Die Quinoa-Schule, eine Privatschule für sozial Schwache im Wedding, bietet Schülerinnen und Schülern eine Perspektive.

Foto: Judith Affolter

Berlin-Wedding„Quinoa“ ist ein guter Name für diese Schule. Benannt nach einer Pflanze, die auch unter schwierigen Bedingungen wächst. In einem rauen Klima. So wie viele Jugendliche, die in Wedding wohnen, die üblichen Verdächtigen sozusagen. Hier leben fast zwei Drittel der Jugendlichen in Hartz-IV-Haushalten, 86 Prozent haben Migrationshintergrund. Im Jahr 2016 gingen traurige 41 Prozent ohne Abschluss von der Schule und ohne eine berufliche Perspektive. Denn wer keinen Abschluss hat, kann keine gute Ausbildung machen, und landet dann fast automatisch in prekären Beschäftigungsverhältnissen, in der Abhängigkeit von staatlichen Transferleistungen, die er oder sie oft schon bei den eigenen Eltern erlebt hat. Ein Teufelskreis, den die Gründerin der Quinoa-Schule durchbrechen wollte.

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Fiona Brunk ist eine blitzgescheite Frau Ende dreißig. Sie hat an der schottischen Elite-Universität St. Andrews in Mathematik promoviert und dann an einem Programm namens „Teach First“ teilgenommen, das Universitätsabsolventen anbietet, zwei Jahre an einer Brennpunktschule zu unterrichten. Nach einer ausgedehnten Phase, in der sie nur für die eigene Bildung leben durfte, hatte Brunk das starke Bedürfnis, „der Gesellschaft etwas zurückzugeben“. Also fing sie an, an einer Hauptschule in Wedding zu unterrichten und spürte schnell: „Hier sitzen Kinder, die die gleiche Grundintelligenz haben wie meine ehemaligen Mitschüler in der Waldorfschule. Und während die allesamt studieren konnten, haben diese Jugendlichen keine Chance, sich je ein eigenes Einkommen zu verdienen. Das ist verdammt ungerecht.“

Privatschule für Abgeschriebene?

Brunk wollte sich genau um die Schüler kümmern, die an anderen Schulen „abgeschrieben“ werden. Deshalb rief sie 2014 „Quinoa Bildung“ als Sekundarschule 1 ins Leben. Eine Privatschule für die Kinder von Eltern, die kein Schulgeld zahlen können, geht das denn überhaupt? Ja, weil die Schule staatliche Zuschüsse und Spenden von Privatpersonen, Stiftungen und Unternehmen bekommt. Nach einer Zeit der Zitterpartien steht die Finanzierung nun auf soliden Füßen. Im Sommer 2019 hat der zweite Jahrgang die Schule verlassen, und zwar mit erstaunlichen Ergebnissen: 92 Prozent der Quinoa-Schüler hatten am Ende der zehnten Klasse einen Abschluss in der Tasche und gehen inzwischen auf weiterführende Schulen mit dem ehrgeizigen Ziel, Abitur zu machen. Die beeindruckende Arbeit des Kollegiums sollte Schule machen, denn sie zeigt: In diesen Schülern steckt viel Potenzial, man muss sich nur bemühen, es zu entfalten.

Schüler der Quinoa Schule beim Chemie-Unterricht
Foto: Judith Affolter

Eine andere Haltung

Was macht den Unterschied? „Vor allem die Haltung“, sagt Susanna Krüger, Vorstandsvorsitzende bei „Save the Children“, die die Arbeit der Schule seit Jahren beobachtet. „Jedes dieser Kinder wird angenommen, jedes sieht, hört, fühlt die Botschaft: Du kannst etwas und aus dir wird etwas, wir glauben an dich.“ Zugleich gäbe es „kein Laisser-faire“, sondern verbindliche Regeln, die eingehalten, Aufgaben, die erledigt werden müssten. Es werde „sehr auf Disziplin geguckt“. Jeder Schüler bekommt einen Tutor zugewiesen, kann mit ihm über seine Entwicklung sprechen und über alles, was er gerade so auf dem Herzen hat. Außerdem gibt es eine Anschlussbegleitung, der vertrauensvolle Austausch reißt nicht ab, sobald die jungen Leute die Schule verlassen. Bis zu vier Jahre hält das Kollegium noch Kontakt, steht ihnen mit Rat und Tat zur Seite. Ein Angebot, das viele dankbar annehmen, weil sie spüren, dass ihre Eltern mit dem heiklen Prozess der beruflichen Orientierung und Vernetzung in der Arbeitswelt hoffnungslos überfordert sind.

Außerdem gibt es ein Fach namens „Zukunft“, das die Schüler systematisch auf den Übergang in die Berufswelt vorbereitet. Die Schüler absolvieren Praktika, Talentparcours und Kompetenztests, reden regelmäßig mit der Jugendberufsberaterin der Agentur für Arbeit. Sie lernen, eine Überweisung auszufüllen, einen Kontoauszug zu lesen. Manche Schüler verkünden: „Ich will später mal 1 000 Euro pro Monat verdienen!“ Dann recherchieren sie, was eine Wohnung, ein Auto, ein Wocheneinkauf so kostet, und merken: „O-oh! Das reicht wohl nicht.“ Sie sollen eine realistische Vorstellung ausbilden: Was kann ich, was interessiert mich und welche fair bezahlten Berufe sind für mich in Reichweite?

Spezialität: „Interkulturelles Lernen“

Die zweite Spezialität der Quinoa-Schule ist das Fach „Interkulturelles Lernen“. Hier setzen sich die Schüler mit ihrer eigenen Herkunft auseinander, fragen nach Heimat und Identität, besuchen Synagogen und Moscheen. Ziel ist, dass die Schüler ihren multikulturellen Hintergrund als Reichtum erleben und nicht – wie so häufig in einem latent rassistischen Alltag – als Defizit. Dazu gehört auch, dass sie das Fach „Türkisch“ als zeugnisrelevante Sprache belegen können: Für viele eine Chance, Kenntnisse ihrer Muttersprache zu vertiefen.

Der „sprachsensible Unterricht“ spielt eine große Rolle, ein Wissen darum, dass Sprache der Zugang zur Welt ist. Nicht nur die Deutschlehrer, sondern das gesamte Kollegium ist darauf trainiert, vorbildlich mit Sprache umzugehen – und den Wortschatz der Schüler systematisch aufzubauen. Häufig scheitern die nämlich in den Tests schon daran, dass sie die Aufgabenstellung nicht verstehen: Hä, ich soll eine Linie einzeichnen, was heißt denn „einzeichnen“? Deshalb verteilt der Mathe-Lehrer Listen mit Fachbegriffen, die dann wie Vokabeln abgefragt werden.

Diejenigen, die noch kaum Deutsch sprechen, bekommen zunächst Einzelunterricht. So wie Sibel, die 2014 aus Bulgarien nach Deutschland kam, als Tochter einer türkischen Mutter. Heute lebt sie in einer betreuten Wohngemeinschaft und sieht ihre Familie nur selten. Warum? „Das ist eine andere Geschichte“, sagt sie mit einem geheimnisvollen Lächeln. Dass sie ihren Weg in die Quinoa-Schule gefunden hat, war vielleicht ihre Rettung.

Das ist eine andere Geschichte," sagt sie mit einem geheimnisvollen Lächeln

Sibel, Schülerin der Quinoa-Schule

Was gefällt ihr? Dass die Schule so klein ist, so familiär, „und die Lehrer so freundlich! Die unterstützen uns ganz doll, die geben alles, damit wir den Stoff wirklich können. Damit alle mit einem Abschluss hier rauskommen“. An der Quinoa-Schule hat Sibel in Windeseile Deutsch gelernt, inzwischen bereitet sie sich auf ihre MSA-Prüfungen vor. Ihr Traum ist es, als Polizistin zu arbeiten und vielleicht sogar als Kommissarin. Ihre Tutorin hält ihren Plan für realistisch, rät ihr aber dennoch, sich einen Plan B zu überlegen, denn die Aufnahmeprüfungen bei der Polizei sind nicht leicht. Sibels Freundin Chandi ist in Indien geboren, auch sie hat schon genaue Vorstellungen von ihrer Zukunft: MSA, dann Abitur, Soziale Arbeit studieren und im Jugendamt als Vormund arbeiten.

Ein buntes Kollegium

Das Quinoa-Kollegium ist ein buntes Trüppchen. Viele Lehrkräfte sind Seiteneinsteiger, haben ebenfalls Migrationshintergrund. Der Schulleiter Pantelis Pavlakidis hat einen Master in europäischer Ethnologie gemacht, bevor er durch Teach-First an die Schule kam. Sein Vater ist Grieche, seine Mutter Deutsche; er weiß, wie es sich anfühlt, „zwischen den Stühlen zu sitzen“. Die Englisch-Lehrerin Menel Amamou ist als Tochter eines tunesischen Vaters in Schweden aufgewachsen. Die Namen ihrer Schüler – Hamed, Hamoudi und Malik – spricht sie so aus, dass man gleich merkt, wie gut sie Arabisch spricht. Das hilft ihr natürlich auch im Gespräch mit Eltern, die nur ein rudimentäres Deutsch sprechen und Angst haben, mit der Schule in Kontakt zu treten.

Im "Fach Weltbürgerkunde" haben die Schülererinnnen an Instagramm-Posts für ihre Schule gearbeitet. 
Foto: Judith Affolter

Ein Dienstag, eine dritte Stunde in Klasse sieben. Amamou liest mit ihren Schülern einen Text über „teenage problems“ und erarbeitet die neuen Vokabeln, führt die Bedeutung mit kleinen Rollenspielen vor. Die Klasse arbeitet begeistert mit; zehn bis fünfzehn Finger schnellen in die Höhe. „She is desperate, she cries? What does this mean, Hamed?“ Hameds Gesicht taucht für Sekunden aus seinem schwarzen Hoodie hervor: „Sie ist verzweifelt, sie heult.“ „Gibt es noch ein schöneres deutsches Wort für Heulen?“, fragt Amamou, und Hamed lächelt. „Sie weint.“

Gibt es noch ein schöneres deutsches Wort für Heulen?" fragt die Lehrerin. Hamed lächelt. "Sie weint".

Hamed, Schüler der Quinoa-Schule

Im Klassenzimmer hängt ein Plakat: „Ich bin hilfsbereit. Ich melde mich, komme dran und rede. Ich bin respektvoll. Ich sitze an meinem Platz.“ In großen Lettern stehen da die drei Werte der Schule: Mut, Verbindlichkeit und Achtsamkeit. Die Schüler können Lobpunkte sammeln in diesen drei Bereichen und sich über den Lob-Anruf der Klassenlehrerin freuen. Dann gibt es noch die Ampel: Je nachdem, wie ein Schüler sich benimmt, kann er auf Grün, Gelb oder Rot stehen. Wer zu oft auf Rot steht, muss zu Frank in die „Konsequenz-Zeit“. Der Sozialarbeiter macht mit den Schülern, was der Gemeinschaft zu Gute kommt: zum Beispiel die Mensa aufräumen oder kaputte Stühle reparieren.

Diese Form von Verhaltensmanagement werde oft kritisiert, berichtet Brunk. „Weil das wegführe von der intrinsischen Motivation, aber die muss man ja erst einmal aufbauen – die funktioniert auf bürgerlichen Gymnasien, aber nicht im Brennpunkt.“

Trotz widriger Umstände

Pavlakidis ergänzt: „Wir trennen die Person vom Verhalten. Als Person können unsere Schüler jeden Tag neu anfangen, auch wenn ihr Verhalten mal nicht okay war … Als Tutoren kommen wir den Schülern ziemlich nah, hören herzzerreißende Geschichten von Wohnungslosigkeit, Abtreibung und zerrütteten Familien. Das darf aber nicht dazu führen, dass wir sie bemitleiden. Trotz widriger Umstände müssen sie pünktlich kommen und dürfen nicht aggressiv sein.“

Menel Amamou gelingt jedenfalls beides: Die Schüler mitzureißen und ein diszipliniertes Lernklima zu schaffen. Prompt geht eine Schülerin zum Papierkorb und spuckt ihr Kaugummi aus, nachdem Amadou sie ermahnt hat. Lebhafte Schüler wie Malik, die ständig reinreden, weist Amadou kurz und sachlich zurecht. „I’m furious! What does this mean?“ Justin steht fast auf beim Sich-Melden: „Das heißt: Ich bin in Rage!“ Malik fragt: „Was, Schokolade?“Gelächter. Justin schüttelt den Kopf: „Alter, du denkst mal wieder nur ans Essen!“