtschaft als Ganzes auswirken wird“, sagt Ludger Wößmann am Dienstag bei einem telefonischen Interview. Deshalb seien etliche seiner Kollegen sehr darüber besorgt gewesen, dass diesen Zusammenhängen in der Politik bisher so wenig Beachtung geschenkt wurde. Man hätte leidenschaftlich diskutiert, ob bei den Lockerungen der letzten Wochen nicht die falschen Prioritäten gesetzt worden wären.

Gemeinsam mit einer Gruppe von fünf anderen Professoren hat Wößmann am vergangenen Sonntag einen bildungsökonomischen Aufruf mit dem Titel „Bildung ermöglichen!“ verfasst, der am Montag von 92 promovierten Volkswirten unterzeichnet wurde. „Wir waren uns erstaunlich schnell einig“, sagt Wößmann, „und hoffen, dass wir mit dem sechsseitigen Papier die Diskussion beeinflussen können, die am Mittwoch zwischen Bundeskanzlerin Angela Merkel und den Ministerpräsidenten der Länder über die Öffnung der Kitas und Schulen geführt wird.“

Die Bildungsexperten drängen darauf, zunächst einmal die Qualität des Distanzunterrichts zu verbessern. Auch Kindergartenkinder sollen mit Material zum Vorlesen, Malen und Bewegen versorgt werden.

In einem nächsten Schritt fordern sie die rasche Teilöffnung der Kitas und Schulen, und zwar nicht nur für die Angehörigen einzelner Jahrgänge, sondern für alle Kinder. „In den bildungsbürgerlichen Familien gelingt das Homeschooling ja in der Regel gut“, sagt Wößmann. Aber man dürfe sich nichts vormachen, es gäbe „viele Familien, in denen die Kinder sich seit vielen, vielen Wochen gar nicht mehr mit Schule beschäftigt haben“. Diese Kinder müsse man in den Blick nehmen, sie mit digitalen Endgeräten ausstatten und eine intensive Notbeschulung starten.

Das Papier schlägt vor, eine sofortige Rückmeldepflicht einzuführen; die Schüler sollen also zeigen, dass sie ihre Arbeitsaufgaben auch tatsächlich erledigt haben. Es soll regelmäßigen Kontakt geben zwischen den Lehrkräften und ihren Schülern, sei es per Videokonferenz oder per Telefon. Außerdem sollen die Lehrerinnen und Lehrer dringend Schulungen zu den Möglichkeiten des digitalen Unterrichts erhalten.

Die Teilöffnung der Schulen soll in einer Mischung aus Präsenz- und Fernunterricht geschehen – und damit allen psychologisch wieder ein Gefühl von Normalität vermitteln. Wößmann und seine Kollegen schlagen vor, dass die SchülerInnen in kleinen Gruppen unterrichtet werden, im wöchentlichen Wechsel halber Klassen oder als Schichtunterricht zu unterschiedlichen Tageszeiten.

Die Ökonomen sehen die Politik in der Pflicht, die Pläne für die Öffnung klarer zu kommunizieren, um die Familien nicht länger im Ungewissen zu lassen. Für sie haben die Bedürfnisse und Bildungschancen der Kinder jetzt oberste Priorität. Man muss ja auch nicht besonders sensibel sein, um zu spüren, wie sehr viele Kinder unter den Kontaktverboten leiden, unter dem Mangel an Bewegungsfreiheit und der seelischen Unverfügbarkeit ihrer Eltern.