BerlinStephan Bayer ist einer der kreativsten Köpfe unter den E-Learning-Unternehmern in Deutschland. 2009 hat er Sofatutor gegründet, eine Firma, die Lernvideos, interaktive Übungen und Online-Nachhilfe für Schüler anbietet. Wir treffen uns in einem fantastischen Loft in der Grünberger Straße, dem Hauptsitz der Firma in Berlin-Friedrichshain. Über einem hellgrünen Sofa, das auch auf dem Emblem der Firma zu sehen ist, steht: „Life is short, build stuff that matters“.

Berliner Zeitung: Herr Bayer, noch als Student der Humboldt-Universität hatten sie die Idee, sofatutor.com zu gründen. Wie kam es dazu?

Stephan Bayer: Die Idee entstand bei der Vorbereitung für eine Mathematik-Klausur. Um den Lernstoff besser zu verstehen, habe ich einen Kurzfilm gedreht und ihn mit meinen Kommilitonen geteilt. Das Echo war so ermutigend, dass mich die Idee, eine Plattform mit Lernvideos aufzubauen, nicht mehr losgelassen hat.

Heute ist sofatutor.com aus der deutschen Bildungslandschaft nicht mehr wegzudenken. Alle Eltern, die mit ihrem Kind für eine Klassenarbeit gelernt und das Internet nach interaktiven Übungen durchforstet haben, kennen Sie. Aus dem Start-up ist längst ein stattliches Unternehmen mit über 250 Mitarbeitern geworden. Wer sich bei Sofatutor anmeldet, hat Zugriff auf über 11.000 Lernvideos, schön sortiert nach Fächern und Klassenstufen. Es gibt Material zu allen wichtigen Themen des deutschen Lehrplans. Wie sieht Ihr Geschäftsmodell aus?

Es war immer mein Traum, die Schulen mit digitalen Lerninhalten zu versorgen. Aber lange Zeit hatten die Kultusministerien kein Interesse und wollten einfach am Prinzip „Schulbuch“ festhalten. Deshalb finanzieren wir uns durch die Eltern, die monatliche Abonnements für ihre Kinder abschließen.

Durch Corona fliegt ihr Unternehmen jetzt im Aufwind.

Ja, über Nacht hat das Kultusministerium Sachsen sich entschlossen, 20.000 Zugänge für schulbedingte Schließungen zu kaufen.

Für Ihre Arbeit sind Sie in ständigem Austausch mit Politikern, Bildungsverwaltungen, Schulen, Lehrern, Eltern und Schülern. Was würden Sie tun, um die Digitalisierung unserer Schulen voranzutreiben?

Ich finde es wichtig, die Hardware eng mit der Software und die Software eng mit dem Content zusammenzudenken. Neulich hat mir ein Kultusminister gesagt: „Total verrückt, Herr Bayer, wir tragen hier die Geldsäcke mit Fördermitteln aufs Schiff für die Geräte und für das, was dann auf den Geräten passieren soll, ist nichts mehr da.“

Der Digitalpakt Nummer 1 soll ja vor allem die Hardware finanzieren. Wäre es dann nicht klug, jetzt schon einen Digitalpakt Nummer 2 anzuschieben?

Ja, wenn der Bund noch einmal bereit wäre, die Spendierhosen anzuziehen, wozu jedoch auch eine Gesetzesänderung, die eine sinnvolle Aufweichung des Kooperationsverbots ermöglicht, notwendig wäre. Die Sequenz – erst Hardware, dann Software, dann Content – ist richtig, muss aber schneller aufeinanderfolgen. Sonst liegen die Geräte zwei Jahre im Keller und niemand hat einen Anreiz, sie zu benutzen.

Sollen alle Schüler ein eigenes digitales Endgerät bekommen?

Best practice aus meiner Sicht: Jede Schule entscheidet sich für ein Modell, das den Eltern verbindlich vorgeschlagen wird, und die kaufen das am Anfang der Schulzeit. Die sozial benachteiligten Schüler bekommen ein Leihgerät der Schule und das Internet umsonst.

An vielen Schulen hat man sich ungeheuer schwergetan, ein eigenes Medienkonzept zu entwickeln. Und das brauchten sie ja, um die Gelder aus dem Digitalpakt abzurufen.

Das führt zu einer Art Goldrausch bei den IT-Firmen. Die bemühen sich jetzt um die Schule als Kunden, schicken Berater, die dann nicht nur Geld für die Beratung bekommen, sondern den Kollegien ihre eigenen und zum Teil schlechten Produkte aufschwatzen.

Wie kann man die Schulen davor bewahren?

Indem die Bundesländer für sie schon bestimmte Pakete schnüren, zwischen denen sie sich entscheiden können.

Microsoft, Apple oder Linux?

Jede dieser drei großen Technik-Religionen hat Vor- und Nachteile. Wichtig ist nur, dass das System im Innern einer Schule einheitlich ist. Aber die Länder sollten auf technische Vielfalt setzen.

Aber auf eine paketierte Vielfalt.

Ja, das wäre ein Usability-Hack fürs Medienkonzept-Schreiben. Ist ja im Restaurant auch so, dass man sich lieber mit einem knapp gehaltenen Menu beschäftigt statt mit einer langen Liste.

Wenn die Geräte endlich da sind, muss man ein Lernmanagementsystem installieren. Manche sagen auch Lernplattform oder Schulcloud dazu. Welchen Ausdruck finden Sie am besten?

Lernmanagementsystem, da hat jeder sofort ein mentales Bild vor Augen: Ein leeres Kommunikationssystem ermöglicht, dass alle Parteien sich austauschen und Inhalte teilen können.

Im Streit um das richtige LMS für Schulen gehen die Meinungen  auseinander.

Ja, da gibt es drei Lager. Lager eins kämpft für die HPI-Schulcloud und sagt: „Wir müssen unser LMS selbst bauen als Staat und dann pseudokostenlos an die Schulen vergeben.“

Pseudokostenlos?

Ja, weil Steuergelder in die Entwicklung fließen und recht hohe Administrationskosten für die einzelnen Schulen anfallen. Seltsam, dass das in der Presse bisher gar nicht auftaucht! Lager zwei sagt: Wozu soll der Staat etwas nachbauen, was es auf dem Markt schon gibt und was man per Knopfdruck für jede Schule freischalten kann? Das ist für mich itslearning. Ein Weltklasseprodukt, hergestellt von einem europäischen Mittelständler, nette Norweger, die uns weder das Geld aus den Taschen ziehen noch unsere Daten klauen wollen, sondern die einfach nur einen Markt bedienen.

Und Lager drei?

Lager drei setzt auf Open Source. Ganz vorn hier ist Moodle. Moodle ist okay, aber um dieses OS-Monster für die eigene Schule zu bändigen, braucht man Entwicklerpower, muss eigene Server und eine Moodle-Agentur bezahlen. Am Ende zahlen die Schulen – egal, welchem Lager sie angehören – 1000 bis 3000 Euro pro Jahr pro Schüler für ihre LMS.

Gibt es nicht noch ein viertes Lager? Google classroom?

Ja, als kostenloses System eines kommerziellen Anbieters. Damit kann man gut eine ganze Schule organisieren. Aber das kennt man hier kaum, weil Google Education gemerkt hat, sobald wir uns in Deutschland engagieren, entsteht ein Imageschaden. Seltsam, obwohl die Suchmaschine ständig genutzt wird – an deutschen Schulen will man Google nicht.

Und warum? Wegen der Daten?

Von wegen: „Wir bauen den Google-Classroom, die Amazonschule!“ Und was so mancher da draußen sagt, um noch drei Likes zu bekommen. Diese Dramatisierung ist vollkommen kontraproduktiv.

Foto: Berliner Zeitung/Benjamin Pritzkuleit
Zur Person

Stephan Bayer wurde in Rehain geboren, einem Dorf in Sachsen-Anhalt. Als Kind träumte er davon, Hollywood-Regisseur zu werden. Heute gilt er als Visionär der digitalen Wissensvermittlung. Er studierte Soziologie und BWL an der Humboldt-Universität in Berlin. Bei einer Prüfungsvorbereitung für eine Mathematik-Klausur drehte er sein erstes Lernvideo über „Das totale Differential“. 2009 gegründet, ist Sofatutor mit über 11.000 Lernvideos und 40.000 Übungen die umfangsreichste Online-Lernplattform im deutschsprachigen Raum und damit eines der führenden EdTech-Unternehmen in Europa. Rund 5000 Schulen nutzen sofatutor inzwischen bundesweit. 

Haben in Deutschland viele Eltern Angst vor einem Schüler-Profiling?

Ja. Nach dem Motto: Hilfe, mein Kind lernt mit dem Computer, der Computer lernt alles über mein Kind und erstellt ein Stärken-Schwächen-Profil. Und am Ende darf mein Kind nicht Astronaut werden. Für mich ist das eine krasse Dystopie, eine Techniknegation, aber ich will jetzt keine Brandrede für Google halten, ich will nur sagen -

Vorsicht vor Verschwörungstheorien!

Als ob die großen Konzerne im Bildungsbereich nur mitmischen, weil sie später ihre Produkte an die Kinder verkaufen wollen. Das passiert sowieso, dass Kinder mit Microsoft- oder Apple-Produkten in Berührung kommen in ihrem Leben. Deshalb werden sie doch nicht gebrainwashed! Und was viele nicht wissen: Im Bildungsbereich haben diese Konzerne nie wirklich Geld verdient. Durch Gewinne in anderen Bereichen konnten sie es sich leisten, ihre Lizenzen an die Schulen quasi zu verschenken. Wenn Kinder mit Open Office arbeiten statt mit Office 365, lernen sie nur die Hälfte der Funktionen. Und dann habe ich als Unternehmer hier Leute, die kommen nach 18 Jahren Schule und Universität und können kein Apple Keynote und keine Kollaboration mit Google Docs. Dabei ist das heute die Basis für ein produktives Zusammenarbeiten.

Wenn alle Schulen ein LMS haben, fehlt immer noch der Content.

In der Politik gibt es diese romantische Vorstellung, dass alle Lerninhalte kostenlos sein werden. Weil es inzwischen billiger ist, Daten auszutauschen als Papier. Man denkt, dass die Lehrer neben ihrer Unterrichtsentwicklung noch ihr Material teilen. Aber ich glaube daran nur sehr bedingt. Lehrer sind Lehrer, das macht sie nicht automatisch zu guten Bildungsmaterial-Autoren. Das erlebe ich bei Sofatutor: Unsere besten Autoren sind Menschen mit einem hohen Talent, sich in andere hineinzuversetzen und gute Drehbücher zu schreiben, gute Übungen zu entwickeln. Sie arbeiten mit Motion Artists und leisten eine Menge originäre Arbeit, die man nicht kostenlos von der Crowd gesourced bekommt.

Es gibt ja auch Lehrerinnen, die sich dabei filmen, wie sie etwas an die Tafel schreiben …

Der Moment, wo alle Schüler ausrasten: Wenn Frau Schmidt ein Video von Frau Müller zeigt, die an der Tafel steht und irgendetwas erklärt. Dann beschleicht alle das Gefühl: Hier macht es sich eine zu leicht! Nein, es geht darum, eine Abstraktionsebene mehr zu erreichen, eine didaktische Verdichtung. In unseren Videos bauen wir zum Beispiel eine klassische griechische Heldenreise und weben da die mathematische Theorie hinein.

Wo liegen die großen Chancen bei digitalen Bildungsmedien?

Für mich ist der größte Effizienzsprung: Bei interaktiven Übungen hast du plötzlich Daten darüber, welche Schüler überhaupt die Aufgaben machen und wer sie richtig löst und wer falsch. Ungeheuer, in welcher Dunkelheit der Lehrer normalerweise sitzt. Der weiß ziemlich wenig darüber, was die Klasse kann. Dann schreibt er einen Test, vergibt Noten und das Kapitel ist abgeschlossen. Doch beim Korrigieren merkt er: Vier Wochen haben wir uns mit Zinsrechnung beschäftigt, und ein Drittel der Schüler hat es nicht verstanden, na ja, nächstes Thema! Das ist doch crazy! Das war natürlich nicht anders möglich, als es noch keine elektronische Erfassung von Schülerleistungen gab.

Aber diese Ära ist jetzt vorbei?

Ja, die Zeit, in der das Lernen in der Schule fordistisch organisiert war, jeder Schüler in jeder Sekunde das Gleiche denken musste – und wenn er mal geträumt hat, war er abgehängt. Ein Video kann ich mir immer wieder anschauen, kann pausieren und Sequenzen wiederholen.

Sind Sie ein Fan des „flipped classroom“?

Auf jeden Fall. Das Lernen hat ja drei Komponenten: Erklären, Üben und Nachfragen. Erst wird Wissen vermittelt, dann angewendet und durch Fragen vertieft. Und bisher war es in der Schule doch oft so, dass die Lehrer im Unterricht erklären, die Schüler zu Hause üben und ihre Eltern fragen. Mit digitalen Bildungsmedien kann man diese Reihenfolge umkehren: Die Schüler schauen sich die Erklärungen zu Hause am Bildschirm an, machen Übungen in ihrem individuellen Tempo und haben im Unterricht ausgiebig Zeit, um die Lehrer nach dem zu fragen, was sie noch nicht verstanden haben.

Bekommen Schüler und Lehrer dann eine neue Rolle?

Ich glaube, dass Schüler ihr volles Lernpotenzial ausschöpfen, wenn ihnen die Freiheit gegeben wird, eigene Wege zu gehen. Lehrer sind dann Lernbegleiter und nicht mehr diejenigen, die den Satz des Pythagoras an der Tafel vorturnen.