Herr Lehrer, ich weiß es! y = mx + n. Die meisten erinnern sich bestimmt.
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BerlinAuch wenn man zehn Jahre raus ist aus der Schule – das Gefühl kommt schnell zurück. Direktor Robert Giese, der sich eben noch zuvorkommend verabschiedet hat, schaut Sekunden später strafend einen Schüler an, der gerade versucht, sich unauffällig an ihm vorbeizudrücken. „Du bist zu spät“, sagt er, in diesem ganz speziellen Lehrerton. „Sorry, Herr Giese“, murmelt er zurück, und man duckt sich gleich ein bisschen mit.

Doppelstunde Mathe, Dienstagmorgen um acht Uhr in der 9. Klasse an der Fritz-Karsen-Gemeinschaftsschule in Britz. Hier sitzen alle in einem Raum: Zukünftige Einser-Abiturientinnen, Schüler, die nach dem MSA gehen, nach der Berufsbildungsreife, Schülerinnen mit sonderpädagogischem Bedarf. Werfen sich Radiergummis zu. Drehen sich grinsend um, wenn einer zu stottern anfängt. Strahlen niedlich auf, wenn der Sitznachbar eine halbe Stunde nach Unterrichtsbeginn auch noch hereinschlurft.

Überfordert wirken die Teenies nicht. Mathe halt. Heute: die Funktionsgleichung. Auf dem Polylux schiebt Lehrer Robert Piasek einen Strich auf einem Koordinatensystem umher. y = mx + n. Sie erinnern sich.

Die Veröffentlichung der Ergebnisse der aktuellen Pisa-Studie liegt zu diesem Zeitpunkt noch etwa eine Stunde in der Zukunft. Danach: Unzufriedenes, aber doch hörbares Ausatmen. Deutsche 15-Jährige liegen deutlich über dem OECD-Durchschnitt, in allen drei Testgebieten: Mathematik, Naturwissenschaften, Lesekompetenz. Der Pisa-Schock 2.0: Er bleibt aus.

Schlechter als 2015 und 2016

Kristina Reiss und ihr Team, die an der TU München den deutschen Teil der Studie koordinieren, bezeichnen die Ergebnisse als „durchaus akzeptabel“. Mehr aber auch nicht: Obwohl Deutschland seit den ersten Ergebnissen 2001 eine massive Verbesserung gelungen ist, haben die Schülerinnen und Schüler im Vergleich zur letzten Studie, durchgeführt 2015, veröffentlicht 2016, wieder schlechter abgeschnitten.

„Gleich umdrehen, zurück auf den Hof!“ Die Mathestunde ist vorbei. Lehrer Robert Piasek steht nun auf dem Flur im Erdgeschoss der Schule und bewacht die Tür vor frischluftscheuen Schülerinnen, die ihre Pause lieber im Warmen verbringen würden. „Das wird jetzt noch ein paar Minuten so gehen“, erklärt er, „aber wir können gleichzeitig raus auf den Hof!“ Er ist 32 Jahre alt und schon seit dem Referendariat an der Fritz-Karsen-Schule, im siebten Jahr inzwischen.

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Was hält er von der Lesekompetenz seiner Schüler, in diesem Jahr Schwerpunkt der Pisastudie? „Riesenproblem“, sagt Piasek. „Lesen, schreiben …“, ruft eine Deutschkollegin dazwischen, die gerade die Treppe hochsteigt. Um längere Texte gehe es ja eher bei den Gesellschaftswissenschaften, ergänzt Piasek, aber er merke es schon bei den Matheaufgaben, selbst bei den leistungsstarken Schülerinnen und Schülern. „Da fehlt es wirklich an den Basics: lesen, filtern, fremde Begriffe aus dem Kontext heraus verstehen.“

Und ist daran, wie Manfred Spitzer („digitale Demenz“) und Konsorten vermuten, wirklich das Handy schuld? Was das Schreiben betrifft, ist sich Piasek da relativ sicher: „Man merkt selbst in der Oberstufe, dass es kein Grundbewusstsein für Groß- und Kleinschreibung gibt, weil das ja die Maschine übernimmt.“

Das Schulsystem ist schuld

Trotzdem sei es ihm zu einfach, alles auf das Handy zu schieben. Er selbst habe bis zur zehnten Klasse auch kein Buch in die Hand genommen, sagt Piasek, und konnte trotzdem einen Text analysieren. „Ich würde sogar behaupten, dass die Schüler durch das Handy heute mehr lesen als früher. Aber natürlich lesen sie anders, eher Kurznachrichten, keine längeren Sachen. Und wenn alles, was sie außerhalb der Schule an Wissen bekommen, über Videos vermittelt wird – wo soll Lesekompetenz dann herkommen?“

Die Pisastudie hat ergeben, dass deutsche Schülerinnen und Schüler zwar international mit am besten über Lesestrategien informiert sind. Leider wenden sie ihr Wissen nicht an. Piasek bestätigt aus der Praxis: „Es gibt genug Methoden, und eigentlich sollen wir die auch regelmäßig trainieren. Aber das geht im Alltag oft einfach unter.“

Zurück ins Büro des Direktors. Robert Giese ist 30 Jahre älter als sein junger Kollege, gebürtiger Ostberliner und leitet die Fritz-Karsen-Schule seit 13 Jahren. Auf die Pisa-Studie angesprochen lächelt er milde. Tests, die nur auf Leistungen schauen, ohne zu berücksichtigen, wo ein Kind startet, sind für seine tägliche Arbeit uninteressant. Das zentrale Pisa-Ergebnis, für ihn wie für viele andere Lehrerinnen und Lehrer im Land, alle Jahre wieder: In wenigen anderen Ländern hängt der Schulerfolg so stark vom Elternhaus ab wie in Deutschland.

Das mehrgliedrige Schulsystem, sagt Giese, segregiert die sozialen Schichten, diskriminiert Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund, steht der Inklusion im Weg. „Den Bildungserfolg vom Elternhaus zu entkoppeln, schafft nur eine Schulform: die Gemeinschaftsschule“, sagt Giese. Es dürfte keine andere Schulform mehr geben, bundesweit. Doch dass sich diese Idee in nächster Zeit durchsetzen wird, scheint auch er nicht zu glauben.