Berlin - Im September sorgte Verena Pausder mit ihrem Buch „Das neue Land“ für Furore und mit ihren Thesen über eine rasche Digitalisierung der Schulen. In den letzten sechs Wochen hat die frühere Unternehmerin sich das Recht genommen, offline zu sein. Schrieb man ihr eine Email, kam eine Abwesenheitsnotiz mit dem Satz „Die Ruhe zieht das Leben an“. Sie hat ihren Kindern beim Homeschooling geholfen, viel gelesen und nachgedacht – zum Beispiel darüber, wie man das Krisenmanagement an den Schulen verbessern kann.

Seit der letzten Ministerpräsidentenkonferenz wissen wir, dass den meisten Schülern noch ein Monat Homeschooling blüht. Was schlagen Sie vor, um das Krisenmanagement zu verbessern?

Also was man in den nächsten vier Wochen kurzfristig tun kann, um die Situation spürbar zu verbessern? Im Moment wird zu sparsam umgegangen mit Videokonferenzen, Ziel muss sein, dass es mindestens drei Check-ins mit jedem Kind pro Woche gibt und die Lehrkräfte fragen können: Wie geht’s dir, wie kommst du voran und brauchst du Hilfe?

Brauchen wir nicht erst einmal eine klare Diagnose? Ich denke, jede einzelne Schule müsste der Berliner Senatsverwaltung reporten, was ihr fehlt, und bestimmte Fragen beantworten: Wie viele Schüler brauchen noch Geräte? Wie viele nehmen kaum oder gar nicht am Unterricht teil? Welche Schulcloud wird genutzt und wie viele Lehrer können damit arbeiten? Durch dieses Reporting könnte die Senatsverwaltung einen Überblick bekommen, dann ein Budget und eine Taskforce einsetzen, die die dringendsten Probleme der Schulen abarbeitet.

Absolut richtig. Nur wäre dieses Reporting idealerweise schon längst erstellt worden. Aber es bringt ja nichts nur zu meckern. Also Punkt 1: Daten – Faktengrundlage schaffen. Punkt 2: Check-ins mit jedem Kind. Punkt 3: Soforthilfe leisten, indem wir alle Online-Nachhilfe Anbieter – Gostudent, Studienkreis, Sofatutor etc. – an einen runden Tisch einladen und sagen: Wir brauchen jetzt eure Unterstützung! Wärt ihr bereit, für eine gewisse Zeit auf eure Gewinnmarge zu verzichten? Dann kauft der Staat eure Nachhilfe-Stunden zum Selbstkostenpreis und gibt sie kostenlos an die Kinder, die zu Hause auf sich allein gestellt sind. Damit könnte man morgen anfangen.

Könnte man nicht sagen: Jeder Schüler, der im Halbjahreszeugnis die Note 5 hatte, bekommt sofort einen Gutschein für 20 Online-Nachhilfestunden in dem betreffenden Fach?

Ja, dann müssten wir nicht zuerst Kriterien für die Allokation entwickeln: So könnten die Kinder verpassten Lernstoff aufholen, aber auch eine betreute Lernumgebung aufsuchen.

Was könnte man noch tun?

Warum ist nicht jeder Schüler längst Teil einer kleinen virtuellen Lerngruppe, vom Lehrer zusammengestellt, damit nicht nur die besten Freunde zusammenhängen, sondern die Lernschwächeren mit den Lernstärkeren arbeiten. Das wäre eine sinnvolle Maßnahme, die keinen Cent kostet und die man sofort umsetzen könnte.

Sieben Vorschläge für ein bessere Corona-Krisenmanagement (kurzfristig!)

  • Daten- und Faktengrundlage schaffen: Reporting der Schulen an die Bildungsverwaltung
  •  Online-Nachhilfe - etablierte Firmen bieten ihre Dienstleistung zum Selbstkostenpreis
  • Staat finanziert Gutscheine für Schüler, die es wollen und brauchen 
  • Schulen bekommen deutlich mehr Autonomie und ein Krisenbudget
  • Homeschooling: 3 Video-Check-ins mit jedem Kind pro Woche. 
  •  Lehrer bilden Gruppen aus lernstärkeren und schwächeren Schülern
  • Taskforce - um die Bildungsflatrate umzusetzen, Geräte in Betrieb zu nehmen, digitalen Unterricht zu optimieren

Ist das Problem mit den Flatrates für Schüler inzwischen gelöst?

Also, die Kanzlerin hat sich ja eine sogenannte Bildungsflatrate gewünscht und Unternehmen wie die Telekom oder Vodafone haben die auch angeboten. Es heißt, dass staatlich anerkannte Schulträger diese Flatrate kostenlos abrufen können, aber wie viele das schon gemacht haben? Ich weiß es nicht. So etwas wird ja nirgendwo erhoben, womit wir wieder beim oben geforderten Reporting wären.

Warum sind all diese Veränderungen im Bildungsbereich so zäh? Sind die bürokratischen Prozesse zu kompliziert? Sind Politik und Verwaltung bloß fantasielos oder total überfordert? Und müsste man nicht eine Taskforce einsetzen, in der Politik, Verwaltung, Unternehmen und engagierte Zivilgesellschaft zusammenwirken?

Ja, aber diese Taskforce müsste wirklich eine Force sein und kein Stuhlkreis, wo jeder mal einen Vorschlag macht. Denn die Vorschläge haben wir schon. Veränderungen im Bildungsbereich sind deshalb so zäh, weil viel zu viele mitreden. Für ein kurzfristiges Krisenmanagement wäre es klüger, den Schulleitungen mehr Autonomie zu geben und ein Krisenbudget. Wir müssen endlich aufhören, die Schulen zu bevormunden und ihnen im Zwei-Wochen-Takt die nächste Auflage vorzulegen. Sobald die Sieben-Tage-Inzidenz kleiner ist als 100, sollte jede Schule es so machen dürfen, wie es für sie passt.

Sie sagten, ein Stuhlkreis reiche nicht, im Dezember wurde ein Digitalisierungsbeirat berufen für Frau Scheeres, wissen Sie zufällig, wer da drin sitzt?

Nein, bisher wusste ich gar nicht, dass es den gibt. Aber macht so ein Beirat die Schulen wirklich handlungsfähiger? Taskforce heißt für mich: Wir schalten jetzt mal 50 Betriebe zusammen, die den Schulen dabei helfen, die Bildungsflatrate zu implementieren, digitale Geräte in Betrieb zu nehmen, digitalen Unterricht zu optimieren oder Luftfilter einzubauen. Mit einer Hotline und einem Online-Kalender für die Terminplanung. Und wir sagen, unter einer Inzidenz von 100 dürfen die Schulen frei entscheiden, ob sie Präsenz-, Wechsel oder Distanzunterricht machen wollen. Das würde mir als Schulleiterin helfen!

Zur Person

Das Handelsblatt wählte sie zur „Vordenkerin 2020“. Geboren wurde Verena Pausder 1979 in Hamburg, bekannt wurde sie als Gründerin von „Fox & Sheep“ – einem Unternehmen, das hochwertige Apps für Kinder entwickelt. Nach dem Verkauf des Unternehmens blieb sie bis 2019 Geschäftsführerin. Pausder ist Vorstand des Vereins „Digitale Bildung für Alle“, während des ersten Lockdowns initiierte sie die Webseite: homeschooling-corona.com und den #wirfürschule-Hackathon. Pausder hat drei Kinder und lebt mit ihrer Familie in Berlin. Im September erschien ihr erstes Buch „Das neue Land: Wie es jetzt weitergeht“.

Aber so wie ich Deutschland kenne, wäre das schulrechtlich wahrscheinlich gar nicht möglich.

Natürlich muss man das prüfen, aber was haben wir jetzt nicht alles außer Kraft gesetzt? Und warum sind wir bei den Schulen dann so unglaublich vorsichtig? Während wir zugleich die katastrophalen Auswirkungen der Krise bei Kindern und Jugendlichen in Kauf nehmen: Vereinsamung, häusliche Gewalt, Essstörungen, psychische Schäden. Die gesellschaftlichen Kosten, hier nicht flexibler und mutiger zu werden, sind riesig.

Fünf Treiber für die digitale Transformation der Schulen (mittel und langfristig!)

  • IT-Administratoren
  • Lehrerfortbildung
  • Ganzheitliche Schulentwicklung
  • Hochwertige digitale Lerninhalte
  • Eine führungsstarke und mutige Bildungspolitik

Was braucht es, um die digitale Transformation der Schulen langfristig voranzutreiben?

Für die Wartung und Weiterentwicklung der IT-Infrastruktur braucht jede Schule einen IT-Hausmeister. Aber es fehlen die Fachkräfte, und das hemmt jegliche Transformation, wenn im Kollegium keiner dafür ausgebildet ist – und die Geräte an den Schulen herumliegen, teilweise veralten, wenn nicht klar geregelt ist, wer kümmert sich, wenn sie kaputtgehen?

In Ihrem Buch schlagen Sie eine System-Administratoren-Allianz vor: Unternehmen verleihen Ihre IT-Administratoren für einen Tag pro Monat an Schulen.

Es sind schon Unternehmen auf mich zugekommen. In NRW und Bayern gehen wir gerade in die Pilotphase und probieren das aus. Und wenn wir wissen, wie es funktioniert, können beliebig viele Unternehmen bei uns andocken.

Wer außer den IT-Administratoren ist Treiber der Transformation?

Bisher sind Schulen davon abhängig, dass es Lehrer gibt, die als „change agents“ auftreten können. Wo sie fehlen, müssen sie ausgebildet werden. Die Plattform „Schultransform“, die im Auftrag des Kanzleramts entwickelt wird, will Schulen ganzheitlich bei der Transformation unterstützen. Erst wird der Ist-Zustand analysiert und dann gefragt: Braucht ihr Hilfe bei der Personalentwicklung, der technischen Ausstattung oder dem pädagogischen Konzept?

Also Treiber 1 – IT-Administratoren, Treiber 2 – Lehrerfortbildung, Treiber 3 – ganzheitliche Schulentwicklung. Und Treiber 4?

Lehrinhalte – also die Frage, wie kommen die digitalen Lernangebote an die Schulen? Mir schwebt da ein Spotify-Modell vor: Alle tauglichen Angebote werden von staatlicher Seite zertifiziert. Und die Lehrer und Schüler können sie über eine Schnittschnelle in einem Schul-App-Store abrufen. Idealerweise schließt die Schule eine einmalige Schullizenz ab und kann dann sämtliche Inhalte nutzen.

Treiber 5 – andere Politik? Sandra Scheeres ist ja sehr in die Kritik geraten im Januar, bei der nächsten Wahl wird sie nicht mehr antreten. Wenn wir uns eine neue Bildungssenatorin oder einen neuen Bildungssenator wünschen könnten, was müsste diese Person für Eigenschaften haben?

Sie müsste führungsstark sein und mutig. Denn es ist an der Zeit, verkrustete Strukturen aufzubrechen. Veränderung tut weh, aber die Veränderung ist überfällig. Wir sind in Berlin ja eher Bildungsschlusslicht als Bildungsvorbild. Und damit das anders wird, brauchen wir eine kleine Revolution.

Welche Eigenschaften bräuchte Mrs. oder Mr. Education noch?

Durchhaltevermögen. Denn wahrscheinlich gibt es keinen unbeliebteren Job in dieser Stadt als den der Bildungssenatorin. Irgendwo brennt es immer, und dann wird man dafür verantwortlich gemacht. Das hat aber wenig mit der eigenen Person zu tun, sondern ist systemimmanent, weil die Emotionen nun mal hochkochen, wenn es um Schule geht, um Eltern und Kinder.

Wahrscheinlich müsste die Person auch digitalaffin sein, oder?

Der Zukunft zugewandt – damit nicht immer nur die Pfründe der Vergangenheit verteidigt werden und diejenigen, die vom bisherigen Bildungssystem profitieren.