Abiturvorbereitung.
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BerlinDas Ritual wiederholt sich jedes Jahr Ende Juni. Ganz Deutschland debattiert über die mangelnde Einheitlichkeit des Abiturs und die fehlende Vergleichbarkeit der Abschlussnoten. Gefordert wird eine verbindlichere Regelung der Aufgaben und eine stärkere schulpolitische Verantwortung für leistungsschwächere Schüler. Auch im Sommer 2020 stehen genau diese Themen auf der Tagesordnung. Zumindest in Sachen Abitur hat sich die Welt durch die Corona-Pandemie nicht verändert.

Vor acht Jahren beschloss die Kultusministerkonferenz die Einführung eines sogenannten Aufgabenpools für das Abitur. In den Kernfächern Deutsch, Mathematik, Englisch und Französisch werden seit 2017 Prüfungsthemen und -fragen gesammelt und für alle Länder zur Verfügung gestellt. Diese haben die Wahl, die Aufgabenpools komplett zu nutzen oder individuell mit eigenen Schwerpunkten zu verknüpfen. Strenge Verbindlichkeit sieht anders aus – sie war angesichts der Leistungsdifferenzen in den einzelnen Landesschulsystemen nicht durchsetzbar. Bis heute lebt man in einer Welt der föderalen Kompromisse.

Unter der Anleitung des „Instituts für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen“ (IQB) setzt man inhaltliche Prüfungsstandards, ohne diese als absolute Norm durchzudrücken. Den Ländern bleiben viele Hintertüren, die ihnen eine nur eingeschränkte Verwendung der Pools gestatten. Sie sind außerdem frei in der Gewichtung bei den Noten und können auch unterschiedlich lange Bearbeitungszeiten für die Prüfung festlegen. Manche Länder bieten Bonus-Aufgaben an, deren Bewältigung zusätzliche Punkte beschert. Auch in diesem Jahr gibt es Abitur-Alleingänge. Sachsen und Bremen entschieden sich, alle Mathematik-Klausuren um einen bzw. zwei Zusatzpunkte besser zu bewerten. Ähnlich waren Bremen und Hamburg im letzten Jahr verfahren. Als Grund wurde damals wie heute der besondere Schwierigkeitsgrad der im Pool angebotenen Aufgaben genannt.

Weshalb die Länder die Möglichkeit, eigene Fragen für die Prüfung zu entwickeln, nicht nutzten, wird ihr Geheimnis bleiben. Es ist schleierhaft, warum die Ministerien seit 2012 heftig über diese Option stritten, wenn man von ihr am Ende keinen Gebrauch macht. Die mehr oder weniger willkürliche Aufwertung der erreichten Noten um zusätzliche Bonuspunkte ist jedenfalls die deutlich schlechtere Variante, wenn es um den Ausgleich tatsächlicher oder vermeintlicher Leistungsdifferenzen geht.

Was sich hier enthüllt, ist die Bequemlichkeit vieler Schulbehörden, die weder Musterlösungen für die Mathematik-Klausuren errechnen ließen noch vorher die Angemessenheit des Schwierigkeitsgrades überprüften. Stattdessen wird per Hand nachgesteuert, mit dem Effekt, dass das letzte Vertrauen in die Objektivität unserer Abiturkriterien schwindet. Das alles hat nichts mit den Folgen der Corona-Krise zu tun. Die Abiturienten mussten sich drei Wochen länger als ursprünglich geplant zu Hause auf ihre Prüfungen vorbereiten, ohne Schulunterricht zu haben. Das sollte für junge Menschen, von denen etliche in wenigen Monaten ein Studium aufnehmen, keine Zumutung sein. Das eigentliche Ärgernis des diesjährigen Abiturs ist leider nicht neu, sondern altbekannt. Unser Schulsystem lebt von vielen Gleichheitsfiktionen, die Jahr für Jahr im Sommer nach den Prüfungen enthüllt werden. Daran wird sich, so steht zu fürchten, auch in Zukunft wenig ändern.  

Der Autor ist Präsident der Hochschulrektorenkonferenz.