Vater und Tochter spielen Mensch Ärgere Dich nicht (Symbolbild).
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Berlin  - Dieser freche Rabe Theo war nicht unser Freund. Er war eine Gefahr. Wir wollten schneller sein als er. Wollten die Früchte ernten, bevor er seinen Schnabel in den Garten stecken konnte, bevor er alle Äpfel, Birnen, Kirschen, Pflaumen klauen würde. Das wollten wir verhindern. Wir wollten gewinnen. Ihn schlagen. Meine Tochter und ich. Gemeinsam. Wir waren ein Erntehelferteam.

In der Anleitung stand, dass „Obstgarten“ ein kooperatives Farbwürfelspiel sei, geeignet für Kinder zwischen drei und sechs Jahren. Es soll das Wir-Gefühl stärken. Weil die Mitspieler nicht miteinander konkurrieren, sondern zusammen gegen ein Tier antreten können.

Aber meine dreijährige Tochter war mehr eine Ich-AG. Denn als der freche Rabe zu frech wurde und sich unseren bereits gut gefüllten Körben näherte, fegte sie alle Holzfiguren vom Spielbrett. Der Obstgarten war ein über den Küchenboden verstreuter Obstsalat und Theo lag unterm Sofa. Das Spiel war jedenfalls zu Ende. „Das ist ungerecht“, sagte meine Tochter mit bebender Unterlippe und Tränenglanz in den Augen. Und ich, was sollte ich sagen?

Nächstes Vaterschaftslevel?

Ich spürte die Verantwortung als Stich ins Herz, gefolgt von einer Schwere, die sich immer dann auf meine Brust legt, wenn ich das Gefühl habe, als Vorbild gefragt zu sein oder mal wieder ein nächstes Vaterschaftslevel zu erreichen. Ich war jetzt also dafür verantwortlich, meiner Tochter zu erklären, dass ein Brettspiel die Option Niederlage beinhalten kann. Dass Glück und Pech nun mal ein undurchsichtiges Verhältnis zu unseren Erwartungen pflegen. Und ja, auch dass die Welt ein ungerechter Ort ist, an dem kleine Kinder nicht sicher sein können vor frechen Obstdieben. Aber erst mal nahm ich sie in den Arm. Und als fürsorglicher Rabenvater befreite ich danach Theo aus den Fängen der Staubmäuse.

Wut ist ein schwer zu bändigendes Gefühl, zumal für Kinder. Ich weiß noch, wie weit entfernt ich selbst davon war, Worte wie Affektkontrolle oder Frustrationstoleranz buchstabieren zu können, als ich sich anbahnende Niederlagen nur noch mit Spielabbruch verhindern konnte. Es flogen die Karten bei „Uno” oder „Mau-Mau”, bei „Vier gewinnt” verlor ich die Fassung, „Das verrückte Labyrinth” verließ ich mit dem Kopf durch die Wand und ärgerte mich darüber, dass jemand auf die bescheuerte Idee kommen konnte, ein Spiel „Mensch ärgere dich nicht” zu nennen.

Und ich weiß noch, wie ich es gehasst habe, dass mein Vater immer der Sieger war. Wie er mir lieber meine Fehler erklärte, statt selber welche zu machen, um absichtlich zu verlieren. Beim Fußballspielen lockte er mich nur in die Verlängerung, um das Elfmeterschießen zu gewinnen. Ich war Mau, er Mau-Mau. Ich lernte, wie schwer es ist, Niederlagen einzustecken, während er die Siege so leicht davontrug. War das pädagogisch wertvoll?

Ich war Mau, er Mau-Mau

Neulich haben meine Tochter und ich wieder Obstgarten gespielt. Sie ist jetzt vier und ihre Wut kein ständiger Begleiter mehr. Deshalb durfte der freche Rabe Theo ungestraft unsere Ernte klauen, ehe sie mir in gekünstelter Ernsthaftigkeit offenbarte: “Das Spiel ist langweilig.” Sie wolle jetzt lieber etwas malen. Und ich schaute nach, ab welchem Alter eigentlich “Mensch ärgere dich nicht” empfohlen wird. Ab fünf Jahren. Aber selbst mit vierzig zählt man immer noch zur Risikogruppe.