Ellen Church hegte seit ihrer Kindheit den Wunsch zu fliegen.
Foto: Imago Images/United Archives

BerlinDer Flug von Oakland, Kalifornien, ins etwa 3000 Kilometer entfernte Chicago dauerte bei einer durchschnittlichen Reisegeschwindigkeit von 200 km/h rund 20 Stunden. Es gab 13 Zwischenstopps, im Flugzeug wurden die Gäste mit einer kleinen Hähnchenmahlzeit, mit Brot und einem Obstsalat bewirtet. Auf diesem Flug am 15. Mai 1930 in einer Boeing 80A war die damals 25-jährige Ellen Church die erste Stewardess der Welt. Am Steuer saß der bekannte Flugpionier Elrey B. Jeppesen, der seine Pilotenlizenz noch bei Orville Wright gemacht hatte.

Church wuchs auf einer Farm in Cresco im Nordosten Iowas auf. In der Nähe befand sich ein kleiner Militärflugplatz, schon von Kindheit an liebte sie das Geräusch der Flugzeugmotoren und begeisterte sich für das Fliegen. Sie machte eine Ausbildung zur Krankenpflegerin, aber ihre Leidenschaft blieb die Fliegerei: In ihrer Freizeit nahm sie Flugstunden und erwarb eine Privatpilotenlizenz. Als ausgebildete Krankenschwester zog sie 1926 nach San Francisco, wollte aber ihr Hobby zum Beruf machen und bewarb sich 1930 als Pilotin bei der drei Jahre zuvor gegründeten Fluggesellschaft Boeing Air Transport (BAT), der späteren United Airlines.

Doch Steve Stimpson, BAT-Bezirksleiter in San Francisco, wollte sie nicht als Pilotin einstellen. Damals waren Jobs in der Luftfahrt reine Männersache, Frauen galten als zu zart fürs Fliegen. Auch alle Servicemitarbeiter waren männlich, bereits 1912 hatte es im Speiseraum des Zeppelins „Schwaben“ mit Heinrich Kubis einen Steward gegeben. Er gehörte übrigens 1937 bei der Katastrophenfahrt des Luftschiffs „Hindenburg“ zu den Überlebenden in Lakehurst. 1920 führte die britische Imperial Airways die sogenannten Cabin Boys ein. Aber ein weibliches Besatzungsmitglied war den Männern im Cockpit suspekt: Sie seien zu beschäftigt, um sich während des Fluges auch noch um eine „hilflose Frau“ zu kümmern.

Weil sie nicht selber fliegen durfte, machte Church Stimpson einen anderen Vorschlag. Ihr Argument: Wenn die Menschen sähen, dass Frauen in der Luft arbeiten, hätte das nicht einen guten psychologischen Effekt, um Passagieren die Angst vor dem Fliegen zu nehmen? Zudem könne eine ausgebildete Krankenschwester an Bord nervöse Fluggäste beruhigen und nebenbei noch mit weiblichem Charme das Image der Airline aufbessern. Stimpson gefiel die Idee und er willigte in eine dreimonatige Testphase ein. Neben Church wurden sieben weitere „Sky Girls“ eingestellt.

Ellen Church und ihr Team, genannt „The Original Eight“.
Foto: National Air and Space Museum Archives

Die Anforderungen an die Bewerberinnen waren streng: Neben ihrer Qualifikation als Krankenschwester mussten die Frauen alleinstehend, jünger als 25 und höchstens 1,63 Meter groß sein, auch durften sie nicht mehr als 52 Kilogramm wiegen. Die Vorgaben hatten einen praktischen Hintergrund, denn die frühen Verkehrsflugzeuge waren bezüglich ihrer Kabinengröße und Gewichtsbeschränkungen arg limitiert.

Neben dem Servieren von Getränken und Snacks und der Ausgabe von Kaugummis für den Druckausgleich gehörte auch das Verladen von Gepäck sowie die Hilfe beim Betanken der Flugzeuge und beim Einparken in die Hangars dazu. Was heute verwundert: Außerdem sollten sie die Reisenden freundlich darauf hinweisen, keine glühenden Zigarettenstummel durch die offenen Fenster zu entsorgen. Als Bezahlung erhielten die Frauen einen Monatslohn von 125 Dollar, inflationsbereinigt etwa 1800 Dollar.

Ellen Church, die man als ausgebildete Pilotin und Krankenschwester heute als überqualifiziert bezeichnen würde, wurde Chefstewardess, ihr Team nannte sich „The Original Eight“. In einer Zeit, als das Betreten eines Flugzeugs noch alles andere als alltäglich war, stießen die Frauen bei den männlichen Besatzungen meist auf Ablehnung. Die Crews gingen davon aus, dass Frauen den Ansprüchen der Fliegerei körperlich nicht gewachsen waren. In der Regel verlangten Piloten und Copiloten von den Frauen eine militärische Begrüßung, danach wechselten sie mit ihnen kaum ein Wort. Einige eifersüchtige Pilotengattinnen sollen sogar die sofortige Entlassung der „Konkurrentinnen“ gefordert haben.

American Airlines-Stewardess mit einer Passagierin in den 1930er-Jahren.
Foto: Imago Images

An die rauen Arbeitsbedingungen in der Frühzeit der Fliegerei erinnerte sich später Harriet Fry, eines der ersten „Sky Girls“: Zwar habe der Waschraum über heißes und kaltes Wasser verfügt, aber die Toilette sei nicht viel mehr als ein Loch im Boden gewesen, der geöffnete Sitz legte den Blick auf den Himmel frei. „Bald darauf gab es chemische Toiletten, aber bei schlechtem Wetter und Turbulenzen waren die auch nicht besser.“

Dennoch wurde das Experiment mit den Flugbegleiterinnen ein Erfolg, 1935 arbeiteten schon 197 Stewardessen bei acht Fluggesellschaften. Als erste europäische Fluglinie engagierte Swissair 1934 eine Frau, die Lufthansa folgte 1938. Church erstellte ein Handbuch mit den Jobanforderungen für die „Sky Girls“, bald war sie auch für das Catering und das Auswahlverfahren neuer Flugbegleiterinnen zuständig, im Grunde die erste Managerin einer Airline.

Nur 18 Monate nach ihrem Erstflug erlitt die junge Frau allerdings einen bösen Rückschlag. Nach einem schweren Autounfall konnte sie nicht mehr in der Kabine arbeiten und musste am Boden bleiben. Nach ihrer Genesung verließ sie die Fluglinie und setzte ihre Karriere an der Universität von Minnesota als Krankenschwester fort.
Bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs war die Ausbildung zur Krankenschwester eine übliche Voraussetzung für die Arbeit als Flugbegleiterin. Danach wurden so viele Krankenpflegerinnen in der Armee benötigt, dass die Kriterien für die zivile Luftfahrt gelockert werden mussten. Erst 1942 kehrte Church in die Luftfahrt zurück, im Rang eines Captains betreute sie im Armeekrankenschwesternkorps der US-Luftwaffe verletzte Soldaten aus Afrika und Italien auf ihrem Weg in die Heimat.

Nach dem Krieg zog Church nach Indiana und arbeitete dort als Schwesternleiterin im Krankenhaus. 1964 heiratete sie Leonard Briggs Marshall, den örtlichen Präsidenten der First National Bank. Sie starb 1965 nach einem Reitunfall an einer Kopfverletzung.
In ihrer Heimatstadt Cresco ist der Flughafen „Ellen Church Field“ nach ihr benannt. In Erinnerung an das von ihr ausgebildete Team der ersten Flugbegleiterinnen, die Fluggeschichte schrieben, benannte United Airlines eine Boeing 747 „The Original Eight“. Der Rumpf der Maschine wurde mit den Namen Margaret Arnott, Jessie Carter, Ellen Church, Ellis Crawford, Harriet Fry, Alva Johnson, Inez Keller und Cornelia Peterman beschriftet.