BerlinCorona-Zeit ist Stresszeit für Schulleiter. Aber Jan Niedergesäß, stellvertretender Schulleiter an der Kolumbus-Grundschule in Neukölln, nimmt sich zehn Minuten Zeit. Er sagt, es habe sich nicht viel verändert seit den Sommerferien. „Natürlich herrscht eine gewisse Anspannung, aber an die hat man sich fast schon gewöhnt. Und ich glaube, insgesamt sind die Eltern dankbar, dass ihre Kinder ganz normal zur Schule gehen können. Und die Lehrer sind dankbar, dass sie ganz normal unterrichten können“, sagt er der Berliner Zeitung. 

Die Kolumbus-Grundschule steht – wie alle anderen Schulen in Reinickendorf – seit Montag auf der Stufe Orange. Deshalb können die Arbeitsgemeinschaften nicht mehr stattfinden und der Religionsunterricht wird nur noch jede zweite Woche angeboten. „Aber das ist zu verschmerzen,“ so Niedergesäß.

Das Ernst-Abbe-Gymnasium liegt an der Sonnenallee und war die einzige Neuköllner Schule, die vor den Herbstferien komplett geschlossen wurde. Nach den Herbstferien hat die Schule ihren Betrieb wiederaufgenommen und steht jetzt auf Stufe Orange. Der Schulleiter empfindet es als Fortschritt, dass er jetzt eine juristische Grundlage dafür hat, dass alle Schüler im gesamten Gebäude eine Maske tragen müssen. Bisher hatte das Tragen der Maske ja nur Empfehlungscharakter. „Und das war nicht genug“, sagt Tilmann Kötterheinrich-Wedekind, der sich auch im Interessenverband Berliner Schulleitungen (IBS) engagiert. „Deshalb darf ich freier sprechen als viele meiner Kollegen.“

Er findet den Stufenplan grundsätzlich gut, kritisiert aber manches bei seiner Umsetzung. So spricht er zum Beispiel von einem „Bezirksförderalismus“ und meint damit: „Jeder Bezirk macht sein eigenes Ding.“ Er wünscht sich mehr Transparenz und Einheitlichkeit bei den Kriterien, die zur Einordnung auf einer bestimmten Stufe führen.

Auch findet er es wichtig, dass die Schulleitungen in die Beratungen zwischen dem Gesundheitsamt und der Schulaufsicht offiziell einbezogen werden. Es heißt zwar, ihre Auffassung werde gehört. Aber sehr oft werden sie doch vor vollendete Tatsachen gestellt. Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) betone zwar, Schulleiter hätten nun einmal keine medizinische Expertise. „Aber dafür haben sie sozialräumliche und bautechnische Expertise, und sie kennen die Schülerschaft.“

Sorgen macht ihm, dass manche Gesundheitsämter die Nachverfolgung der Infektionsketten eingestellt haben. „In Neukölln gilt jetzt: Wenn ein Vater krank ist, müssen sämtliche Familienmitglieder in Quarantäne. Und weil die Tests teuer sind, werden viele Kinder dann gar nicht mehr getestet. Das heißt, wir wissen nicht mehr so genau, wie viele unserer Schüler positiv und mit dem Virus schon rumgelaufen sind.“

Unter Neuköllner Schulleitern hat sich deshalb die Rede von einer „Schattenstatistik“ eingebürgert. Auch blicken sie unruhig auf die Tatsache, dass die Kinder, die mit einem infizierten Kind in der Klasse sind, auf Stufe Orange automatisch in die Kategorie 2 eingeordnet werden. Die Logik der Bildungsverwaltung ist: Schließlich haben alle eine Maske getragen und es wurde gelüftet, also war das Risiko für die Ansteckung relativ gering. Das eigentlich erfreuliche Ergebnis ist, dass es weniger positiv getestete Kinder gibt und weniger Kinder, die in Quarantäne geschickt werden.

Aber so richtig freuen kann man sich darüber nicht. Denn nun entsteht eine Kluft – und bei vielen Lehrern an der Ernst-Abbe-Schule das Gefühl, „dass die offizielle Statistik das tatsächliche Pandemie-Geschehen nicht mehr richtig abbildet“. Sie sei aber nun mal die Grundlage für die Einstufung der Schule.

„Mensch, warum stehen wir nicht längst auf Stufe Rot? Das fragen sich viele Eltern und Lehrer an unserer Schule.“ Schließlich gibt es in Neukölln eine Inzidenz von 257,3 Infektionen auf 100.000 Einwohner, und im Ernst-Abbe-Gymnasium wurde schon wieder eine Lerngruppe in Quarantäne geschickt. „Wir haben jedenfalls ein Konzept für hybrides Lernen und sind auch technisch darauf vorbereitet,“ sagt Kötterheinrich-Wedekind.

Tom Erdmann, der Vorsitzende der GEW Berlin, denkt in eine ähnliche Richtung. Auch er findet, dass die Stufe Rot „früher gezündet werden müsste“ und dass man einheitliche Kriterien für alle Berliner Bezirke braucht. „Wir sollten uns ein Beispiel nehmen an Niedersachen. Dort sagt man: Bei einer Inzidenz von 100 Infektionen auf 100.000 Einwohner und Corona-Fällen an der eigenen Schule wird die Schule automatisch auf Rot gestellt“.

Bei den Lehrern, die Mitglieder seiner Gewerkschaft sind, gehen die Meinungen momentan sehr auseinander: „Die einen begrüßen das Mantra des Regelbetriebs. Und dass man sagt: Wir halten auf Teufel komm raus die Schulen offen – und die anderen glauben, dass wir die Schulen insgesamt länger offenhalten können, wenn wir sie früher auf hybrides Lernen umstellen.“