Berlin - Werdende Mütter und frischgebackene Eltern kennen es: Von allen Seiten wird man mit gut gemeinten Ratschlägen überhäuft. Freunde, Großeltern, Kollegen – jeder hat den ultimativen Tipp parat. Und zwischen all den Anekdoten und Mythen rund um das Thema Baby stehen die übermüdeten Eltern und fühlen sich oft ziemlich allein mit ihrer Angst, alles falsch zu machen. So ging es auch Emily Oster, als sie vor zehn Jahren ihr erstes Baby erwartete und sich darüber wunderte, dass sie nirgends gut begründete Antworten auf einfache Fragen fand. Wie viel Kaffee ist okay? Schadet ein Glas Wein meinem Baby? Oster tat daraufhin das, was sie als Wirtschaftswissenschaftlerin am besten konnte: Sie suchte alle Studien heraus, die sie finden konnte, analysierte und wog ab. Aus Osters ganz persönlicher Mission wurde ein Buch, das man heute jeder Schwangeren schenken möchte, weil es nüchtern und gelassen dazu ermutigt, selbstbestimmt zu entscheiden, was gut für einen ist: „Expecting Better“, erschien 2013, sechs Jahre später folgte „Cribsheet“ über das erste Jahr mit dem Baby. Beide Bücher wurden Bestseller und sind jetzt auf Deutsch übersetzt worden.

Jede Generation hat ihren eigenen Erziehungsexperten. Haben Sie eine Erklärung dafür, warum die Millennials sich so sehr in Ihrem Ansatz wiederfinden, Elternschaft datengetrieben anzugehen?

Emily Oster: Diese Generation ist es gewohnt ist, auf die Daten zu schauen, das gilt für alle Lebensbereiche, insbesondere aber für die eigene Gesundheit. Wer seine Schlafphasen oder seine Herzfrequenz beim Joggen aufzeichnet, geht mit derselben Haltung an seine Schwangerschaft heran.

Foto: Matthew Gilson/Piper Verlag
Zur Person

Emily Oster, geboren 1980, studierte Wirtschaft an der Harvard-Universität in Boston. Heute ist sie Professorin für Ökonomie an der renommierten Brown University. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Entwicklungs- und Gesundheitsökonomie, unter anderem untersucht sie die Säuglingssterblichkeitsrate in den USA. Oster lebt mit ihrem Mann, der ebenfalls Ökonom ist, und ihren beiden Kindern an der amerikanischen Ostküste.

Es gibt heute ein riesiges Angebot an Informationen für Schwangere: Blogs, Apps, Ratgeber-Seiten im Internet, Instagram. Gleichzeitig sind junge Eltern heute so verunsichert wie nie. Warum ist das so?

Es gibt sehr viele Informationen, aber vieles widerspricht sich. Es ist schwer zu erkennen, was davon stimmt. In der Schwangerschaft hat man vielleicht noch Zeit, sich das alles durchzulesen, aber wenn das Kind erst mal da ist, passiert ständig etwas Neues. Manchmal ist es gut, sich dann zu fragen: Was sind die wirklich wichtigen Dinge? Ich musste erst lernen, dass es nicht die eine Entscheidung gibt, von der alles abhängt.

Klare Empfehlungen sind dann doch eigentlich hilfreich, also: kein Alkohol in der Schwangerschaft, kein Kaffee, Stillen ist das Beste. Was stört Sie daran, dass Schwangeren und jungen Müttern diese strikten Regeln auferlegt werden?

Bei diesen Regeln geht es wenig um das Wohlbefinden der Mütter. Wenn es auch nur den kleinsten Hinweis gibt, dass aus einem bestimmten Verhalten ein Risiko für das Kind entstehen könnte, dann verbieten wir es einfach ganz. Mir persönlich tut Kaffee gut, das hat auch einen Wert. Und Studien zeigen, dass zwei Tassen am Tag völlig unproblematisch sind. Wenn wir diese strikten Regeln aufstellen, die gar nicht durch Daten gestützt sind, dann verliert man das Vertrauen.

Beim Thema Alkohol in der Schwangerschaft kommen Sie zu dem Schluss: In den ersten Monaten sind ein bis zwei kleine Gläser Wein oder Bier in der Woche vertretbar, später sogar bis zu einem Glas täglich. Dafür wurden Sie in den USA von Kinderärzten hart kritisiert. Haben Sie damit gerechnet?

Ich habe ja mit vielen Ärzten geredet und alle sagten Ähnliches: Es gibt keine stichhaltigen Belege, dass geringer Alkoholkonsum in der Schwangerschaft dem Baby schadet. Deswegen hat mich der Gegenwind, den ich bekommen habe, schon überrascht.

Macht es Sie angreifbar, dass Sie keinen medizinischen Hintergrund haben?

Ich schaue mir ja Studien an, die bereits veröffentlicht wurden, und untersuche sie auf Korrelation und Kausalität. Das ist genau mein Metier: Statistik. Darin bin ich Expertin. Und natürlich haben Ärzte meine Bücher vor Veröffentlichung gelesen. Aber am Ende geht es um Daten und nicht um medizinische Fakten.

Insbesondere Mütter werden oft verurteilt, wenn Sie sich den Regeln entziehen. Am meisten polarisiert wahrscheinlich das Thema Stillen. Wer sich dagegen entscheidet, wird mit viel Unverständnis konfrontiert.

„Breast is best“ heißt es in den USA. Als würden Frauen schon stillen, wenn man ihnen diese Botschaft nur oft genug eintrichtert. Dabei klappt es bei manchen einfach nicht. Stillen ist schwierig, es kann wehtun, manche Babys trinken schlecht. Mütter, die das erlebt haben, sagen: Diese Rhetorik rund ums Stillen hat dafür gesorgt, dass ich mich wie eine Versagerin gefühlt habe. Das finde ich schlimm.

Ihre Bücher sind sehr mütterfreundlich – was ungewöhnlich ist. Meistens hat man den Eindruck, dass sich vom Zeitpunkt der Befruchtung an alles um das Wohlbefinden des Babys dreht. Warum ist das so?

Wir haben immer weniger Kinder, und gleichzeitig ist die Zeit, die wir in unsere Kinder investieren, immer mehr geworden ist. Wirtschaftswissenschaftler sehen da einen Zusammenhang: Wir haben weniger Kinder, damit wir mehr in ihr Humankapital investieren können. Es gibt aber auch eine soziologische Erklärung: Weil wir Kinder immer später bekommen, fühlt es sich an wie eine Leistung, die wir erbringen: Ich bekomme einen Platz an einer tollen Universität, den tollen Job, die Beförderung. Und dann bekomme ich das beste Kind. Natürlich ist das albern, aber so entsteht das Bedürfnis, alles zu tun, um das beste Kind zu schaffen. Was die Eltern brauchen, ist dann nebensächlich. Ich wünsche mir, dass sich das ändert.

Die Antworten in Ihren Büchern könnte man so zusammenfassen: Es ist kompliziert. Zum Beispiel wie viel Fernsehen schädlich ist. Sie sagen, dass selbst die Kleinsten keinen größeren Schaden davon tragen, wenn sie fernsehen, dass es aber für Eltern eine Entlastung sein kann, mal eine halbe Stunde Ruhe zu haben.

Screentime war während des Lockdowns ein großes Thema. Meine Kinder schauen normalerweise nicht viel Fernsehen. Und dann kam Corona und ich ließ sie jeden Tag fernsehen. Es gab keinen Weg dran vorbei. Ich musste arbeiten. So ging es vielen. Was ich sagen will: Es gibt viele vernünftige Wege, Kinder zu erziehen. Und selbst wenn Daten belegen, dass das eine oder andere besser ist, sind die messbaren Unterschiede oft klein. Es geht also auch darum, was für die jeweilige Familie passt.

Aber selbst bei Ihnen höre ich ein schlechte Gewissen heraus, wenn Sie darüber reden, wie viel Ihre Kinder im Lockdown ferngesehen haben. Warum werden wir so irrational bei diesen Fragen?

Wir wollen alles richtig machen. Ein anderes Beispiel: Ich habe selbst ein Jahr lang gestillt und es war nicht einfach. Ich habe Stunden in meinem Büro damit verbracht, Milch abzupumpen. Mein Büro damals hatte große Fenster, die habe ich jedes Mal mit Papier abgeklebt. Ich wollte unbedingt stillen, auch wenn es nicht in meinen Alltag passte. Wenn wir uns so abmühen, wollen wir, dass es sich lohnt. Außerdem können die Entscheidungen der anderen sich so anfühlen, als seien sie indirekt eine Beurteilung unser eigenen Entscheidungen.

Was sie ja auch oft sind. Stichwort „Mommy Wars“. Die Mütter-Kriege. Warum kämpfen Frauen gegeneinander, statt sich gegenseitig darin zu unterstützen, den je eigenen Weg zu gehen?

Man will dazugehören und stärkt die Gruppe, in der man sich bewegt, indem man das Verhalten der anderen für falsch erklärt. Ich habe eine gute Freundin, die nach der Geburt ihres Kindes gesagt hat: Stillen ist nichts für mich, ich mache das nicht. Ich habe sie bewundert für ihre Klarheit. Wenn du so eine Entscheidung mit Selbstbewusstsein triffst, lassen dich die Leute irgendwann in Ruhe. Aber es ist eben schwer, nicht an sich zu zweifeln.

Wie schaffen wir es also, entspannter mit unseren Kindern umzugehen?

Witzig, dass Sie mich das fragen, ich bin das genaue Gegenteil von entspannt. Neulich erst schrieb mir jemand: Sie müssen eine so entspannte Mutter sein. Mein Mann hat sich kaputtgelacht, als ich ihm das vorlas.


Emily Oster: Das einzig wahre Schwangerschafts-Handbuch. Piper, München 2020. 352 Seiten, 14 Euro.

Emily Oster: Das einzig wahre Baby-Handbuch. Piper, München 2020. 397 Seiten, 14 Euro.