Beim Voranschreiten zum Erfolg ist das Scheitern ein wichtiger Stein im Mosaik. Löwen an der Prozessionsstraße von Babylon, 6. Jh., im Vorderasiatischen Museum in Berlin (Pergamon Museum).
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BerlinDie Wissenschaft ist manchmal gnadenlos. Was scheitert, wird schnell vergessen. Ab­gelehnte Projektanträge verschwinden in der Versenkung und werden nur selten so um­gearbeitet, dass sie eine neue Chance haben. Die in sie in­vestierte Zeit scheint totes Kapital zu sein, das bestenfalls Hoffnung auf Erfahrungs­gewinn bietet: den einzigen Trost der Erfolglosen. Eine wirkliche Kultur des Schei­terns gibt es, anders als manche Beschwörungsformel suggeriert, im Wissenschafts­system nicht. Dabei kann man aus falschen Hypothesen, misslungenen Versuchen, fehl­gegangenen Theorieannahmen und sachlich widerlegten Vermutungen vieles lernen. Die Erkenntnis des richtigen Weges resultiert aus der Beschäftigung mit den Gründen für früheres Scheitern.

Damit das besser funktioniert, muss das Wissenschaftssystem seine Fehlerkultur wei­terentwickeln. Der Utrechter Student Stefan Gaillard hat kürzlich mit einigen Kommilitonen eine Zeitschrift für Versuch und Irrtum, das „Journal of Trial and Er­ror“ ins Leben gerufen. Sie will eine Plattform für die Diskussion über das Scheitern bei Forschungsprojekten etablieren. Das Gündungsmanifest bezeichnet drei wesentliche Problemfelder, die das Thema bestimmen: ein wissenschaftliches Leistungssystem, das Entdeckungen und Innovationen prämiert, aber für Misserfolg keinen Platz hat; die Diskrepanz zwischen dem, was publiziert wird, und dem, was im Forschungsalltag wirklich geschieht; und das Dilemma, dass zahlreiche Studien nur einmalige Ergebnisse dokumentieren, die in weiteren Experimenten nicht wiederholt nachgewiesen werden können.

Mit diesem Manifest präsentiert sich die Initiative als Versuch, die Wissenschaftskultur selbst zu verändern. Die manchmal glatten Selbstbeschreibungen des Forschungs­sy­stems treffen, so die Diagnose, vielfach nicht die Wirklichkeit. Allzu oft gehe es nur um Mar­keting durch Erfolgsformeln, ohne dass die Brüche und Widersprüche im Erkennt­nisprozess sichtbar werden. Größere Ehrlichkeit ist auch in zwei anderen Bereichen geboten. Alle Forscherinnen und Forscher sind seitens der Herausgeber dazu auf­gerufen, von eigenen Fehlschlägen zu berichten. Und sie sollen ihre Expe­rimente stär­ker als in der Vergangenheit darauf prüfen, inwiefern die Ergebnisse wirk­lich wieder­holbar sind. Das alles gehört zu einer Wissenschaftskultur, die im besten Sinn des Wor­tes transparent und deren Arbeitsresultate auch für die Öffentlichkeit nach­voll­zieh­bar sind.

Die Initiatoren berichten davon, dass ihr Manifest viel Zuspruch erfahren habe. Vor allem aus den Naturwissenschaften gab es große Resonanz. Aber auch die Geistes­wissenschaften sollten sich klar darüber sein, dass sie eine Bringschuld gegenüber der Öffentlichkeit haben, wo es um ihre Arbeit geht. Weshalb eine Philosophin bestimmte Hypothesen formuliert und welche Quellen ein Historiker auswählt, muss hinreichend nachvollziehbar begründet werden. Erkenntnis hat nicht nur mit Ergebnissen, sondern auch mit dem Weg zum Resultat zu tun. Der irische Literaturnobelpreisträger Samuel Beckett schrieb einmal: „Immer gescheitert. Einerlei. Wieder versuchen. Wieder schei­tern. Besser scheitern.“ Dieses Motto wäre tauglich auch als Programm für die sonst so fortschrittsorientierte Wissenschaft. Denn Scheitern ist ein Mosaikstein im Gesamtbild des möglichen Erfolgs.

Der Autor ist Präsident der Hochschulrektorenkonferenz.