Papa als Lehrer. Was kann es Schöneres geben. 
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BerlinAlles ist wie immer. Sommerschnee wirbelt durch den Junitag, bedeckt Wiesen und Wege, weht so leicht, dass man das Wort „flusen“ als Verb verwenden möchte. Der See sieht aus wie ein riesiges Wattebällchenbad. Ilma Rakusa hat den Pappelsamen in „Mein Alphabet“ ein eigenes Kapitel gewidmet. Sie beschreibt sie als „pausenloses lautloses Gewölk“, als zartes, sinnloses Geschenk. Und gerade darum so „anrührend“.

Irgendwie rührend ist auch der Bäcker auf dem Markt, der seinen „Biiiiienenstich“ mit einer Inbrunst preist, die einer Predigt würdig wäre. Kinder nagen an Quarkbällchen, Teenager lungern in Rudeln herum und der frühe Sommer zeigt sich bauchfrei oder im Flatterkleid. Eine Frau trägt eine getupfte Bluse und eine Maske mit Blumenmuster. Die daneben einen geblümten Overall und einen Mundschutz mit Tupfen. „Die sollten tauschen“, denke ich albern.

Die Masken. Wären sie nicht allgegenwärtig, wäre alles wie immer. Nicht nur der Flug der Pappelsamen. War da was? Diese Frage schwebt zwischen ihnen, als ich durch den Park zurücklaufe. Rasen ist kaum zu erkennen zwischen all den Picknickern, Turnenden und Ruhenden. Doch, irgendwas war. Sonst würde das Kind zu Hause nicht fragen, was wir für einen Wochentag haben. Es weiß oft nicht einmal mehr, ob Wochenende ist oder Schulwoche. Kein Wunder bei zwei Tagen à drei Stunden „Präsenzunterricht“ wie man das jetzt nennt. Ich streiche ihm über den Kopf, sage ihm, dass Freitag ist und merke, wie Wut in mir aufsteigt. Wochenlang habe ich mich nicht aufgeregt. Sich aufregen ist unkreativ und macht hässlich. Außerdem raubt es Kraft und die kann man besser investieren. Vor zehn, zwölf Tagen bekam die Wut aber neue Nahrung und seitdem fällt es mir schwerer.

Warum ich die Tipps der Bildungsverwaltung fürs „Lernen zu Hause“ ausgedruckt habe, daran kann ich mich nicht erinnern. Wohl aber an mein Inneres „Wie bitte?“, als sie eintrudelten. Vier Wochen vor den Ferien. Warum der Senat denkt, das lohne jetzt noch, verrät das Grußwort einer verkrampft lächelnden Sandra Scheeres. Weil „ein Teil des Lernens auch in nächster Zukunft bei Ihnen zu Hause stattfinden wird“. Ach ja? Hat es immer schon. Man nennt es „Hausaufgaben“. Oder wird allen Ernstes daran gedacht, weiterhin mit abgespeckten Stundenplänen zu hantieren? Anstatt über den Sommer die 6-Tage-Woche zu organisieren, mit Unterricht in Schichten von 8 bis 18 Uhr. Montag bis Sonnabend.

Dafür gibt es nicht genug Lehrer und Erzieher, wird es heißen. War da was? Waren da nicht Tausende Medizinstudenten, die im März in den Krankenhäusern ihr Können unter Beweis stellen durften? Wo bleibt der Plan für den Einsatz der tausend Lehramtsstudenten, die bald dasselbe tun? Draußen überwindet das Juni-Gewölk in seinem zarten Tanz alle Hindernisse. Ein Geschenk. Was für eines wäre es, wenn all jene, die dafür zuständig sind, es ihm nach tun würde. Damit wir im August die Frage „War da was?“ mit einem leisen „Ja da war was. Es war groß. Es war viel. Aber manches ist vorbei“ beantworten können.