Meditatives Bogenschießen in der Parkanlage des Klosters Maria Laach.
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GleesGeschossen wird hinter den Klostermauern der Abtei Maria Laach. Die Schützen sind mit Bogen und Pfeil gekommen: Nicht, um eine Zielscheibe zu treffen und möglichst viele Punkte zu sammeln. Sie schießen, um den Stress loszulassen. „Im Fokus steht, dass die Menschen zur Ruhe kommen. Sie können ganz bei sich sein und weit weg von dem, was uns tagtäglich um die Ohren fliegt“, sagt Seminarleiter Martin Scholz, der „Meditatives Bogenschießen“ in etlichen Klöstern in Deutschland anbietet.

In zwei Gruppen nehmen zehn Männer und Frauen nacheinander ihre Positionen ein. Konzentriert legen sie ihre Pfeile ein, spannen die Bögen, halten kurz inne und lassen dann los: Die Holzgeschosse mit den bunten Federn fliegen in Richtung zweier Schaumstoffplatten, die komplett weiß sind. Ob und wo sie die Platten treffen – das ist nicht entscheidend, erklärt der Coach und psychologische Berater aus Dortmund. „Bogen und Pfeil sind das Werkzeug, um zu sich zu kommen.“

Bei Teilnehmerin Karina Karsch gelingt es. Sie ist Abteilungsleiterin an einer Gesamtschule in Bonn und hat auch wegen Corona besonders stressige Monate hinter sich. „Es ist hier das erste Mal, dass ich wieder durchatmen konnte“, sagt sie im Klostergarten nach ihren ersten Schüssen. „Normalerweise muss man sich auf tausend Dinge konzentrieren – hier hat man nur eine Sache, auf die man sich konzentriert.“ Das helfe sehr, den Kopf wieder freizubekommen.

Ob und wo man die Schaumstoffplatte trifft, ist nicht entscheidend.
Foto: Thomas Frey/dpa

So sieht es auch Ilona Müller aus der Nähe von Limburg. „Das hier ist eine Möglichkeit, leer zu werden.“ Und zwar, indem man aktiv etwas tut. „Das ist für mich ganz wichtig“, sagt die gebürtige Münchnerin, die mit ihrem Mann ein Nachhilfe-Institut leitet und auch traditionell Bogen schießt. Im rheinland-pfälzischen Maria Laach genieße sie auch die geistigen Impulse, die Scholz immer wieder in kleinen Schießpausen einbringt. Er spricht vom rechten Maß der Dinge, vom Loslassen, vom Sich-Finden.

50 Bogenschießen-Seminare in Klöstern bietet Scholz pro Jahr an. In diesem Corona-Jahr sei die Nachfrage nach den meist dreitägigen Auszeiten besonders groß. „Seit dem Neustart Mitte Juni sind alle meine Seminare ausgebucht gewesen“, erzählt der 55-Jährige. Für viele Menschen sei diese Zeit anstrengend und herausfordernd: „Zoom-Konferenzen, alles online: Da kommen die Menschen an ihre Grenzen. Sie genießen es dann, wieder was Praktisches zu tun und in der Natur sein zu können.“

Es ist ruhig im Klostergarten. Nur das Zischen der Pfeile hört man, ebenso wie das regelmäßige Geläut der Abteikirche. „Natürlich strahlt Maria Laach als spiritueller Ort eine gewisse Mystik aus“, sagt Scholz. Die Teilnahme an den Seminaren sei aber unabhängig von religiöser und konfessioneller Ausrichtung. Jeder sei eingeladen und keiner frage: „Bist du katholisch?“ In Maria Laach leben rund 30 Benediktiner-Mönche.

Eine Mitarbeiterin des Klosters berichtet, dass Besuche im mehr als 920 Jahre alten Gemäuer stark nachgefragt sind. Kurse seien eigentlich immer ausgebucht. In der Corona-Zeit sei die Zahl der Anfragen noch gestiegen, auch von Einzelpersonen. Die Bandbreite der angebotenen Klosterseminare reicht vom Buchbindekurs über das Haiku-Dichten bis zum Trauerseminar.

Die Abtei Maria Laach in Rheinland-Pfalz.
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Scholz, der „Bogenschießen im Kloster“ seit 2007 anbietet, ist unter anderem im Zisterzienserinnenkloster St. Marien in Helfta (Sachsen-Anhalt), in der Benediktinerinnenabtei Varensell (Ostwestfalen) und in den Benediktinerabteien Kornelimünster in Aachen, Gerleve in Billerbeck (Westfalen) und Münsterschwarzach in Unterfranken unterwegs. Von den Teilnehmern her sei alles vertreten, „von der Studentin bis zum Vorstandsvorsitzenden und von der Krankenschwester bis zum Chefarzt“. Auch altersmäßig sei es bunt gemischt: „Von 18 bis 84 Jahren war schon alles dabei, wobei die 40- bis 70-Jährigen am meisten vertreten sind.“

Benediktinerpater Anselm Grün (75) aus der Abtei Münsterschwarzach bei Würzburg sagt, dass die Corona-Pandemie bewege: „Viele Menschen suchen nach Spiritualität“, sagt der Bestsellerautor. „Ich denke, diese Sehnsucht, zur Ruhe zu kommen, ist für mich letztlich eine spirituelle Sehnsucht.“ Menschen spürten, dass „wenn die Aktivität wegfällt, wenn die Flucht ins Tun wegfällt, die Frage kommt: Wie komme ich mit mir selbst zurecht, wenn ich in mich hineinschaue?“

Auch ihn erreichen derzeit viele Anfragen – per Mail und Brief – von Menschen, die zurecht kommen wollten mit dem Alleinsein und der Frage: Wie schaffe ich das? Erkennbar sei: „Für die Gesellschaft ist es sicherlich eine außergewöhnlich schwierige Zeit, weil die Fundamente erschüttert werden.“

Neue Perspektiven will auch Bogenschützin Sylvia Rahders aus der Nähe von Aachen bei dem Seminar in Maria Laach finden. Sie sei privat in einer Umbruchsituation und beruflich als Leiterin einer integrativen Kita sehr gefordert. Nach ein paar Schüssen sagt sie: „Hier kann ich loslassen, es ist genial.“ Der Kopf bekomme Impulse, in eine andere Richtung zu schauen.