Berlin - In die Debatte um verpflichtende Tests in den Schulen kommt keine Ruhe. Nachdem sich im Laufe der vergangenen Woche mehrere Schulleiter, Eltern und Schulpsychologen vehement gegen eine Testpflicht vor Ort aussprachen, wandte sich nun der Bezirkselternausschüsse (BEAs) in einem offenen Brief an Senatorin Sandra Scheeres (SPD). Der in dem Brief formulierten Forderung, den Schulen bei der Ausgestaltung der Testpflicht mehr Handlungsspielräume zu geben, schlossen sich die Elternvertreter aller zwölf Bezirke an.

„Noch nie zuvor in der Krise haben sich so viele Schulgemeinschaften so entschlossen gegen eine Anweisung gestellt“, heißt es in dem Schreiben, in dem betont wird, dass eine Testpflicht im Prinzip richtig sei. Das große Problem sei nicht die Pflicht an sich, sondern dass die Tests in den Schulen durchgeführt werden müssten. Stattdessen wird gefordert, die Schulen selbst entscheiden zu lassen, wie sie die verpflichtenden Tests organisieren. Es könnte stattdessen beispielsweise auch so umgesetzt werden, dass die Eltern Verpflichtungserklärungen unterschreiben, in denen das Testen zu Hause vorgeschrieben wird.

Der Testort Schule wird abgelehnt, nicht die Verpflichtung, zu testen.

Aber stellt man die einzelnen Schulen, wenn man ihnen diese Entscheidung zuschiebt, nicht vor langwierige und komplizierte Aushandlungsprozesse, angesichts der gespaltenen Meinungen in der Elternschaft und möglicherweise auch im Kollegium? „Nein“, sagt Norman Heise, Mitautor des offenen Briefes und Sprecher des Landeselternausschusses. „Ich traue den Schulen zu, hier auf demokratischem Wege zu einer für sie passenden Entscheidung zu finden. Aus uns vorliegenden Rückmeldungen haben Schulen sehr eindeutige Entscheidungen getroffen. Der Testort Schule wird darin abgelehnt und die Eltern sollen somit weiterhin zu Hause testen.“

Ganz so einheitlich, wie sich die BEAs gegen die Testpflicht in den Schulen positionieren, ist die Sicht der Schulen auf die Dinge nicht. Gerade von Brennpunktschulen wurde in der Diskussion über Präsenzunterricht immer wieder die Sorge formuliert, die Tests würden zu Hause nicht verlässlich durchgeführt. So hatte sich beispielsweise Tilmann Kötterheinrich-Wedekind, Schulleiter des Ernst-Abbe-Gymnasiums an der Neuköllner Sonnenallee, in der Berliner Zeitung klar für eine Testpflicht an den Schulen ausgesprochen. Auch IBS-Vorsitzende und Schulleiterin Astrid Sabine Busse begrüßt die Testpflicht in der Schule. „Wir sehen das sehr positiv, auch bei uns im Kollegium, weil es unserer Sicherheit dient“, sagte sie der Deutschen Presse-Agentur.

Schulleitungen werden massiv unter Druck gesetzt, Kinder an der Schultür abgewiesen

Während also die Diskussionen laufen und Verbände und Vertreter ihre Vetos einlegen, setzt die Senatsverwaltung über die Schulaufsichten der Bezirke Schulleitungen massiv unter Druck. Unter Androhung von dienstrechtlichen Maßnahmen beharrt sie auf dem Testort Schule für alle. „Ich bedaure, dass die Senatsverwaltung der Schulleitung unter Androhung disziplinarischer Maßnahmen nicht nur verboten hat, öffentlichkeitswirksame Maßnahmen gegen die verordneten Tests zu initiieren.

Es ist den Schulleitungen ferner untersagt, Kindern den Zutritt zur Schule zu gewähren, die nicht dort den Test absolviert haben“, schreibt ein Elternvertreter einer Pankower Grundschule an die Elternschaft. Obwohl Eltern und Lehrer an der Schule Tests zu Hause favorisierten, knickt die Leitung unter dem Druck der Verwaltung ein.  Die Kinder sollen am Donnerstag bereits ausgeteilte Tests wieder mit in die Schule bringen. Eltern und Kinder sind fassungslos. „Wir fühlen und übergangen und sind sauer“, sagt eine Mutter. Wir hatten die Kinder gerade beruhigen können, dass zu Hause getestet wird. Meine Tochter hat nun Angst vor einem positiven Testergebnis vor der ganzen Klasse.“ Außerdem sei es nicht hinnehmbar, dass vom ohnehin deutlich reduzierten Stundenumfang wieder Zeit verloren geht.

Eltern sehen sich einem generellen Misstrauen ausgesetzt

An einer anderen Schule nimmt die Schulleitung dagegen ein Disziplinarverfahren in Kauf, um die Entscheidung der Schulkonferenz umzusetzen. Auch hier hatten alle Beteiligten sich einhellig für verpflichtende Tests der Kinder ausgesprochen, aber im geschützten Rahmen zu Hause. Auch wenn für Brennpunktschulen ein anderes Procedere erforderlich ist, fühlen sich Eltern mit der Testpflicht in den Schulen übergangen und sehen sich einem generellen Misstrauen ausgesetzt. „Man muss Eltern doch zutrauen, dass sie sich um das gesundheitliche Wohlergehen ihrer Kinder sorgen“, sagt ein Vater.

Auch Lehrer sehen die Testungen in den Schulen kritisch. Nicht wenige haben daher Gefährdungsanzeigen an die Senatorin für Bildung, Jugend und Familie gesendet. Am Herder-Gymnasium haben Lehrer ein Video produziert, in dem sie gegen die Testpflicht protestieren und sagen, wie wenig geschützt sie sich führen. In Kreuzberg kursiert ein dementsprechender Vordruck, der etwa fehlende Impfungen anführt, die unzulängliche Versorgung mit FFP2 Masken (vier für jeden Lehrer seit Beginn der Pandemie), eine begrenzte Aussagekraft der unzulänglichen Teststrategie, eine fehlende rechtliche Absicherung der Testdurchführung und ein fehlendes pädagogisches Konzept bei positiv Getesteten. Ungeschützte Lehrer könnten das Virus von Lerngruppe zu Lerngruppe tragen, so die Befürchtung. Als Angestellte das Landes Berlin dürften sie im Krankheitsfall noch nicht  einmal mit finanzieller Absicherung durch das Land Berlin rechnen.