Was ich vermisse als Erwachsene und Mutter:

- Spontan ganz alleine campen gehen.

- Generell: Spontanität und nicht immer dran denken müssen, wer kümmert sich ums Kind.

- Nicht die ganze Zeit mein Handy verstecken müssen und gleichzeitig meine Zeit auf Netflix und Co. verschwenden zu können (wir verstecken unser Handy, weil der Sohn sonst sofort „Mascha und der Bär“ schauen will, sobald er das Handy entdeckt).

- Einmal im Jahr einfach mal 24 Stunden am Stück feiern gehen und niemanden anrufen müssen, um über meinen Aufenthaltsort zu informieren.

- Zeit zu haben zu lernen, neue Dinge zu erfahren, in ein neues Thema zu eintauchen, neue Leute kennenzulernen, Zeit, mentale Kapazitäten und Energie für Aktivismus zu haben.

- Die Möglichkeit, Sport zu machen, zu meditieren, mich gut zu ernähren und zu arbeiten - alles an einem Tag!

- Eine Serie in der Nacht zu bingen und am nächsten Tag den Schlaf einfach nachzuholen.

- Einfach ein Wochenende lang ein Buch lesen, nicht kochen und nur von Falafel und Halloumi leben.

- Dummen, aber geilen abenteuerlichen Shit machen und nicht an die Konsequenzen für meine ganze Familie denken.

Das alles war ein Teil von mir. Und ich vermisse es. Ich liebe mein „Erwachsenes und Ich-komme-klar!“-Leben. Aber: Ich mochte auch mein altes Leben. Sehr.

Foto: Joakim Johannson
Die Bloggerin Milena Glimbovski, auf dem Laptop ein Aufkleber für „Climate Justice“. 

Herzschmerz zulassen: Das schrieb Glennon Doyle, und mein Herz sank und ich wusste sofort, was sie meinte. Wir alle fragen uns an einem Punkt in unserem Leben, was wir mit unserer Zeit anfangen sollten. Was gut für uns ist, für unsere Familien und Freunde, die Gesellschaft, die Umwelt, die Welt. Wir suchen nach Sinn. Die meisten wissen nicht mal, wo sie anfangen sollen. Es ist überwältigend und oft fühlen wir uns, als könnten wir nichts ändern. Wir sondern uns ab und lassen diese Gefühle nicht rein.

Glennon Doyle schreibt in ihrem Buch „Untamed“ über die Ausreden, die wir machen. „Ich wünschte, ich könnte mehr über die Ungerechtigkeit lernen, ich wünschte, ich könnte diesen kranken Freund besuchen, ich wünschte, ich würde mich involvieren in diese Sache, ich wünschte, ich könnte da sein für diese Familie – aber ich halte es nicht aus, weil es mein Herz bricht.“ 

Wir spinnen uns ein in einem Kokon und vermeiden „negative“ Gefühle: Schmerz, Wut, Angst. Wir vermeiden Nachrichten oder bestimmte Nachrichten, vermeiden es, uns über die Klimakrise zu informieren, und die folgende Klimaangst, Corona und seine Konsequenzen, vermeiden nachzuschauen, wie es um Moria und andere Geflüchteten-Camps steht, vermeiden, über die Rechten nachzulesen und wie sie ihre Macht und Followerschaft vergrößern. Aber wir müssen all das reinlassen. Nicht alles auf einmal, nicht nonstop. Aber wir müssen Angst, Wut, Frustration, Traurigkeit, Herzschmerz fühlen. In der Gesellschaft, in der wir leben, haben wir gelernt, „negative“ Gefühle zu vermeiden, aber sie sind Teil des Lebens. Wir können sie willkommen heißen, wahrnehmen und sie dann auch wieder ziehen lassen. Und so kann Herzschmerz funktionieren. Herzschmerz kann uns helfen, aktiv zu werden, es ist der Brennstoff für unsere Sinnsuche, damit wir anfangen oder weitermachen mit dem Kampf. Herzschmerz zuzulassen ist der Anfang – nicht das Ende.


Milena Glimbovski ist unsere Bloggerin des Monats: Die Berliner Zeitung lädt kreative Netz-Persönlichkeiten ein, ihre Arbeit in Interviews und ausgewählten Texten vorzustellen.