Schulanfänger (Symbolbild)
Bild: dpa/Ralf Hirschberger

BerlinTrotz Forderungen aus den eigenen Reihen und der Opposition wird der Senat die Einschulungsuntersuchungen der zukünftigen Erstklässler voraussichtlich nicht großflächig nachholen lassen. Seit Beginn der Corona-Pandemie im März waren Tausende der Pflichtuntersuchungen abgesagt worden – wegen der Kontaktsperren, aber auch, weil die Gesundheitsämter seit Wochen jeden verfügbaren Mitarbeiter zum Überwachen, Testen und Nachverfolgen von Corona-Infektionen brauchen.

Die Fraktionsvorsitzende der Grünen Silke Gebel hatte Schulsenatorin Sandra Scheeres (SPD) am Wochenende in der Berliner Zeitung aufgefordert, ein „Einschulungskonzept“ vorzulegen. Und der frühere Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) schlug vor, das medizinische Personal, das sich zum Einsatz in der derzeit leeren Corona-Notklinik auf dem Messegelände gemeldet hat, stattdessen die Schuleingangsuntersuchungen durchführen zu lassen. Die Tests seien „enorm wichtig“, sagte Czaja im Tagesspiegel. „So lässt sich früh der Entwicklungsstand von Kindern begutachten. Und wenn nötig, auf individuellen Förderungsbedarf reagieren.“

Von der Idee, fachfremde Mediziner die Tests durchführen zu lassen, halten Fachleute aber wenig. Die Spandauer Amtsärztin Gudrun Widders sagte der Berliner Zeitung: „Die Kinderärzte von den Kinder- und Jugendgesundheitsdiensten sind Spezialisten, die darauf geschult sind, diese Eingangsuntersuchung auf eine ganz bestimmte Art und Weise durchzuführen.“ Auch die Senatsgesundheitsverwaltung teilte am Montag mit, die Einarbeitung fachfremder Ärztinnen und Ärzte für diese Aufgabe würde zu lange dauern und müsste zudem über die Gesundheitsämter realisiert werden.

Sowohl Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci als auch Scheeres teilten am Montag über ihre Sprecher mit, dass man nicht davon ausgehe, dass die Untersuchungen großflächig nachgeholt werden könnten. Bei Einschulungsuntersuchungen wird der Gesundheitszustand jedes Kindes genauso erfasst wie der Entwicklungsstand von Fähigkeiten, die wichtig sind für eine erfolgreiche Schulkarriere: Sprachstand, Sehen, Hören, motorische und kognitive Fähigkeiten.

Auf der Basis der Untersuchung, die normalerweise von den Kinder- und Jugendgesundheitsdiensten der Gesundheitsämter durchgeführt werden, werden zum Beispiel Förderempfehlungen ausgesprochen – diese werden jetzt einigen Schulanfängern fehlen. „Das ist sehr schade. Diese Untersuchung hat ja den Sinn, dass Schulen sich auf die neue Schülerkohorte vorbereiten und Förderangebote bereitstellen können“, sagte Norman Heise, Vorsitzender des Landeselternausschusses.

Die Gefahr, dass nun Tausende Erstklässler an die Schulen kommen könnten, die nicht „schulreif“ sind, sehen mehrere Schulstadträte und die Senatsbildungsverwaltung aber nicht – für die Zurückstellung eines Schülers oder einer Schülerin um ein Jahr sei die Untersuchung eher nicht der ausschlaggebende Faktor. Sind sich Kita und Eltern über die Schulreife eines Kindes uneinig, entscheiden beispielsweise das zuständige Schulpsychologische und Inklusionspädagogische Beratungs- und Unterstützungszentrum (SIBUZ), so die Senatsverwaltung.

Auch Amtsärztin Widders sagte, die schwierigsten Fälle seien den Ämtern meist schon vorher bekannt und trotz Pandemie auch untersucht worden. Dass die Einschulungsuntersuchungen wegfallen, sei dennoch „schlimm“: Die Eingangsschuluntersuchung ist eine der letzten Untersuchungen, der sich jeder Mensch in Deutschland einmal unterzieht – das macht ihre Ergebnisse zu einem wertvollen Datensatz für die öffentliche Gesundheit.

Widders nennt sie eine „Rundum-Untersuchung“, die flächendeckend den Gesundheitszustand aller zukünftigen Erstklässler erfasst. „Das sind wichtige Daten, aus denen sich Handlungsnotwendigkeiten und politische Strategien ergeben, und die werden uns für diesen Jahrgang nun fehlen“, erklärte die Amtsärztin. In den vergangenen Jahren hatten die Ergebnisse der Schuleingangsuntersuchungen regelmäßig Aufsehen erregt: So hatten im Jahr 2017 zum Beispiel fast jedes dritte Kind in Berlin Koordinationsprobleme, und mehr als jedes vierte wies Sprachdefizite auf.