Daniel Friedrich setzt sich für Luftreiniger in den Klassenräumen der Schule seiner Kinder in Schöneberg ein.
Foto: Benjamin Pritzkuleit

BerlinDaniel Friedrich ist Vater zweier Kinder und ein vorausschauender Mensch: Im Blick auf den drohenden Corona-Herbst hatte er sich schon kurz nach den Sommerferien bemüht, für die Klassen seiner Kinder Luftreiniger zu besorgen. Seine jüngere Tochter geht in die Grundschule, seine ältere in ein Gymnasium. Die anderen Eltern waren begeistert von seiner Idee und wollten sich gern an den Kosten beteiligen. Die Lehrerin war Feuer und Flamme, die Schulleitung sagte: „Das ist eine gute Idee, aber ich muss erst das Schulamt fragen.“

Doch leider dauert dieses „Fragen“ nun schon fast zwei Monate. Denn das Schulamt fragte das Bauamt und schickte Friedrich irgendwann eine Email mit der Aussage, er dürfe die Filter nicht aufstellen, denn man wisse nicht, wie man die Geräte finanzieren solle und auch nicht, ob sie denn wirklich helfen. Friedrich sagte, er würde die Filter aus eigener Tasche bezahlen. In einer zweiten Email wurde er gefragt, ob er denn auch bereit wäre, die Wartung und die monatlichen Betriebskosten von zwei Euro zu übernehmen. Auch das sicherte er zu. Seitdem hat er nichts mehr gehört, und die Schulleitung traut sich nicht, weitere Schritte zu unternehmen.

Grafik: BLZ/Sabine Hecher, Quelle: lehrermarktplatz.de

Angetrieben von dieser Erfahrung, hat Daniel Friedrich sich in den vergangenen Wochen durch Dutzende von wissenschaftlichen Studien gefräst, die mit Lüftung, Filtern und Innenraumlufthygiene zu tun haben. Denn er weiß, dass dieses Thema für die Fortsetzung des schulischen Regelbetriebs von großer Bedeutung ist.

Friedrich hat Psychologie und Philosophie studiert und nach der Promotion zwei Jahre an einer Gemeinschaftsschule unterrichtet. Heute arbeitet er als Datenanalyst bei „lehrermarktplatz.de“ – einer digitalen Plattform, auf der Lehrer ihre Unterrichtsmaterialien teilen und verkaufen können. Er und einige seiner Kollegen haben schon länger den Verdacht, dass die Schulträger in Deutschland zu „Fortschrittvernichtungsmaschinen“ geworden sind.

Je kälter es draußen wird, desto hitziger wird die öffentliche Diskussion um das Lüften in Klassenzimmern. Dabei gibt es drei wichtige Fragen. Die erste Frage lautet: Wie oft und wie lange soll gelüftet werden? Und die zweite Frage: Reicht das Lüften aus – oder brauchen wir zusätzlich noch Hepa-Filter? Und die dritte Frage, die mit der zweiten eng verbunden ist: Können wir auf das Lüften sogar verzichten, wenn wir gute Filter haben?

In der medialen Debatte sind zwei Stimmen besonders vernehmbar: Die von Heinz-Jörn Moriske, der die Innraumluftkommission des Bundesumweltamtes betreut, und diejenige von Christian Kähler, der als Physiker an der Universität der Bundeswehr in München forscht. Beide vertreten eher extreme Positionen, die sich so vereinfachen lassen: Moriske setzt auf das Lüften und blickt äußerst skeptisch auf die Filter: Er sagt, Filter allein seien nicht hinreichend und scheint daraus zu folgern, dass sie gar nicht zum Einsatz kommen sollten. Oder nur in absoluten Ausnahmefällen. Kähler hingegen setzt auf Filter und blickt äußerst skeptisch auf das Lüften. Denn seine Mission ist es, für den Einsatz von sehr leistungsstarken und großen Filteranlagen zu werben, die pro Stück etwa 3000 Euro kosten.

Nun gibt es eine Studie der Unfallkassen in Nordrhein-Westfalen, die gut belegt, dass das Lüften in Klassenzimmern die Luftqualität extrem verbessert. Sie macht es wahrscheinlich, dass die Wahrheit in der Mitte liegt: Zwischen den Positionen von Moriske und Kähler. Die Filter können das Lüften nicht ersetzen. Aber sie können es sehr wohl ergänzen und einen wertvollen Beitrag leisten zur Reduktion des Infektionsrisikos an Schulen.

Grafik: BLZ/Sabine Hecher, Quelle: Unfallkasse-NRW

Manche Politiker fürchten, billige Filter könnten zu „Virenschleudern“ werden. Doch Friedrich hält das Wort „Virenschleuder“ für einen Kampfbegriff, mit dem sich Bund und Länder vor dem Anspruch der Lehrer und Eltern schützen, größere Summen in die Anschaffung von Filtern investieren zu sollen.

„Große Geräte helfen mehr als kleine Geräte – aber kleine Geräte können auch schon helfen, das Infektionsrisiko zu reduzieren.“, sagt Friedrich. „Jedenfalls dann, wenn sie den EU-Normen entsprechen, einen H13-Filter haben und mindestens 300 Kubikmeter Luft pro Stunde umwälzen können. Es gibt Geräte auf dem Markt, die zwischen 150 und 300 Euro kosten – und tun, was sie tun sollen.“

Auch für diese günstigen Luftreiniger gilt, was auf der Seite des Bundesumweltamtes zu lesen ist: „Hepa-Filter sind darauf ausgelegt, luftgetragene Partikel mit einem Wirkungsgrad von 99,95 Prozent über einen breiten Größenbereich zurückzuhalten … Sowohl Coronaviren (100-120 Nanometer) also auch die durch den Atem exhalierten Tröpfchen (im Bereich weniger Mikrometer) können durch Hepa-Filter grundsätzlich zurückgehalten werden.“

Weiter steht da: „Auch mobile Luftreiniger mit Hepa-Filter können somit dazu beitragen, die Zahl der Partikel in einem Raum zu senken. In Schulen können Sie helfen, besonders während der kalten Jahreszeit, wenn nicht immer ausreichend auch während des Unterrichts gelüftet werden kann, die Virenlast der Luft im Raum zu minimieren.“

Grafik: BLZ/Sabine Hecher, Quelle: medrxiv.org

Die KMK sagt, man solle in den Pausen und nach zwanzig Minuten Unterricht mindestens 3-5 Minuten stoßlüften. Dies ist eine pragmatische Regel, die den Durchschnitt der Klassen im Blick hat. Tatsächlich gibt es aber gewaltige Unterschiede in den Klassen –  große Räume mit 21 Schülern und kleine Räume 35 Schülern. Eigentlich müsste man in den kleinen und vollen Räumen viel öfter lüften.

Man spricht ja davon, dass die C02-Konzentration in einem Klassenzimmer den Richtwert von 1000 ppm (parts per million) nicht überschreiten sollte. Dieser Wert vermittelt einen guten Eindruck davon, wie viel von Menschen ausgeatmete Luft vorhanden ist – und wie viele potentiell virenlastige Aerosole. Deshalb können CO2-Messgeräte Lehrern und Schülern helfen, im richtigen Augenblick wieder die Fenster aufzureißen.

Eine Online-Erhebung von „lehrermarktplatz.de“, an der 704 Lehrer teilgenommen haben, zeigt, dass das Lüften an Schulen noch nicht so gut funktioniert wie es funktionieren sollte. Über die Hälfte der befragten Lehrer gaben an, dass die Vorgaben der KMK nicht eingehalten werden. In jedem 5. Klassenzimmer sei das schon allein aus bautechnischen Gründen gar nicht möglich – zum Beispiel, weil man die Fenster nur kippen kann.

Was ist das politische Fazit, das Daniel Friedrich aus seinen intensiven Recherchen zieht? „Wir müssen noch mehr Gewicht legen auf das Lüften, die Intensität an das schulische Infektionsgeschehen und die Größe der Klassenzimmer anpassen. Der Prozess muss stärker reguliert werden, zum Beispiel, in dem die Lehrer Listen führen oder zwei Schüler als Frischluftmanager agieren. Und außerdem müssen wir natürlich erreichen,“ sagt Friedrich mit einem kleinen Lachen, „dass Eltern, die vernünftige Luftreiniger für die Klassen ihrer Kinder anschaffen wollen, nicht mehr daran gehindert werden.“

Ein Kollege von Friedrich hat kurz entschlossen im Internet zwei Luftreiniger bestellt – und zwar das Modell 2887/10 von Phillipps, das 265 Euro kostet. Dann hat er sie in den Klassenzimmern seiner Kinder platziert. Die Geräte arbeiten ziemlich leise, Lehrer und Schüler äußern sich zufrieden. Zum Glück hat der Schulträger von diesem Schabernack noch nichts gemerkt.