Schule mit Mundschutz: Am Montag ging der Unterricht wieder los.
Foto: Andreas Klug

Berlin„Stopp! Wie viel sind 1,50 Meter?“ sagt Christian Briegleb. Eine Schülerin grinst unsicher und tritt einen Schritt zurück. Es ist acht Uhr morgens. Vor dem Haupteingang der Friedensburg-Oberschule in Charlottenburg stehen nun in einem perfekten Halbkreis vier Schüler um Briegleb herum. 

„Sehr gut!“ sagt der zufrieden und rattert die Ansage herunter, die er an diesem Vormittag noch Dutzende Male wiederholen wird: „Ihr geht jetzt im Treppenhaus A hoch bis auf die Etage, in der eure Gruppe Unterricht hat. Dann wascht ihr euch als Erstes die Hände, immer nur eine Person in den Toiletten. Und erst dann geht ihr ins Klassenzimmer. Dabei haltet ihr die ganze Zeit diesen Abstand. Und nach der Stunde kommt ihr bitte durchs Treppenhaus B wieder runter.“ Dann ruft er „Halt, einer nach dem anderen!“, weil zwei der Angesprochenen vor lauter Erleichterung gleichzeitig zur Tür streben. Sein Kollege grinst und sagt: „Wir sind die bestbezahlten Türsteher Berlins.“

Schlangen gibt es an diesem Montagmorgen vor hunderten weiterführenden Schulen in Berlin: Etwa 28.000 Zehntklässlerinnen und Zehntklässler strömen seit heute wieder in die Schule. Die schriftlichen MSA-Prüfungen hatte Schulsenatorin Sandra Scheeres (SPD) zwar in der vergangenen Woche abgesagt. Doch die Ansage, dass die Zehntklässler schon eine Woche, bevor bundesweit schrittweise der Unterricht wieder aufgenommen wird, wieder in die Schule kommen sollen, gilt weiterhin.

Hier an der Friedensburg-Schule, Integrierte Sekundarschule und Staatliche Europaschule, kommen an diesem Montagmorgen besonders viele an. Neben rund 200 Zehntklässlern schreiben heute auch noch knapp 50 Abiturientinnen und Abiturienten ihre Spanisch-Leistungskurs-Prüfung. Die Schülerinnen und Schüler wurden in Neuner-Gruppen aufgeteilt und per Email über ihre Ankunftszeit informiert. Alle 15 bis 20 Minuten treffen sie ein – natürlich oft in Grüppchen, die meisten sind ja auch gerade aus engen öffentlichen Verkehrsmitteln gestiegen. Erst wenn die Schule in Sichtweite ist, streben sie etwas auseinander.

Auf den Fluren markiert orangefarbenes Tape: So lang sind 1,50 Meter.

Während die Zehntklässler heute den Haupteingang nutzen, kommen die Abiturienten über den Schulhof in ihre Prüfungsräume. Hier steht Schulleiter Sven Zimmerschied wie ein Verkehrspolizist, zeigt immer wieder auf die drei Türen, ruft die Nachnamen der Kursleiter und scheucht zwischendurch Abiturienten auf, die kurz vor der Prüfung um neun noch mal die Köpfe zusammenstecken wollen. „Das mit den Abständen hat letzte Woche aber besser funktioniert“, sagt er unzufrieden.

Abstand halten ist schwierig, und nicht nur, weil der Gehsteig vor der Friedensburg-Schule sehr schmal ist. Die meisten Schülerinnen und Schüler haben sich seit fast sechs Wochen nicht mehr gesehen, doch die Erster-Schultag-nach-den-Sommerferien-Stimmung will nicht so recht aufkommen. Umarmen ist verboten, in Grüppchen zusammenstehen ebenfalls, überall hängen Schilder mit Verhaltensanweisungen. Orangefarbenes Tape auf den Fluren soll den Schülern verdeutlichen: So lang sind 1,50 Meter. „Es nervt, wenn man ständig ermahnt wird, auseinanderzugehen“, sagt Zehntklässlerin Joanna. „Die Atmosphäre ist angespannt“, findet auch Emily, die neben ihr steht.

Wie viele ihrer Mitschüler haben sie sich gefreut, wieder in die Schule gehen zu dürfen. Das Lernen zu Hause, berichten die beiden, sei anstrengend gewesen. „Wenn du eine Frage hast, kannst du nur googeln oder in den Klassenchat schreiben, und bis der Lehrer dann antwortet, dauert es manchmal“, sagt Joanna. Ihren ersten Schultag haben die beiden um kurz nach zehn aber schon wieder hinter sich. Nun lautet die Anweisung: auf direktem Weg zurück nach Hause.

Die Friedensburg geht es am Montag langsam an: Erst mal wieder ankommen, fragen, wie es allen geht, die neuen Regeln erklären, 60 Minuten pro Gruppe, dann kommen die nächsten – bis mindestens 15 Uhr wird es an der Friedensburg heute dauern, bis alle Zehntklässler in der Schule waren. Die meisten sitzen im Stuhlkreis zusammen, bei offenen Türen und Fenstern. Geht alles noch.

Tische, Stühle, Klinken – laut Hygieneplan sollen alle Oberflächen mehrmals am Tag gereinigt werden.

Schwierig wird es hier am Dienstag, wenn eigentlich der Unterricht im Zweischichtbetrieb beginnen soll – Deutsch, Mathe, die erste Fremdsprache. Der Musterhygieneplan der Senatsschulverwaltung, der die meisten Schulleitungen erst am Freitag erreicht hat, sieht unter anderem vor, dass Tische, Stühle, Türklinken und andere Oberflächen „mehr als einmal pro Tag gereinigt“ werden müssen. Wie das gerade jetzt klappen soll, wo doch die Schulreinigung seit Jahren ein Riesenproblem ist in Berlin, ist völlig unklar.

Schulleiter Sven Zimmerschied hat beim Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf wegen einer Zwischenreinigung angefragt, bereitet sich aber schon darauf vor, dass er die Nachmittagsschicht morgen wieder absagen muss. Denn selbst wenn die Zwischenreinigung kommt: „Hier putzt normalerweise eine Person vier Häuser, das reicht doch nicht“, sagt er. Nur eine von vielen Ungewissheiten, die er in den nächsten Tagen noch klären muss. Denn kommende Woche soll es noch voller werden: Dann kommen auch die Neunt- und die Zwölftklässler wieder zurück in die Berliner Sekundarschulen.